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Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner

10.05.2019

Er (Jesus) sagte aber auch zu etlichen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten, dieses Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme! Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, im Gegensatz zu jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden (Lukas 18,9-14).

Wenn wir uns fragen, an wen sich dieses Gleichnis richtet, dann gibt uns der Text die Antwort, es richtet sich an Menschen, auf die zutrifft, was Lukas einleitend festgehalten hat: Er (Jesus) sagte aber auch zu etlichen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten, dieses Gleichnis. Wollte man die Hauptlehre dessen, was Jesus durch dieses Gleichnis deutlich macht, mit einem Satz auf den Punkt bringen, dann würde dieser lauten, dass das Evangelium selbstgerechten Menschen nichts zu sagen hat. Jene, die in der falschen Selbstsicherheit leben, sie hätten aufgrund ihrer eigenen Vortrefflichkeit einen rechtmäßigen Anspruch auf Gottes Gunst, werden am Tag des Gerichts erniedrigt werden. Gerechtfertigt werden nur diejenigen, die durch die Gnade Gottes erkannt haben, dass sie vor dem heiligen Gott wie mittellose Bettler sind. Die Liedstrophe: nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du! 1, entspricht genau dieser Haltung. Es ist das Bewusstsein, dass unsere eigene Gerechtigkeit in den Augen des heiligen Gottes wie ein beflecktes Kleid ist (vgl. Jes 64,5). Geistlich gesehen, sind wir wie jene zehn Unreinen, die von ferne stehen blieben und sprachen: „Jesus, Meister, erbarme dich über uns!“ (Lk 17,13). Diesen Männern war bewusst, dass niemand ihnen helfen konnte, als Jesus allein und gleiches gilt in geistlicher Hinsicht. Es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen (Apg. 4,12). Doch Jesus kam nicht für die Gerechten, sondern um Sünder zu retten (vgl. Mk 2,17). Wer also auf seine eigene Gerechtigkeit pocht und nicht wahrhaben will, dass er ganz und gar auf Gottes Gnade angewiesen ist, der schließt sich selbst vom Reich Gottes aus. Unmissverständlich sagt uns Gottes Wort: Wenn ihr aber durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, dann habt ihr euch von Christus losgesagt und Gottes Gnade verspielt (Gal 5,4).

Grundvoraussetzung um in das Reich Gottes zu gelangen, ist das Bewusstsein, dass wir vor Gott schuldig sind. Dies ist auch der Grund, warum Jesus selbstgefällige Menschen mit dem Gesetz konfrontiert hat. Er sagte nicht, glaube an mich und alles wird gut, sondern fragte: „Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du?“ (Lk 10,26). Der Weg nach Golgatha führt über den Berg Sinai, erst wenn unser stolzes Herz am Gesetz Gottes zerbrochen ist, realisieren wir die Bedeutung dessen, was Jesaja über Jesus prophezeit hat: Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten (Jes 53,5). Solange ein Mensch sich einredet, dass zwischen ihm und Gott alles in bester Ordnung sei, haben diese Worte keine Bedeutung für ihn. Ein stellvertretendes Opfer hält er für unnötig. So wenig wie ein gesunder Mensch einsehen würde, ein Medikament einzunehmen oder sich einer Operation zu unterziehen, so wenig wird es ein selbstgerechter Mensch für nötig erachten, seine Schuld und Sünde einzugestehen und Christus als seinen HERRN und Erlöser anzunehmen. Daher stimme ich den Worten von J.C. Ryle zu, der sagte: Menschen werden nie zu Christus kommen und bei Christus bleiben und für Christus leben, wenn sie nicht wirklich wissen, warum sie kommen sollen und was ihre Not ist. Die, die der Geist zu Jesus zieht, sind solche, die der Geist von der Sünde überzeugt hat. 2

