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6. Und vergib uns unsere Schuld

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

08.09.2018

 

Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Matthäus 6,9-13

 

Millionen von Namenschristen beten das Vaterunser, wobei sich wohl die wenigsten darüber Gedanken machen, was sie durch die Aussage: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“, gegenüber Gott bekunden. Die wenigsten denken darüber nach, ob sie sich allen Ernstes wünschen, dass Gott sich ihnen gegenüber genauso unversöhnlich verhalten soll, wie sie sich gegenüber jenen verhalten, die in ihrer Schuld stehen. Aber nicht nur Namenschristen sollten sich an diesem Punkt selbstprüfen, nicht nur sie sollten sich fragen, wie groß ihre Bereitschaft ist, anderen zu vergeben, sondern auch die Kinder Gottes. Denn wie bereits festgestellt, es sind die Kinder Gottes denen Jesus dieses Gebet in den Mund legt. Wie oft sind wir zu stolz anderen zu verzeihen, wie oft lassen wir sie schmoren oder sehen es womöglich gar nicht ein, weil wir überzeugt sind, dass es mit ihnen ohnehin nie besser wird? Wir sagen uns vielleicht, „jetzt ist das Maß voll, das muss ich mir nicht bieten lassen!“. Doch bedenken wir, wenn das tatsächlich unsere Haltung ist, dann drücken wir durch die Bitte: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“, aus, dass Gott uns gegenüber genauso unversöhnlich sein soll, wie wir es gegenüber jenen sind, die in unserer Schuld stehen. Denn ist es nicht offensichtlich, dass wir uns IHM gegenüber ständig verfehlen, dass Jakobus völlig zu Recht sagt: „Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig!“(Jak 3,2)? Wie oft kränken wir doch unseren himmlischen Vater indem wir Seine Gebote missachten?

 

Wenn wir nun realisieren, was Jesus gelehrt hat, muss uns bewusst sein, dass unser himmlischer Vater unsere Gebete nicht annehmen wird, wenn wir nicht bereit sind, unseren Schuldnern zu vergeben. Wenn David in Psalm 66 sagt, hätte ich Unrecht vorgehabt in meinem Herzen, so hätte der Herr nicht erhört (Ps 66,18), dann gilt dies auch bei Unversöhnlichkeit. So wie jedes andere Unrecht, so steht auch Unversöhnlichkeit zwischen uns und unserem himmlischen Vater. Denn solange etwas zwischen uns und unserem Nächsten steht, gelten die Worte, die Jesus vor dem Vaterunser gesprochen hat, und diese lauten: Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben (Mt 5,23).

 

Hier wird deutlich, wenn wir mit unserem Bruder oder unserer Schwester nicht im Reinen sind, dann nimmt Gott weder unsere Gabe an, noch ist ER bereit, uns zu vergeben. Was anderes lehrt uns dies, als dass unser Gottesdienst in diesem Fall vergeblich ist? Wir können Lieder zur Ehre Gottes singen, wir können die schönsten Gebete sprechen, all das wird nicht durchdringen, solange wir Groll gegen unseren Nächsten haben. Und was für den Nächsten im Allgemeinen gilt, das gilt im Besonderen für die Menschen, die uns am aller nächsten stehen, und das sind Eltern, Kinder und in ganz besonderer Weise natürlich der Ehepartner. Achten wir hier auf die Worte, die der Apostel Petrus an die Männer richtet, indem er schreibt: Ihr Männer ebenso, wohnt bei ihnen mit Einsicht als bei einem schwächeren Gefäß, dem weiblichen, und gebt ihnen Ehre als solchen, die auch Miterben der Gnade des Lebens sind, damit eure Gebete nicht verhindert werden! (1.Petr 3,7). Wie dieser Vers uns zeigt, werden unsere Gebete verhindert, solange wir mit unserem Partner nicht im Reinen sind. Halten wir also an unserem Stolz fest und weigern uns dem anderen zu vergeben sind unsere Gebete vergebens. Entsprechend finden wir auch an anderer Stelle die Aufforderung: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ (Eph 4,26).

