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C. H. Spurgeon und E. J. Poole-Connor

27.11.2018

Zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter

© Georg Walter

 

 

Im Jahre 1859 erlebte Großbritannien eine Erweckung, die nahezu das ganze Land erfasste und über 1 Million Neubekehrte zählte. Ulster und Wales wurden zunächst von der Erweckung heimgesucht, und von Schottland aus, wo sich über 300.000 Menschen bekehrten, breitete sich Gottes Heilswirken bis in den Süden Englands aus, wo noch einmal etwa 600.000 Menschen zu Gott fanden. Eine Schwäche dieser Erweckung war allerdings eine gewisse Einseitigkeit, wie W. B. Glover erläutert: "... das Interesse an Theologie unter Evangelikalen war im Allgemeinen nicht vorhanden. Die Erweckung, die im Jahre 1859 ihren Anfang nahm, trug stark pietistische Züge und legte besonderen Wert auf individuelle Erfahrungen, die einzelne Christen machten; man tendierte dazu, die gesunde Lehre lediglich als ein Mittel zu diesem Zweck zu betrachten. Die Folge davon war, dass die Evangelikalen fast jede Abweichung der Lehre tolerierten, vorausgesetzt, dass die betreffende Person als brennender Evangelikaler bekannt war und der Dienst dieser Person in anderen Personen die gleichen Erfahrungen bewirkte."1

Trotz der Erweckung unter den Evangelikalen sympathisierten viele Theologen und Pastoren bereits mit den Lehren der aufkommenden Bibelkritik. David Fountain weist darauf hin, dass einige evangelikale Führer bereits in den 1860er und 1870er Jahren deutschen Bibelgelehrten öffentlich ihren Respekt zollten und auf diese Weise allmählich den Boden für die Bibelkritik bereiteten. Fountain beurteilt die darauf folgenden Jahrzehnte mit diesen Worten: "In der Zeit, die dann folgte, zwischen den 1880er und 1890er Jahren, brach die Bibelkritik wie eine Flut herein."2 Und über den einflussreichen Evangelikalen T. K. Cheyne, der sich selbst den neuen Methoden der Bibelkritik verschrieben hatte und folglich einer Akzeptanz dieser Methoden Vorschub leistete, schreibt Fountain: "... dies zeigt, wie willig die Evangelikalen waren, die Erkenntnisse der bibelkritischen Methode zu akzeptieren, wenn sie von einem Mann präsentiert wurden, der scheinbar bibeltreue Positionen vertrat."3

Die Mehrzahl der einfachen Mitglieder und Mitarbeiter evangelikaler Gemeinden in Großbritannien in den 1880er Jahren hielt noch treu an der Lehre der Irrtumslosigkeit und Verbalinspiration der Bibel fest. Doch viele der evangelikalen Theologen waren bereits Anhänger der Bibelkritik und A. M. Fairbairn, der als einer der profiliertesten Gelehrten der Bewegung galt, propagierte bibelkritische Lehren sehr erfolgreich, "indem er die altbekannten Begriffe verwendete, während er ihnen einen völlig anderen Bedeutungsinhalt verlieh." C.H. Spurgeon (1834-1892) war einer der ersten und einer der wenigen Prediger, der erfasste, wohin der Weg der Bibelkritik führen würde. Dennoch kommt Fountain zu folgender Einschätzung über Spurgeon: "Aber das Vorgehen der Modernisten war so subtil, dass selbst Spurgeon den Glaubensabfall unterschätzt und zu spät Alarm geschlagen hatte."5

Erst als es im Jahre 1887 zwischen C. H. Spurgeon und der Baptist Union, der Spurgeon angehörte, zur Down-Grade Kontroverse kam, wurde der Kampf zwischen den bibelkritischen Modernisten und dem bibeltreuen Überrest offen ausgetragen. Im Vorfeld der Kontroverse wurden in der von Spurgeon gegründeten Zeitschrift The Sword and the Trowel (Schwert und Kelle) im März und April 1887 zwei Artikel mit dem Titel "The Down-Grade" veröffentlicht, die nicht von Spurgeon stammten und auf Irrlehren der Vergangenheit hinwiesen. Der Autor warnte davor, die Lehre der Irrtumslosigkeit und Inspiration als einzige Grundlage des Glaubens zu verlassen. Erst als Spurgeon selbst im August 1887 einen dritten Artikel über den Niedergang gesunder Lehre unter den Evangelikalen seiner Zeit verfasste und die Bibelkritik als einen Weg bezeichnete, der in den Glaubensabfall führen würde, entbrannte ein heftiger Streit.