Aus diesem Grund wird uns durch das Gesetz ein Spiegel vorgehalten, der uns zeigt, wie weit wir vom vollkommenen Maßstab Gottes abweichen. Das Gesetz ist nicht das Mittel zur Rettung, sondern hat die Aufgabe, uns bewusst zu machen, wie sehr wir einen Erlöser nötig haben. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden (Gal 3,24). Wir werden niemals in der Lage sein, uns das Heil zu verdienen, sondern sind vollkommen auf Gottes Gnade angewiesen. Der Zöllner hatte dieses Bewusstsein, sein Herz war zerbrochen, er sah in seinem eigenen Leben und tun absolut nichts, auf das er hoffen konnte. Alles, was er vorzuweisen hatte, war seine eigene Unzulänglichkeit und sein Versagen. Ihm war klar, dass er nicht in der Lage war, sich selbst zu retten, somit konnte er nur auf Gottes Erbarmen hoffen und um Gnade flehen. Seine Sündenlast drückte ihn offensichtlich so sehr, dass er sich in seiner Verzweiflung an seine Brust schlug und sprach: „O Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Dass dies ein Gebet ist, das Gott nicht abweisen wird, zeigt uns Jesus, indem ER sagt: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, im Gegensatz zu jenem. Dem demütigen Zöllner wurde Vergebung zuteil, der hochmütige, selbstgefällige Zöllner hingegen wurde nicht gerechtfertigt. Egal wie viel er sich auf seine eigenen Verdienste eingebildet hat, Gottes Gunst hatte er sich damit nicht verdienen können, im Gegenteil: Gott widerseht den Hochmütigen, den Demütigen jedoch gibt er Gnade (vgl. Jak 4,6; 1.Petr 5,5). Darum haben wir das Evangelium erst dann richtig erfasst, wenn wir, wie der Apostel Paulus, aus tiefster Herzensüberzeugung sagen können: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin (1.Tim 1,15). Haben wir dieses Empfinden, können wir uns in der unzähligen Schar der Sünder ganz vorne einreihen oder gleicht unsere Herzenshaltung eher der Überzeugung des hochmütigen Pharisäers? Anstatt sich seiner Schuld vor Gott bewusst zu sein, war er voller Selbstsicherheit, anstatt um Gnade und Vergebung zu bitten, zählte er nur seine eigenen Verdienste auf und sah verächtlich auf den Zöllner herab. Auffällig dabei ist auch, dass sein Gebet keine einzige Bitte enthält. Die Worte aus Offenbarung 3,17 bringen seine selbstgefällige Einstellung auf den Punkt: Du bildest dir ein: ›Ich bin reich und habe alles, was ich brauche. Mir fehlt es an nichts!‹ Da machst du dir selbst etwas vor! Du merkst gar nicht, wie jämmerlich du in Wirklichkeit dran bist: arm, blind und nackt. Aufgrund dieser Arroganz hielt es der Pharisäer nicht für notwendig, Gott um etwas zu bitten. In seiner Verblendung hielt er sich für so vortrefflich, dass er weder um Gnade noch um Vergebung gebeten hat. So sehr er auch davon überzeugt war, weit über dem verachteten Zöllner zu stehen, so deutlich zeigt uns Jesus durch dieses Gleichnis, dass dies ein gravierender Irrtum war: nicht der stolze, selbstgefällige Pharisäer verließ den Tempel gerechtfertigt, sondern der demütige Zöllner, der seine Sünde eingesehen und bekannt hatte. Daher gilt, was J.C. Ryle treffend formuliert hat: Nie befinden sich die Herzen der Menschen in einem derart hoffnungslosen zustand, als wenn sie ihre eigenen Sünden nicht empfinden… Wir sind nie auf dem Weg des Heils, bis wir erkennen, dass wir verloren, verdorben, schuldig und hilflos sind.3

Nichts steht dem Evangelium mehr im Weg, als die Überzeugung, gut und gerecht zu sein und genau das war bei jenen der Fall, die Jesus mit diesem Gleichnis konfrontiert hat. Es waren Menschen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten. Doch der Vergleich mit anderen Menschen, ist kein Maßstab, der vor Gott bestand hat, im Gegenteil, an anderer Stelle sagte Jesus sogar: Ihr seid's, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen. Denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott (Lk 16,15). Was für diese Aussage gilt, gilt auch für das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: Jesus hat das Wertesystem und die Denkweise Seiner Zuhörer völlig auf den Kopf gestellt. Die Pharisäer waren sehr angesehen und wurden von allen als geistliche Autoritäten respektiert und geschätzt, Zöllner hingegen standen auf einer Stufe mit den Prostituierten. Man hat sie verachtet, weil man in ihnen Verräter sah, die ihr eigenes Volk ausbeuteten. Ich bin überzeugt, Jesus hat diesen Kontrast, der kaum extremer sein konnte, ganz bewusst gewählt, um uns in aller Deutlichkeit vor Augen zu malen, dass wir vor dem heiligen Gott niemals durch menschliche Anstrengungen gerecht werden können. Selbst durch unsere besten Bemühungen können wir Gott weder beeindrucken, noch Seine Gunst gewinnen. Egal wie religiös und vorbildlich ein Mensch auch sein mag, selbst seine besten Werke werden nicht ausreichen, um am Tag des Gerichts zu bestehen. Wir sind also vollkommen auf Gottes Gnade angewiesen, kein Mensch kann durch Gesetzeswerke vor Gott gerecht werden (vgl. Röm 3,20). Ohne Ausnahme gilt für alle wahren Kinder Gottes: Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist (Röm 3,24). Somit stellt sich die Frage, vertrauen wir auf das, was wir getan und gleistet haben oder auf das, was Christus vollbracht hat?

