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7. Und führe uns nicht in Versuchung...

sondern erlöse uns von dem Bösen

 

Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Matthäus 6,9-13

 

Ende letzten Jahres kam ausgelöst durch Papst Franziskus die Diskussion auf, ob das Vaterunser an dieser Stelle falsch übersetzt sei. Laut seiner Auffassung sei dies keine gute Übersetzung, denn nicht Gott, sondern der Satan führe die Menschen in Versuchung. „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen.“ Die Übersetzung „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ träfe es besser.1  Franziskus plädiert sogar für eine Änderung des Bibeltextes, doch wo würden wir hinkommen, wenn wir alles ändern, was uns im Wort Gottes kopfzerrbrechen bereitet? Wenn wir etwas nicht auf Anhieb verstehen, muss dies noch lange nicht bedeuten, dass es falsch ist. Auf den ersten Blick mag uns diese Bitte vielleicht irritieren; wir fragen uns vielleicht, sagt uns die Schrift nicht an anderer Stelle, dass Gott niemand versuchen würde? Und tatsächlich, im Jakobusbrief lesen wir: Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht auch niemand (Jak 1,13).

Doch widersprechen sich diese Aussagen wirklich? Steht die an Gott den Vater gerichtete Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“, wirklich im Widerspruch zu dem, was uns der Jakobusbrief lehrt? Schließt der eine Bibeltext den anderen aus? Keineswegs, die Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“, sagt in keinster Weise aus, dass Gott uns versuchen würde, denn wäre dies der Fall, hätte uns Jesus die Worte: „Versuche uns nicht“, nahegelegt. Doch das wäre unsinnig, denn der Versucher ist ein anderer, es ist Satan (vgl. Mt 4,3). Daher muss uns klar sein, diese Bitte richtet sich nicht an jenen, der uns versucht, sondern an jenen, der über dem Versucher steht, und das ist der allmächtige Gott. Wenn der Papst nun sagt, „nicht Gott, sondern der Satan führe die Menschen in Versuchung“, hört sich das zwar sehr vernünftig an, trifft aber nicht wirklich den Kern. Beachten wir nämlich die Versuchungsgeschichte, dann lesen wir nicht, dass es Satan war, der Jesus in die Wüste geführt hat, um versucht zu werden; vielmehr steht geschrieben: Darauf wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde (Mt 4,1). Es war der Geist Gottes, der Jesus in die Wüste führte, um versucht zu werden, die Versuchung selbst jedoch ging von Satan aus (vgl. Mt 4,3). Genau das müssen wir differenzieren. Es ist niemals unser himmlischer Vater, der uns versucht, doch es ist in Seiner Hand, welches Ausmaß die Versuchung hat. Der Versucher darf nur so weit gehen, wie ihn Gott gewähren lässt. Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt (1.Kor 10,13). Genau darin begründet sich diese Bitte, genau darin liegt unser Trost, wir sind kein Freiwild für Satan, er kann nicht nach Belieben mit uns verfahren. Denken wir an Hiob, Satan konnte nicht einen Schritt weiter gehen, als es ihm von Gott erlaubt wurde. Gerade deshalb ist unser himmlischer Vater der richtige Adressat für diese Bitte.