Spurgeon war nicht bereit, Kompromisse in der Lehre der Irrtumslosigkeit der Schrift einzugehen; und was seine Befürchtungen über die Folgen ungesunder Lehre anging, sollte die Geschichte ihm Recht gegeben. Dass Spurgeon nicht ein bitteres Wort über seine theologischen Gegner sagte, zeugt von seinem demütigen und heiligen Charakter. Spurgeon warf in seinem Artikel im August 1887 die Frage auf: "Jetzt ergibt sich für uns ernsthaft die Frage, inwieweit jene, die in dem Glauben verharren, der einmal den Heiligen übergeben ist, mit denen verbrüdern sollten, die zu einem anderen Evangelium abgewichen sind. Christliche Liebe hat ihre Ansprüche, und Spaltungen sollten als schwere Übel gemieden werden; aber wie weit lässt es sich rechtfertigen, wenn wir mit jenen im Bunde sind, die von der Wahrheit abweichen?"6

Es war nicht nur die Lehre der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift, die ein Opfer der modernen Bibelkritik zu werden drohte; die Lehre des stellvertretenden Sühnetodes Christi, des Sündenfalls und der Hölle, des ewigen Lebens der Gerechtfertigten und der ewigen Verdammnis wurden von den "Modernisten" umgedeutet oder ganz in Frage gestellt. Spurgeon rief seine Mitbrüder dazu auf, endlich aufzuwachen: "Inspiration und Spekulation können nicht lange in Frieden nebeneinander wohnen. Kompromisse kann es hier nicht geben. Wir können nicht an der Inspiration des Wortes festhalten und sie gleichzeitig ablehnen. Wir können nicht an das Sühneopfer glauben und es leugnen. Wir können nicht die Lehre vom Sündenfall aufrecht erhalten und dennoch von der Evolution geistlichen Lebens aus der menschlichen Natur reden. Wir können nicht die Bestrafung der Unbußfertigen anerkennen und gleichzeitig in der größeren Hoffnung schwelgen. Für einen Weg müssen wir uns entscheiden. Das zu erkennen ist die Tugend der Stunde."7

Was für eine Enttäuschung muss es für Spurgeon gewesen sein, als ihm klar wurde, dass die Irrtümer sich bis in seine Baptisten Union hineingefressen hatten. Am 28. Oktober 1887 fasste Spurgeon den Entschluss, sich von der Baptist Union zu trennen. In der Novemberausgabe von The Sword and the Trowel schrieb Spurgeon ernüchtert: "Solche, die an das Sühneopfer Christi glauben, haben sich jetzt mit denen zusammengetan, die es auf die leichte Schulter nehmen, Bibelgläubige sind mit jenen im Bunde, die die volle Inspiration leugnen. Jene, die an der evangelischen Lehre festhalten, haben sich öffentlich mit denen verbündet, die den Sündenfall eine Fabel nennen, die die Persönlichkeit des Heiligen Geistes leugnen, die Rechtfertigung aus Glauben unmoralisch nennen und darauf bestehen, es gebe nach dem Tode noch weitere Bewährungsmöglichkeiten."8

Spurgeon betonte, dass er anderen niemals seine calvinistischen Überzeugungen aufzwingen wollte und dass Einheit bei ihm mit allen Brüdern aller denominationellen Richtungen möglich wäre, solange diese an den fundamentalen Wahrheiten der Bibel festhielten. Was Spurgeon indes vehement einforderte, war die Abkehr von Kompromissen und das klare Bekenntnis zur uneingeschränkten Autorität der Bibel. Spurgeon ahnte, dass die Evangelikalen seiner Zeit ihr christliches Erbe von Gottes Wahrheit auf dem Altar moderner Bibelkritik opfern würden, wenn sie sich nicht entschieden von der Bibelkritik abwandten.

