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Einleitung

13.08.2018

Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Matthäus 6,9-13

 

Das „Vaterunser“ zählt zweifellos zu den bekanntesten Textabschnitten der gesamten Bibel. Wahrscheinlich ist es sogar der bekannteste Bibeltext, zählt er doch vor allem innerhalb der Landeskirchen quasi zur Standardliturgie. Ob bei Hochzeiten, Beerdigungen, Kindertaufen, Konfirmationen oder sonstigen Festgottesdiensten, es ist nahezu die Norm, dass alle Gottesdienstbesucher dazu aufgefordert werden, gemeinsam das Vaterunser zu sprechen. Wollte man dem etwas Positives abgewinnen, könnte man sagen, dank dieser Kirchenliturgie ist der Bibeltext einer breiten Maße von Menschen bekannt. Die Frage jedoch ist, ob es der Absicht des HERRN entsprach, dass dieses Gebet als Standardgebet für Jedermann dienen soll? Beachtet man das Textumfeld, muss man dies nicht nur ganz klar verneinen, sondern zu dem feststellen, dass Jesus sogar genau das kritisiert hat. Es war nie Seine Absicht, dass man diesen Text gedankenlos herunterleiern soll, im Gegenteil, ER stellte dieses Gebet ganz klar in den Gegensatz zum gedankenlosen Geplapper der Heiden.

Beachten wir hierzu, dass ER dem Vaterunser die einleitenden Worte: „Darum sollt ihr so beten“ vorangestellt hat. Wenn wir uns nun fragen, worauf sich dieses „Darum“ bezogen ist, dann zeigt uns der Bibeltext unübersehbar, dass es sich auf das leere Geplapper der Heiden bezieht. Um Seinen Jüngern deutlich vor Augen zu stellen, wie sie nicht beten sollen, hat Jesus diese falsche Gebetspraxis offengelegt und ihnen dabei folgendes gesagt: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten. Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden. Seid ihnen nun nicht gleich! Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet (Matthäus 6,5-8).

Zusammengefasst kann man feststellen, dass es beim Beten weder darum geht, endlos viele Worte zu machen, noch darum durch das Gebet andere beindrucken zu wollen. Vielmehr gilt es sich dessen Bewusst zu sein, was man betet. Und wohlgemerkt, es geht Jesus nicht darum, dass das Vaterunser aufgesagt werden soll, ER spricht von „Gebet“. „Darum sollt ihr so beten!“ Gebet bedeutet mit dem Höchsten zu reden, mit dem Schöpfer von Himmel und Erde, dem allmächtigen Gott, der unser Leben in Händen hält. Sollte man hier etwa unbedachte Worte vorbringen? Wenn man zu früheren Zeiten die Möglichkeit bekam, beim König vorzusprechen, konnte man sich dabei buchstäblich um Kopf und Kragen reden, wieviel mehr sollte man sich Gedanken machen, was man gegenüber dem Allerhöchsten bekundet? Psalm 50,14 fordert uns auf: Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde. Das heißt, wenn ich vor Gott etwas gelobe, dann dürfen dies keine leeren Worte sein, vielmehr verpflichte ich mich selbst dazu, mich daran zu halten. Natürlich ist das Vaterunser in dem Sinne kein Gelöbnis, so wie beispielsweise das Eheversprechen, aber dennoch bekundet man durch dieses Gebet etwas vor Gott, und sollte sich daher vorher überlegen, ob das wirklich dem Wunsch des eigenen Herzens entspricht. Jesus sagte Seinen Jüngern: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel!“ (Mt 5,37). Diese Worte sind ebenfalls Bestandteil der Bergpredigt und sie zeigen uns, dass Jesus von Seinen Nachfolgern erwartet, dass man sich auf ihre Worte verlassen kann. Wir sollten also nicht dafür bekannt sein, dass auf unsere Worte kein Verlass ist, sondern im Gegenteil, wir sollten zu den Menschen zählen, die zu ihrem Wort stehen. Wenn wir also jemanden etwas versprechen, sollten wir auch darauf bedacht sein, uns daran zu halten, wieviel mehr sollte dies gelten, wenn wir etwas gegenüber Gott bekunden?

Nichts kann also verkehrter sein, als Menschen dazu anzuleiten, das Vaterunser einfach gedankenlos aufzusagen. Wie gesehen, war es nämlich genau das, wovor Jesus gewarnt hat, indem ER dem Vaterunser das Negativbeispiel des unbedachten Geplappers der Heiden gegenübergestellt hat. Seine Jünger sollen keine leeren Phrasen herunterleiern, sondern sich darüber im Klaren sein, was sie vor Gott bekunden. Aus diesem Grund sollte das Vaterunser auch nicht als starres Gebet verstanden werden, das auswendig aufgesagt werden soll, sondern vielmehr als ein Leitfaden, wie ein Gebet aufgebaut sein sollte; womit es beginnen soll und was es beinhalten sollte.

Ist es nicht paradox, dass die Landeskirchen eher zum Gegenteil anleiten, indem sie einfach alle Gottesdienstbesucher auffordern, dieses Gebet aufzusagen? Wie viele Menschen handeln aus einer Art Gruppenzwang und sprechen einfach dieses Gebet auf und kommen sich dabei wahrscheinlich sehr fromm vor, doch dass gerade dieses Gebet überhaupt nicht dazu geeignet ist, wird deutlich, wenn man sich Gedanken über den Inhalt dieses Gebetes macht, und dies soll Inhalt dieser Beitragsreihe sein. Da Jesus selbst damit begonnen hat zunächst vor den falschen Gebetspraktiken zu warnen, liegt es nahe ebenso vorzugehen. Tut man dies, kann man nur sagen, die Praxis der Landeskirchen, widerspricht der Lehre des HERRN von Grund auf, denn ER hat klar gezeigt, dass dies ein Gebet ist, dass für Seine Jünger gedacht ist. Warum dem sie ist, werden wir im Laufe dieser Wortbetrachtung mehrfach feststellen können.