Doch dies ist nicht der einzige Trost, wir dürfen zudem wissen, dass wir in Jesus nicht nur einen Erlöser, sondern auch einen treuen Hohenpriester haben. Einen, der nicht etwa alles aus großer Distanz betrachtet, so als sei IHM Versuchung völlig fremd, sondern im Gegenteil, einen der mitleiden und mitfühlen kann. Einen, über den geschrieben steht: Wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher Weise [wie wir], doch ohne Sünde (Hebr 4,15). Hier sehen wir, unser HERR hat am eigenen Leib erfahren, was Versuchung bedeutet, der einzige Unterschied zu uns ist darin zu sehen, dass der Versucher bei IHM keinen Erfolg hatte. Trotz seiner heimtückischen Hinterlist, trotz aller Register, die der Verführer gezogen hatte, Jesus konnte ER nicht zu Fall bringen, und genau darum steht über IHN geschrieben: Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda (Offb 5,5). Und so ist auch jeder einzelne Nachfolger zu einem Überwinderleben aufgerufen, doch um zu überwinden, gilt es wahrzunehmen, dass wir tagtäglich in einem geistlichen Kampf stehen. Wie bereits festgestellt, es ist keinesfalls so als würde der Kampf gegen die Sünde mit der Wiedergeburt enden, vielmehr ist es umgekehrt, mit der Wiedergeburt beginnt dieser Kampf. Entsprechend dieser Tatsache steht geschrieben: Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tag widerstehen und, nachdem ihr alles wohl ausgerichtet habt, euch behaupten könnt (Eph 6,12).

Überwinden, widerstehen, sich behaupten, das klingt keinesfalls so, als sei der Christ schon am Ziel. Ebenso wenig kann man davon ausgehen, es gäbe im Leben des Gläubigen weder Anfechtung, noch Widerstand, weder Bedrängnis, noch Versuchung. Im Gegenteil, zutreffend ist vielmehr, was William MacDonald festgehalten hat: Prüfungen sind für jeden Gläubigen unausweichlich. Je enger die Beziehung zum Herrn in der Nachfolge ist, desto schwerer werden sie sein. Satan verschwendet seine Geschütze nicht an Namenschristen, sondern eröffnet das Feuer auf diejenigen, die im geistlichen Kampf Gebiete erobern.2

Die Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ ist also nicht nur angebracht, sondern unverzichtbar, denn wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass wir es mit dem zu tun haben, der den ganzen Erdkreis verführt. Es mag vielleicht Überchristen geben, die in der Illusion leben, diese Bitte nicht nötig zu haben. Sie berufen sich auf eine einmalige Erfahrung, durch die sie zur Vollkommenheit gelangt sind, doch wer tatsächlich diesem geistlichen Hochmut verfallen ist, der ist dem Verführer längst auf den Leim gegangen, weil er außer Acht lässt, dass uns die Schrift sagt: Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle! (1.Kor 10,12).

Daher dürfen wir nicht in eine schwärmerische Haltung verfallen, sondern müssen uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir in einem Glaubenskampf stehen; ein Kampf, über den uns der Apostel Paulus sagt: Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Gewalten, gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen Mächte der Bosheit in der Himmelswelt (Eph 6,12). Und Petrus lässt uns wissen: Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann; dem widersteht, fest im Glauben (1. Petr 5,8). Dies gilt es wahrzunehmen, wir sind aufgefordert nüchtern und realistisch zu sein, nicht schwärmerisch und abgehoben, so als seinen wir schon vollendet. Nein, es ist noch nicht offenbar, was wir sein werden, wir haben noch nicht unseren Herrlichkeitsleib, sondern wir leben noch im Fleisch, wir sind noch im Leib des Todes, und so lange dies der Fall ist, sind wir auch mit Versuchung konfrontiert. Aus diesem Grund ist ein aktives Gebetsleben unverzichtbar, aus diesem Grund legt uns Jesus die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“, nahe.