An dieser Frage scheidet sich das wahre Evangelium von falscher Religion. Alle Abweichungen zum wahren Evangelium basieren auf dem Irrtum, man könne sich die Gunst Gottes durch religiöses Bemühen verdienen, sodass das Heil auf ein Verdienstprinzip gegründet wird, durch das man sich seinen Platz im Himmelreich erwerben kann. Anstatt auf das vollkommene Erlösungswerk zu vertrauen, das Christus vollbracht hat, vertraut man lieber auf eigene Verdienste und hier kommen, wie John MacArthur schreibt, gute Werke, Sakramente oder religiöse Zeremonien ins Spiel, Wohltätigkeit, ein asketischer Lebensstil oder (seit Neuestem) das Engagement für ein politisches Anliegen, eine Umweltschutzkampagne oder ein neues Wertesystem… Die meisten Menschen denken genauso wie der Pharisäer im Gleichnis Jesu: Ich bin nicht so schlecht wie andere; ich bin doch ganz in Ordnung… Und man muss noch nicht einmal ein eingefleischter Pharisäer sein, um so zu denken, selbst eingefleischte Atheisten reden sich ein, dass sie ganz anständig, ehrenwert, großzügig und in jeder Hinsicht gut seien… Obwohl sie nicht an Gott glauben, verspüren sie den unwiderstehlichen Drang, sich selbst zu rechtfertigen. Jede Umfrage, in der dieses Thema angesprochen wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten Menschen annehmen, sie seien gut genug, um in den Himmel zu kommen – oder immerhin so gut, dass Gott sie unmöglich in die Hölle schicken kann.4

Wenn wir die Lehre dieses Gleichnisses auf unsere Leben anwenden wollen, dann dürfen wir nicht dem Negativbeispiel des selbstgerechten Pharisäers folgen, sondern müssen die demütige Haltung des Zöllners einnehmen. Genau wie dieser Zöllner, müssen auch wir wahrzunehmen, dass wir vor Gott nichts vorzuweisen haben, außer einem Berg von Schuld, gepaart mit völligem Unvermögen. Wir sind vor Gottes Gnadenthron wie mittellose Bettler, darum bleibt uns nur eins, wir müssen vor IHM unseren Konkurs anmelden und mit den Worten des Zöllners beten: „O Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Wie kurz ist doch dieses Gebet, doch wie schwer kommt es über die Lippen selbstgerechter Menschen. Darum abschließend noch einmal die Frage: Worauf gründet sich unsere Hoffnung, worauf basiert unser Glaube? Gründet er sich wirklich auf das ein für alle Mal gültige Erlösungswerk, das Jesus Christus, der Sohn Gottes, vollbracht hat oder auf unsere eigenen Verdienste?

Ein gutes Prüfkriterium hierzu, ist der Inhalt unserer Gebete. Beten wir wie der stolze Pharisäer, der überhaupt kein Empfinden für Sünde hatte? Sind wir, genau wie er, völlig überzeugt von unserer eigenen Vortrefflichkeit oder flehen wir, wie der Zöllner, um Gnade und Vergebung, weil wir uns bewusst sind, dass wir Gottes heiligem Maßstab niemals gerecht werden können? Der Zöllner bekannte deutlich, dass er ein Sünder war. Dies ist das ABC eines echten, rettenden Evangeliums. Wir fangen nie an, gut zu sein, bis wir empfinden und sagen können, dass wir schlecht sind.5 Und wer dieses Empfinden hat, wird durch dieses Gleichnis ermutigt, Zuflucht beim Gnadenthron Gottes zu suchen. Es kommt nicht auf die Länge des Gebets an, sondern auf unsere Herzenshaltung. Wenn wir uns vor Gott erniedrigen, indem wir unsere Sünde und Unwürdigkeit wahrnehmen und bekennen, dann gilt auch für uns, was Jesus über den Zöllner sagen konnte: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, im Gegensatz zu jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden (Lukas 18,13-14).

So möchte ich abschließend auf den Punkt bringen, dass wer auch immer sich für Gläubig hält, sich im Irrtum befindet, wenn er kein empfinden für seine Sündhaftigkeit hat und sich, anstatt auf Gottes Gnade zu hoffen, auf seine eigene Frömmigkeit verlässt. Owen sagte zu Recht: Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch ein wahrer Gläubiger sein kann, für den die Sünde nicht die größte Last, Mühe und er größte Kummer ist.6 Nur wer diese Last empfindet, wird der Einladung folgen, die Jesus in Matthäus 11,27 ausgesprochen hat: "Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben."

 

Quellangaben
1. Cornelius Friedrich Adolf Krummacher – Liedtext: Stern auf den ich Schaue
2. J.C. Ryle - Seid heilig!, S. 51
3
. J.C. Ryle - Lukas Band 3, S. 89/90
4. John MacArthur - Gleichnisse, S. 174
5. J.C. Ryle - Lukas Band 3, S. 89
6. John Owen - J.C. Ryle, Seid heilig!, S. 88

 


Dies war ein Kapitel aus dem E-Book "Ein unfassbarer Diskriminierungsfall"

 

www.evangeliums-botschaft.de

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