Die Situation seiner Zeit erfasste Spurgeon klar, als er schrieb: "Heute sind wir von Männern umgeben, die Christus predigen und die sogar das Evangelium predigen; aber sie predigen auch eine Menge anderer Dinge, die nicht wahr sind, und damit zerstören sie all das Gute, das sie verkünden und führen Menschen in den Irrtum. Man würde sie als 'evangelikal' bezeichnen, und doch gehören sie tatsächlich einer anti-evangelikalen Schule an... Ich habe gehört, dass ein Fuchs, der von Jagdhunden fast eingeholt wird, vorgibt, selbst ein Jagdhund zu sein und mit der Meute rennt. Genau das tun einige von ihnen jetzt: die Füchse wollen den Anschein erwecken, sie seien Jagdhunde... Es gibt Verkündiger, bei denen es uns schwerfällt zu sagen, ob es sich um Jagdhunde oder Füchse handelt, aber jedermann wird unseren Charakter erkennen, solange wir leben, und sie werden keine Zweifel daran haben, was wir glauben und lehren. Wir werden nicht zögern, mit der deutlichsten Sprache und den klarsten Worten das zu verkünden, was wir als fundamentale Wahrheiten ansehen."9

Der Baptistenprediger und Autor E. J. Poole-Connor (1872-1962), auf den Spurgeon einen tiefen Eindruck machte, war beim Tode des bekannten Baptistenpredigers ein junger Mann von 20 Jahren. Dennoch sollte sich Poole-Connor wie Spurgeon in seinem Dienst als ein treuer Verkündiger des Evangeliums und als ein Wächter erweisen, der nicht den Menschen, sondern alleine Gott gefallen wollte. Er war einer der wenigen Evangelikalen, der immer wieder seine Stimme erhob und vor dem Abweichen vom schmalen Weg der Wahrheit warnte. Im Jahre 1943 schrieb er ein Buch mit dem Titel Denominational Confusion and the Way Out (Verwirrung unter den Denominationen und der Ausweg). Poole-Connor beschrieb in diesem Buch, wie die evangelikale Bewegung in fundamentalen Lehren geeint war, bis die Bibelkritik im 19. Jahrhundert Gestalt annahm.

Über diesen Wendepunkt evangelikaler Geschichte und dessen Auswirkungen schreibt Poole-Connor: "Die Freien Gemeinden [Evangelikalen] von heute würden ebenso wenig daran denken, das Bekenntnis von Westminster [reformiertes Glaubensbekenntnis] oder die ursprünglichen grundlegenden Glaubensüberzeugungen der Evangelischen Allianz zu akzeptieren, wie sie sich vorstellen könnten, dass die Erde eine Scheibe ist. Über ihre strikt konfessionelle Bedeutung hinaus stehen die Namen für Denominationen für nichts mehr. Auch wenn man einer Person vorgestellt wird, die sich als Presbyterianer oder Kongregationalist oder Baptist oder Methodist ausweist, hat man nicht den leisesten Anhaltspunkt darüber, was er wirklich glaubt. Man weiß noch nicht einmal, ob er ein überzeugter Protestant ist, oder ob er sich auf dem Weg nach Rom befindet."10

Neben dem bekannten reformierten Prediger und Autor Martyn Lloyd-Jones (1899-1981) war Poole-Connor einer der wenigen, der sich kritisch zu dem Dienst von Billy Graham äußerte. Billy Graham hatte einen erstaunlichen Wandel in seinem evangelistischen Dienst durchgemacht. Nachdem er in seinen frühen Jahren die katholische Kirche und deren Lehre ablehnte, buhlte er bereits in den 1950er Jahren nicht nur um die Unterstützung aller protestantischen Kirchen, sondern auch um die der katholischen Kirche. Nur mit der Unterstützung aller Kirchen gelang es ihm, seine evangelistischen Feldzüge durchzuführen und derart große Massen anzuziehen. Doch nicht alle Evangelikalen sahen Gottes Hand in den Massenevangelisationen Grahams. Eine Reihe von evangelikalen Stimmen wurden laut, die sich besorgt darüber äußerten, dass Graham seine "Bekehrten" zurück in die katholische Kirche sandte, deren unbiblische Lehren nicht mit den reformatorischen Grundsätzen in Einklang standen. Und auch Poole-Connor konnte nie verstehen, warum Billy Graham Menschen den Weg in eine Kirche wies, die nicht das biblische Evangelium verkündigte. Grahams ökumenische Ausrichtung betrachtete er nicht als Segen, sondern als Abkehr von Gottes Willen.