Auf uns allein gestellt sind wir hier hoffnungslos unterlegen, doch das Gute ist, dass wir in diesem geistlichen Kampf nicht alleine stehen. Unser HERR hat uns nicht verweist zurückgelassen. Wie versprochen hat ER den Tröster gesandt (vgl. Joh 16,7). Daher gilt was in 1 Johannes 4,4 geschrieben steht: Denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist (1.Joh 4,4). Doch beachten wir, es wird uns nicht gesagt, dass wir selbst größer wären. Nicht wir selbst sind stärker als der Widersacher, sondern der in uns wohnende Geist. Daher müssen wir uns immer wieder unserer Abhängigkeit vom HERRN bewusst sein. Es ist der Geist Gottes, der uns seit der Wiedergeburt zu einem geistlichen Leben anleitet und befähigt. Es ist der Heilige Geist, der uns zu einem Überwinderleben befähigt. Grundlage für ein siegreiches Glaubensleben ist niemals unsere eigene Kraft, sondern allein die Kraft Gottes, die uns durch den Heiligen Geist geschenkt wurde. Damit das Übermaß der Kraft von Gott sei nicht aus uns (2.Kor 4,7). Wir sind also in geistlicher Hinsicht völlig abhängig, auf uns allein gestellt sind wird der Versuchung nicht gewachsen; umso wichtiger ist, dass wir beständig das Angesicht unseres himmlischen Vaters zu suchen. Umso wichtiger die beständige Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Wie wichtig es ist, dass diese Bitte ein zentraler Bestandteil unseres Gebetslebens darstellt, macht auch die Aufforderung: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach“ (Mk 14,38) deutlich. Jesus zeigt uns hier unser wahres Problem, und das ist unser Fleisch, denn genaugenommen ist das Hauptproblem nicht so sehr die Versuchung, sondern die traurige Tatsache, dass etwas in uns ist, das darauf anspricht. Treffend beschreibt Paulus diesen inneren geistlichen Konflikt, der vom Tag der Wiedergeburt im Gläubigen tobt, indem er sagt:

Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt (Gal 5,17). Ein natürlicher Mensch kennt diesen inneren Konflikt nicht, der Gläubige hingegen der durch die Gnade Gottes zu wahrer Selbsterkenntnis gekommen ist, kann nachempfinden, was Gerhard Tersteegen mit den Worten: „Wie kann ein Mensch noch über andre klagen? Mir fehlt Geduld, dass ich mich selbst kann tragen“ 3 zum Ausdruck bringt. Nichts anderes als diese tiefe ungeschönte Selbsterkenntnis, kommt zum Vorschein, wenn Gottes Wort Licht in unser dunkles Herz hineinbringt. Es deckt auf, was wir immer so gut verbergen konnten und das ist die Tatsache, dass wir Menschen, so wie wir von Natur aus sind, die Finsternis mehr lieben als das Licht. Aus diesem Grund hat der Versucher beim gefallenen Menschen ein leichtes Spiel, aus diesem Grund hat er bislang noch jeden Sterblichen zu Fall gebracht. Nichts könnte also törichter sein, als sich einzureden, wir selbst seien da eine Ausnahme. Nein, wir sind auf uns allein gestellt hoffnungslos unterlegen, daher ist ein aktives Gebetsleben für ein siegreiches Leben als Christ unverzichtbar. Wenn wir hier auf Jesus blicken, sehen wir, dass selbst ER, als Sohn Gottes, sich immer wieder absonderte, um die Gemeinschaft mit Seinem Vater zu suchen. Denken wir auch an sein Ringen im Garten Gethsemane, auch in dieser Stunde suchte ER das Angesicht Seines Vaters. Es wäre also vermessen, zu glauben, wir hätten es nicht nötig, tagtäglich den Gnadenthron aufzusuchen, um rechtzeitige Hilfe zu erfahren. Beachten wir hier auch das Wort „rechtzeitig“. Zeigt uns dies nicht, dass uns die Hilfe bereits zu Teil wird, ehe wir zu Fall kommen? Keine Frage, wenn wir zu Fall gekommen sind, wird unser HERR uns nicht am Boden liegen lassen, sondern uns Seine Hand entgegenstrecken, wie ER es einst bei dem sinkenden Petrus tat, dennoch, ist es ohne Zweifel besser, erst gar nicht zu Fall zu kommen.