Doch um auf die kirchlichen Praktiken zurückzukommen, sei erwähnt, dass es eine Praxis gibt die noch schlimmer ist, und diese ist in der katholischen Kirche zu finden, wo es nicht unüblich ist, dass auf das Sündenbekenntnis bei der Beichte, zur Wiedergutmachung die Aufforderung folgt, zehnmal das Vaterunser zu beten. Wie weit ist doch diese Vorstellung von der Bedeutung dieses Gebets entfernt? Ja, wie weit überhaupt von dem, was unter Gebet zu verstehen und zu sehen ist? Gebet bedeutet doch mit Gott zu reden, wie kann man daraus eine Strafarbeit machen? Gebet ist, wie Martyn Lloyd Jones sehr treffend auf den Punkt bringt, die höchste Aktivität der menschlichen Seele. * Somit ist nichts abwegiger als zu vermitteln, es sei dazu gedacht sich durch mehrmaliges Aufsagen wieder Pluspunkte bei Gott zu verschaffen. So als würde es dazu dienen die eigene Schuld abzuarbeiten, indem man sich in eiserner Disziplin dazu zwingt, dieses Gebet zehnmal aufzusagen. Wie gesagt, ehe Jesus dieses Gebet gelehrt hat, war es IHM wichtig vor falschen Gebetspraktiken zu warnen. Was ER dabei erwähnt hat, war sowohl die falsche Auffassung der Heiden, als auch die verkehrte Herzenshaltung der Schriftgelehrten und Pharisäer. Das heißt, die fromme Elite, lag ebenso daneben wie jene, die in völliger Gottesferne lebten. Bei den Heiden hätte es wohl niemand verwundert, dass dem so ist, doch ist es nicht erstaunlich, dass jene, die das Reich Gottes zu jener Zeit offiziell repräsentierten - jene, die sich auf den Lehrstuhl des Moses gesetzt hatten - ebenso daneben lagen?

Heute kommt es uns vielleicht nicht so verwunderlich vor, dass dem so war, denn wer die Evangelien liest, kann kaum übersehen, dass Jesus die religiösen Führer immer wieder kritisiert hat. Doch so klar man das sehen und erkennen mag, was wir benötigen ist die wahre Sichtweise, wie es um den Zustand dessen bestellt ist, was in unserer Zeit als offiziell, anerkanntes Christentum gesehen wird. Das Wort Gottes ist uns nicht als Geschichtsbuch gegeben, um feststellen zu können, was zu früheren Zeiten schiefgelaufen ist, sondern vielmehr als ein Spiegel, der uns vorgehalten wird, um die Missstände in unserer Generation aufzudecken. Doch selbst wenn man hierbei nur die Landeskirchen ausfindig machen will, hat man das Wort Gottes nicht richtig angewendet, denn zu aller erst spricht das Wort immer zu uns selbst. Das heißt, es geht zunächst einmal um meine eigene Herzenshaltung. Wir müssen das Wort Gottes auf unser Herz anwenden. Genau unter dieser Prämisse, wollen wir uns nun mit dem Inhalt des Vaterunsers befassen und hier sei vorab noch einmal ausdrücklich bemerkt, dass Jesus uns hier eine Art Mustergebet vor Augen stellt. Es sind praktisch die Leitgedanken, die ein Gebet, das nach dem Willen des Vaters ist, ausmacht. Wichtig dabei ist, wie gesagt, dass man dieses Gebet nicht nur gedankenlos aufsagt, sondern in dem Bewusstsein, welche Bitten man damit vor Gott bringt. Ebenso wenig darf es darum gehen, Eindruck auf andere Menschen machen zu wollen, vielmehr geht es darum, sich dem Vater im Himmel, mit der gebührenden Ehrfurcht zu nähern. Ferner sollte uns bewusst sein, dass Beten niemals als lästige Pflicht gesehen werden sollte oder als etwas, um Wiedergutmachung zu betreiben. Vielmehr gilt, was Martyn Lloyd Jones sagt: Beten ist nicht nur die höchste Aktivität unserer Seele, es ist auch der endgültige Prüfstein unseres wahren geistlichen Zustands. Anders könnte man es so sagen: Es ist festzustellen, dass das herausragende Merkmal der geistlichen Männer und Frauen, die die Welt je gekannt hat, nicht nur die Ausdauer im Gebet, sondern auch die tiefe Freude am Gebet war. Wir können keine Biographie einer der Großen im Reich Gottes aufschlagen, ohne festzustellen, dass dies nicht der Fall war. Die Wahrheit über uns als Christen wird nirgends deutlicher als in unserem Gebetsleben. Je geheiligter ein Mensch, umso mehr Zeit räumt er dem Gespräch mit Gott ein. *

Was Jesus im Vorfeld dieses Gebets deutlich gemacht hat, ist die Tatsache, dass es zwei unterschiedliche Ansätze zum Gebet gibt. Der eine Ansatz, den Jesus uns als den verkehrten vor Augen stellt, ist deswegen von Grund auf falsch, weil er die falsche Ausrichtung hat; der Beter ist nicht auf Gott, sondern auf sich selbst ausgerichtet. Wahres Gebet jedoch ist immer auf Gott ausgerichtet, dass wird durch das ganze Vaterunser hindurch unterstrichen und stellt, wie gesagt, den Gegensatz zu dem falschen Weg dar, vor dem Jesus zuvor gewarnt hat.

 

*Quellangabe: Martyn Lloyd-Jones - Bergpredigt. Band 2: "Unser Vater im Himmel..." S.53


 


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