Poole-Connor schrieb: "Gewiss herrscht hier große Verwirrung. Wir alle befürworten interdenominationelle Zusammenarbeit, sofern sie auf der Einheit in grundlegenden christlichen Lehren gegründet ist; aber gemeinsame Veranstaltungen zwischen denen, die an die Bibel glauben und denen, die an der Bibel zweifeln, zwischen jenen, deren Ansichten über die Person und das Werk unseres Herrn Jesus Christus Welten auseinanderliegen - all dies fasst man unter die Begriffe 'konservativ' und 'liberal' zusammen -, ist uns unverständlich. Auf welcher gemeinsamen Autorität stehen sie? Welches gemeinsame Evangelium können sie verkünden? Auch sollten wir uns nicht von einer falschen Demut blenden lassen, die von uns verlangt, dass wir zugeben müssen, 'keiner habe alle Antworten.' Was die Fundamente des Glaubens angeht, haben wir nämlich die Antworten aufgrund der Gnade; denn Christus und die Schrift haben uns gelehrt, welche diese sind."11

Dr. Lloyd-Jones schätzte den Dienst von Poole-Connor und schrieb über ihn: "Er war nicht die Art von Mensch, die nur Lob für andere hatte, und der unter einem Heiligen eine Person verstand, die mehr oder weniger kein Rückgrat besaß und einfach nur umgänglich, angenehm und freundlich war. Er hielt sich an das neutestamentliche Muster. Er suchte die Konfrontation nicht, aber er war der Überzeugung, dass man ihr nicht ausweichen konnte, wenn die Wahrheit verwässert wurde. Das Neue Testament ist ein sehr polemisches [von scharfer Auseinandersetzung charakterisiertes] Dokument. Er stellte den Irrtum bloß und verwarf ihn, weil er die Wahrheit so liebte und empfand, dass dies der richtige Weg sei."12

Obgleich Pool-Connor wie Spurgeon selbst einen einsamen Weg ging, glaubte er bis ins hohe Alter an die Möglichkeit einer Heimsuchung der Gnade Gottes. 1957 predigte er in Cardiff über Erweckung. David Fountain schrieb über diese denkwürdige Predigt: "Einige betrachten diesen Tag als den Höhepunkt seines Lebens. Dieser gottesfürchtige Mann mit 85 Jahren verfügte über ein erstaunliches Maß an geistlicher Kraft, das jeder der Anwesenden spüren konnte. Er wusste, was Erweckung wirklich war... Er trug das Sehnen nach Erweckung viele Jahre lang in seinem Herzen... Er tat alles, was in seiner Macht stand, um den Weg für eine solche Zeit zu ebnen, aber er sollte es nicht erleben. Andere äußerten seit dieser Zeit ihre Ansichten über Erweckung. Einige sind so weit gegangen, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass der Heilige Geist möglicherweise durch Kompromisse betrübt worden ist, aber die Mehrheit zog eine solche Möglichkeit nicht in Betracht."13

E. J. Poole Connor ging am 20. Januar 1962 in die Herrlichkeit ein. Er wurde auf dem West Norwood Friedhof in London unweit von C. H. Spurgeon begraben, dem Mann, der ihm so viel bedeutet hatte. Kurz nach seiner Beerdigung wurde ein Gedenkgottesdienst für ihn abgehalten. Seine Weggefährten legten Zeugnis von einem Mann ab, der Gott treu diente, ein heiliges Leben vor Gott führte und die Wahrheit des Evangeliums mehr liebte als die Gunst und Ehre unter den Menschen. E. J. Poole-Connor liebte den Oberhirten der Schafe, den Herrn Jesus Christus, mehr als die Schafe, ohne jemals bitter oder lieblos zu werden. Hierin kann er allen ein Vorbild sein, die in unseren Tagen mit all ihren Kompromissen und dem Ruf nach einer falschen Einheit den Weg einer treuen Nachfolge gewählt haben.

 

 

Quellangaben:

1.   W. B. Glover, Evangelical Nonconformists and Higher Criticism in the 19th Century, Independent     Press, London, 1954, S.93.
2.   David G. Fountain, Contending for the Faith, The Wakeman Trust, London, 1966, S.56.
3.   Ebd.
4.   Ebd., S.57.
5.   Ebd., S.58.
6.   Iain H. Murray, C. H. Spurgeon - wie ihn keiner kennt, RVB, Hamburg, 1999, S.143.
7.   Ebd., S.143.

8.   Iain H. Murray, C. H. Spurgeon - wie ihn keiner kennt, RVB, Hamburg, 1999, S.144.
9.   C. H. Spurgeon, The Greatest Fight in the World,  Ambassador-Emerald, 1999, S.49.
10. David G. Fountain, Contending for the Faith, The Wakeman Trust, London, 1966, S.130.
11. Ebd., S.143.
12. Ebd., S.158.
13. Ebd., S.160.

 

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