Gerade hier ist uns Jesus ein großes Vorbild. Wie bereits festgestellt, wurde auch ER in allem versucht, doch ER war ohne Sünde. Der Grund, warum Satan IHN nicht zu Fall bringen konnte, war ganz einfach der, dass ER in IHM absolut nichts vorfinden konnte, das in der Versuchung etwas Verlockendes oder Begehrenswertes sehen konnte, sondern im Gegenteil, was auch immer Satan aufgeboten hätte, für Jesus wäre es niemals in Betracht gekommen, etwas in Erwägung zu ziehen, das Seinen geliebten Vater verunehren, kränken oder beleidigen könnte. Denn genau darauf zielt der Verführer ab, er versucht uns schmackhaft zu machen, was Gott verboten hat und erweckt einen Reiz das Verbotene zu tun. Sag dem Fleisch: „Du sollst nicht“, so wird es sagen: „Aber ich will!“, sag ihm: „Du sollst!“, so wird es dir antworten: „Ich will nicht!“ Und so haben wir mit Übertretungs- und Unterlassungssünden gleichermaßen zu kämpfen, und selbst wenn wir vom Verstand her alles klar erkennen und beurteilen können, gelingt es dem Verführer immer wieder uns auf die eine oder andere Weise zu Fall zu bringen. Das Schlimme dabei ist, dass er in unserem Fleisch einen Verbündeten findet. Wie gesagt, bei Jesus war hier nicht der geringste Ansatz zu finden, bei uns hingegen sieht es anders aus, denn für uns gilt: Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.

Wir müssen also realisieren, dass wir durch das Fleisch geschwächt sind, weil Satan in unserem Fleisch einen Verbündeten findet. Von daher sprachen unsere Glaubensväter auch von der Dreieinigkeit des Bösen und sahen diese völlig zurecht in Satan, der Welt und im Fleisch, womit unsere alte Natur gemeint ist. Der Unerrettete Mensch hat kein Problem mit seinem Fleisch, im Gegenteil, er richtet sein Leben nach seinen fleischlichen, selbstsüchtigen Wünschen aus, und macht sich kaum Gedanken, was Gott gefällt oder missfällt, wichtig erscheint ihm nur, was ihm selbst gefällt. Und so ist es immer mehr das Lebensmotto, dass man seinen Wünschen und Träumen hinterherjagt und die Erfüllung des Lebens darin sucht, seinen Spaß zu haben.

Wird ein Mensch jedoch durch die Gnade Gottes wiedergeboren, bekommt er eine völlig andere Perspektive und sieht die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen. Von da an, ist ihm nicht mehr gleichgültig, was Gott gefällt oder missfällt, im Gegenteil, er hat den tiefen Wunsch, Sieg über die Sünde zu haben. Anstatt in der Sünde weiter sein Lebensglück oder seine Lebenserfüllung zu suchen, verabscheut er sein altes Leben und kämpft gegen alte Gewohnheiten an. Dass genau dies ein Zeichen der Gotteskindschaft ist, macht folgendes Zitat von Martyn Lloyd-Jones deutlich: Wenn Sie die Sünde in ihnen hassen und sich danach sehnen, von ihr erlöst und befreit zu werden, dann versichere ich ihnen, dass Sie ein Kind Gottes sind – dies ist nämlich eines der besten Zeichen.
Als Nächstes bestehen eine Sehnsucht nach Gott und ein Verlangen nach den Dingen Gottes, und ein sehnlicher Wunsch, auf den Wegen Gottes zu wandeln.4

Was hier beschrieben ist, ist nichts anderes als das Streben nach Heiligung. Es ist allein der wiedergeborene Christ, der danach strebt, Gott zu gefallen, doch wie das Wort „streben“ deutlich macht, ist der Christ noch nicht vollendet. Er ist noch nicht am Ziel, denn wenn er bereits im Diesseits den Zustand vollkommener Heiligkeit erreichen könnte, dann müsst er nicht mehr danach streben. Nach einem Ziel, das man bereits erreicht hat, muss man sich nicht mehr ausstrecken, für einen Lauf, bei dem man die Ziellinie überschritten hat, gilt dasselbe. Noch sind wir im Erdental, noch sind wir Anfechtungen und Versuchungen ausgesetzt, noch haben wir mit den Widerwertigkeiten des Lebens zu kämpfen, doch es ist wie Paulus uns sagt: Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll (Röm 8,18).

Die Versuchungen denen wir ausgesetzt sind, können unterschiedlicher Natur sein. Satan kennt unsere Schwachstellen und weiß wo er ansetzen muss. Bei den einen ist es Stolz und Hochmut, bei den anderen ist es die Liebe zum Geld, wieder andere verleitet er zum Götzendienst indem andere Dinge oder Personen den Platz einnehmen, der allein dem HERRN zusteht, und das ist der erste Platz in unserem Herzen. Insbesondre unser ICH macht dem HERRN diesen Platz immer wieder streitig, weil es oft nicht bereit ist, den Thron zu räumen, um die uneingeschränkte Herrschaft dem HERRN zu überlassen, und damit sind wir wieder beim Fleisch. Wenn wir uns nun fragen, wer unser größter Feind ist, dann ist es keine Übertreibung festzuhalten, dass es unser eigenes Fleisch ist. Es ist unser Ich, worauf die Ursache unserer meisten Problem zurückzuführen ist. Das „Ich“ so Martyn Lloyd-Jones, ist unser letzter und beständigster Feind und der ergiebigste Nährboden für all unser Unglück. Seit dem Sündenfall sind wir alle Egoisten. Wir sind hochempfindlich. Wir sind immer selbstsüchtig, immer darauf bedacht, uns abzuschirmen, wenn es um uns selbst geht. Hinter allem wittern wir eine Beleidigung und lassen jedermann bereitwillig wissen, dass uns Unrecht getan wurde, dass wir unfair behandelt wurde. 5 

Der Kampf des Glaubens beginnt im Schlachtfeld unserer Gedanken, wir müssen es lernen, unser Denken von der Schrift bestimmen zu lassen, erst dann sehen wir die Dinge in der richtigen Relation. Wie gesagt, das Fleisch ist selbstsüchtig, es will das größte Stückchen des Kuchens immer für sich. Es deutet alles auf sich und seine Bedürfnisse. Das menschliche Problem ist in den seltensten Fällen mangelnde Selbstliebe, sondern im Gegenteil, es ist eine übertriebene Selbstliebe. Wenn wir uns erst einmal daran gewöhnt haben, uns alles zu gönnen, wonach das Fleisch auch immer verlangt, hat Satan ein leichtes Spiel. Ganz im Gegensatz zu dieser Haltung, schreibt der Apostel Paulus, Ich bezwinge meinen Leib und beherrsche ihn (1.Kor 9,27), wodurch deutlich wird, dass Selbstdisziplin im Kampf des Glaubens unverzichtbar ist. Und weil gerade Unzucht ein beliebtes Einfallstor des Feindes ist, gilt dies insbesondere bei der fleischlichen Lust. Wir müssen uns vor Unzucht hüten, um nicht zu Fall zu kommen. Wir sind also aufgefordert, dem Feind zu widerstehen, indem wir ihm keine Angriffsfläche bieten. Tim Kelly hat dies sehr treffend illustriert, indem er sagte: Ein Segelschiff kann nur vom Wind getrieben werden, wenn die Segel hoch sind. Wenn sie aber eingeholt sind, dann hat der Wind keine Angriffsfläche. Und so müssen wir lernen mit den Begierden des Fleisches umzugehen. Wir müssen lernen dem Teufel keine Angriffsfläche anzubieten, indem wir keine Vorsorge für das Fleisch treiben.6

Wichtig ist es, dass wir es lernen, unser Denken zu kontrollieren und auch darauf achthaben, die Gemeinschaft mit dem HERRN nicht zu vernachlässigen. Je mehr wir mit geistlichen Dingen befasst sind, je mehr unser Gedankenwelt sich mit dem Wort Gottes befasst, je wachsamer sind wir gegen die Einflüsterungen Satans. Geben wir hingegen dem Fleisch Raum, indem wir uns von Denken und Treiben der Welt beeinflussen lassen, je einfacheres Spiel hat der Feind, uns zu Fall zu bringen, und je öfter ihm dies gelingt, je mehr wird er dazu übergehen, einem Kind Gottes einzureden, ein hoffnungsloser Fall zu sein. Dabei lässt er die Glaubensgeschwister in strahlend hellem Licht erscheinen und flüstert dem am Boden liegenden Kind Gottes ins Ohr: „Du bist nicht so wie die anderen und du wirst auch nie so sein. Gesteh dir endlich ein, dass es für dich keinen Wert hat!“ Aber damit nicht genug, sein Ziel wird es sein, dem niedergeschlagenen Gotteskind nahzulegen, seinen Glauben aufzugeben. Würde Satan auf alle Mittel die er gegen einen Gläubigen einsetzt verzichten, eines würde er gewiss nicht verwerfen, und das ist „Resignation“. „Du bist wertlos, du bist nutzlos und für andere eher eine Belastung als ein Segen“. Solche oder ähnlichen Gedanken zählen zu seinen effektivsten Strategien, uns so sehr runterzudrücken, dass wir keinen Ausweg mehr sehen und aufgeben. „Wozu noch die Bibel lesen, wozu noch die christlichen Versammlungen besuchen, wo es doch statt Fortschritt nur Rückschritt gibt und ein Rückfall auf den anderen folgt?“ Besonders zermürbend sind Wiederholungssünden. „An diesem Punkt hast du bereits unzählige Male versagt, du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass dir diese Schuld vergeben wird!“ Gelingt es ihm dadurch, dass der Christ sich absondert und isoliert, gewinnt er gleichermaßen immer mehr Einfluss auf dessen Denken und Handeln, was zu einem Rückfall in alte Gewohnheiten führt und sich in Misstrauen und nagendem Zweifel bemerkbar macht.

Auch wenn es Satan gelingt, Kinder Gottes durch solche oder ähnliche Listen niederzudrücken, so gibt es dennoch eines, was ihm nicht gelingt: Er kann ihren Glauben niemals komplett auslöschen, denn selbst, wenn er sie in tiefste Lebenskrisen stürzen kann, der HERR wird die Seinen nicht aufgeben. Wenn wir am Boden sind, wenn wir keine Hoffnung mehr haben und keinen Ausweg mehr sehen, dann bringt Gottes Wort Licht in unser Dunkel, indem es uns die feste Zusage macht: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit“ (1.Joh 1,9). Auch wenn sich dieser Teil etwas mit dem Überschneidet, was wir bereits bei der Bitte: „Und vergib uns unsere Schuld“, betrachtet haben, halte ich diesen Punkt für sehr entscheidend im Glaubensleben und im Glaubenskampf. Es ist wichtig zu wissen, egal was passiert ist, egal wie jämmerlich wir versagt haben, die Zusage aus dem 1. Johannesbrief bleibt bestehen. Beachten wir auch die Begründung: Uns wird Vergebung gewährt, weil unser HERR treu und gerecht ist. Wie erstaunlich Seine Treue ist, erfahren wir im 2.Timothesbrief, wo uns Gottes Wort sagt: Wenn wir untreu sind - er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen (2.Tim 2,13).

Wenn ich die Hoffnung aufgegeben habe, wenn ich von der Sünde besiegt bin, mit Scham erfüllt bin, wenn ich meine, dass es zwecklos sei, noch weiter zu ringen, und jeder andere gleichermaßen meint, dass es zwecklos sei – Gott gibt mich immer noch nicht auf. 7 Darum Kind Gottes, solltest du am Boden liegen, so entgegne der Schlange: Freue dich nicht über mich, meine Feindin! Denn bin ich gefallen, stehe ich wieder auf; wenn ich auch in Finsternis sitze, ist der HERR doch mein Licht (Mi 7,8). Und sollte der Feind deiner Seele dir einflüstern, dass du ein unverbesserlicher, hoffnungsloser Fall seist, dann entgegne, dass der, dem du deine Seele anvertraut hast, nicht für die Gerechten, sondern für die Ungerechten kam, nicht für die Gesunden, sondern für die Kranken (vgl. Lk 5,31-32). Entgegne, dass dein HERR sich auf hoffnungslose Fälle spezialisiert hat und dir seine Treue zugesichert hat.

Doch es ist nicht nur Seine Treue, die uns die Vergebung garantiert, sondern auch Seine Gerechtigkeit. Beachten wir, als Christus Sein kostbares Blut für uns vergossen hat und Sein Leben an unser statt in den Tod gab, hat ER eine vollständige Erlösung erworben. ER hat bereits den vollen Preis für unsere Schuld und Sünde bezahlt, noch ehe wir die erste begangen haben. Unsere Sündenschuld ist ein für alle Mal bezahlt, daher ist keine Forderung mehr offen, der Schuldbrief ist zerrissen (vgl. Kol 2,14), alles ist gesühnt und beglichen, daher handelt Gott gerecht, wenn ER uns auf dieser Grundlage vergibt. Wenn Satan einem Kind Gottes nun einflüstert, dass das Maß der Sünden nun voll sei und keine Vergebung mehr möglich wäre, dann unterstellt ER, dass Gott ungerecht sei, denn in diesem Falle würde Gott eine Schuld abrechnen, die bereits vollständig beglichen ist. Somit gilt es, die Lügen Satans von uns zu weisen und stattdessen dem Wort Gottes Glauben zu schenken. Unser Gott steht zu Seinem Wort, und wir ehren IHN, wenn wir Seinem Wort vertrauen und uns auf Seine Zusagen berufen.

Abschließend möchte ich festhalten, dass es immer das Ziel sein sollte, nicht zu Fall zu kommen, ein gutes Beispiel dafür ist der Schreiber des 119 Psalm. Immer wieder bringt er zum Ausdruck, dass er sein Leben nach dem Wort Gottes ausrichten möchte, so lautet der wohl am häufigsten zitierte Vers: Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort, ein Licht für meinen Pfad (V. 105). Dennoch, und das ist das Entscheidende, ist er sich dessen bewusst, dass er auf sich alleine gestellt zum Scheitern verurteilt ist. Darum bittet er um Bewahrung, indem er spricht: Befestige meine Schritte durch dein Wort, und gib keinem Unrecht Macht über mich! (V. 133). Diese Bitte entspricht, den Worten, die Jesus gelehrt hat, im Grunde sagt der Psalmist damit: Und führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von dem Bösen. Um es also noch einmal klar zu sagen, im Kampf des Glaubens, geht es darum, ein siegreiches Leben zu führen. Es geht nicht darum, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen oder sich damit herauszureden, dass wir ja alle noch unsere Fehler haben. Wir dürfen die Sünde daher nicht bagatellisieren oder verharmlosen. Der primäre Kampf des Glaubens besteht ganz sicher darin, dass wir uns auf den Beinen halten, sollten wir jedoch zu Fall kommen, ist dieser Kampf nicht beendet, hier gilt es nicht die weiße Fahne zu hissen, sich selbst zu bemitleiden oder sich einfach mit der Sünde zu arrangieren, nein, hier gilt es wieder auszustehen. Mit anderen Worten: Das Ausstehen nach einer Niederlage zählt auch zum Kampf des Glaubens. Denken wir an einen Boxer, er gilt erst dann als besiegt, wenn er am Boden liegen bleibt. Eine Niederlage, ist kein Grund um aufzugeben, sondern ein Grund, um den Gnadenthron aufzusuchen. Das Gute ist, unser HERR wird uns keine Vorhaltungen machen. Denken wir an die Jünger, als Jesus verhaftet wurde, hatten alle das Weite gesucht, als ER ihnen jedoch nach der Auferstehung erschien, lesen wir nicht, dass ER sie kritisiert oder ihnen Vorhaltungen gemacht hätte. Wahrlich, wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten (Hebr 4,15).

Egal wie weit wir abgedriftet sind, nie können wir uns so weit von IHM entfernen, als dass ER uns nicht wiederfinden würde. Denn es waren nicht die Jünger, die nach der Kreuzigung Ausschau gehalten hätten, ob ihr HERR vielleicht doch auferstanden sei, nicht sie haben IHN gesucht, sondern umgekehrt, ER war es, der nach ihnen Ausschau hielt. ER war es, der sie aufsuchte, und so ist es im Leben all derer, die IHM der Vater anvertraut hat, und das sind jene über die ER sagte: Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen; denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht dass ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Dies aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich von allem, was er mir gegeben hat, nichts verliere, sondern es auferwecke am letzten Tag (Joh 6,37-39).

Die bitterste Niederlage, die wir im Glaubenskampf erfahren können, ist es, wenn es dem Feind unserer Seele gelingt, das Vertrauen in die Zusagen Gottes zu untergraben. Zu Fall zu kommen ist schon bitter genug, doch wenn wir am Boden liegen bleiben, welche Hoffnung bleibt uns dann? Keine Frage, wenn wir uns selbst misstrauen, haben wir eine gesunde Glaubenseinstellung, misstrauen wir jedoch dem HERRN, ist unser Glaube in gravierende Schieflage geraten. Sollte jemand an diesem Tiefpunkt angelangt sein, möchte ich durch das Wort Gottes Mut machen, die göttlichen Verheißungen zu ergreifen. Wir haben die Zusage der Sündenvergebung, wenn wir unsere Schuld bekennen. Wir haben das Versprechen, dass wer auch immer zu IHM kommt, nicht hinausgestoßen wird. Doch kommen werden nur jene, die die Not ihrer Seele erkennen. Daher stimme ich mit Bischof J.C. Ryle überein, wenn er festhält: „Der gefährlichste Zustand, in dem wir uns befinden können, ist dann eingetreten, wenn wir unsere geistliche Bedrohung nicht erkennen und empfinden“. Doch er kam nicht nur zu dieser Feststellung, sondern warf in diesem Zusammenhang auch die Frage auf, mit der ich schließen möchte, und diese lautet: Fühlen wir unser Bedürfnis nach täglichen, zeitlichen Barmherzigkeiten und nach einer täglichen Sündenvergebung? – Fürchten wir uns, in Versuchung zu fallen? – Verabscheuen wir das Böse mehr als alles andere? 8 Wenn dem so ist, dann sollten wir die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“, zu unserer eigenen machen.

 

Amen


 

Quellangaben:
1. http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/papst-franziskus-kritisiert-deutsche-uebersetzung-wird-das-vaterunser-umgeschrieben/20688472.html
2. William MacDonald - Kommentar zum Neuen Testament, S.166
3. Gerhard Tersteegen - https://gutezitate.com/zitat/132914
4. Martyn Lloyd-Jones - Kennzeichen eines Christen, S.355
5. Martyn Lloyd-Jones - Schritt für Schritt, S.86
6. Tim Kelly - Das 10. Gebot, du sollst nicht begehren
7. Martyn Lloyd-Jones – Apostelgeschichte Band 5, S.30
8. J.C. Ryle – Kommentar zu Lukas Evangelium, Band 2, S.179

 

 

 

 

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