 

Völlig zurecht erwartet Gott von Seinen Kindern, dass sie bereit sind, anderen ihre Verfehlungen zu vergeben, schließlich ist unsere Schuld gegenüber IHM weitaus größer als das, was uns je ein Mensch antun könnte. Dennoch haben wir oft damit zu kämpfen anderen zu vergeben, weil wir nur all zu leicht vergessen, wie viel Schuld uns vergeben wurde oder die Vergebungsbereitschaft unseres himmlischen Vaters für eine Selbstverständlichkeit halten. Jesus will uns an dieser Stelle korrigieren, und ER tut dies, weil ER die Dinge im richtigen Licht sieht, wir hingegen sind oft voreingenommen und können kein neutrales Urteil fällen. Umso dankbarer können wir sein, dass Jesus die Dinge ins richtige Verhältnis setzt und uns immer wieder vor Augen führt, wie unfassbar groß die Güte des Vaters ist und wie groß der Berg von Schuld und Sünde war, der uns erlassen wurde. Sehen wir uns dazu das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht an, wo Jesus anschaulich illustriert, wie es aus der Sicht Gottes ist, wenn jene, denen Gott der Vater ihre Sünden vergeben hat, sich weigern ihren Mitmenschen zu vergeben. Ausgangspunkt dieses Gleichnisses war die folgende Frage: „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, der gegen mich sündigt? Bis siebenmal?“ Fragesteller war Petrus, der wohl dachte, siebenmal sei mehr als ausreichend, doch Jesus erwiderte: „Ich sage dir, nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmalsiebenmal!“

 

John MacArthur kommentiert: Weil die religiösen Führer der Juden damals sagten, man müsse bis zu dreimal vergeben, muss Petrus gemeint haben, es sei überaus großzügig, wenn er mehr als das Doppelte ansetzte. Jesus legte ihm eine verblüffende Rechenaufgabe vor, die von seiner göttlichen Gesinnung zeugt: Sie ist nicht zum Multiplizieren gedacht, sondern soll besagen, dass Gläubige durch den Geist Gottes dazu befähigt werden, Geduld mit ihren Glaubensgeschwistern zu haben. Selbst wenn diese immer wieder am selben Punkt versagen sollten, können sie nicht davon ablassen, ihnen fortwährend zu vergeben. Solches Mitgefühl und solche Geduld jedoch bewirkt nur der Geist Gottes. 1

 

Dass diese Vergebungsbereitschaft für Kinder Gott eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hat Jesus sehr anschaulich durch das Gleichnis vom Schalksknecht illustriert. Jesus erzählte es direkt im Anschluss an die Frage des Petrus und hat dabei folgendes gelehrt:

Darum gleicht das Reich der Himmel einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war 10 000 Talente schuldig. Weil er aber nicht bezahlen konnte, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und so zu bezahlen. Da warf sich der Knecht nieder, huldigte ihm und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen! Da erbarmte sich der Herr über diesen Knecht, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld. Als aber dieser Knecht hinausging, fand er einen Mitknecht, der war ihm 100 Denare schuldig; den ergriff er, würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du schuldig bist!  Da warf sich ihm sein Mitknecht zu Füßen, bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen! Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt, kamen und berichteten ihrem Herrn den ganzen Vorfall. Da ließ sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest; solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen seine Verfehlungen vergebt (Mt 18,22-35).

Sehr eindrücklich stellt uns Jesus durch dieses Gleichnis das Fehlverhalten des unbarmherzigen Knechts vor Augen. Es fällt uns gewiss nicht schwer zu erkennen, wie weit er mit seinem Verhalten danebenlag, doch worum es geht ist die Erkenntnis, dass Jesus all jenen, die sich weigern ihren Mitmenschen zu vergeben, nichts anderes sagt als: „Du bist der Mann (2.Sam 12,7) Du bist die Frau!“, Es geht um uns, Jesus hält uns einen Spiegel vor.

 

Soweit einmal der mahnende Aspekt, der in dieser Bitte des Vaterunsers enthalten ist. Vielleicht missfällt es uns, wenn wir das Wort „Mahnung hören, doch wir müssen immer bedenken, dass uns alle Dinge zum Besten dienen sollen, daher sollten wir auch hierfür dankbar sein, denn besser wir werden korrigiert, wenn wir auf falschen Kurs sind, als das wir vom rechten Weg abdriften und der HERR uns einfach laufen lässt. Das Gute vor allem ist, wenn uns Sein Wort von Sünde überführt, dann bleibt es dabei nicht stehen, sondern zeigt uns auch den Ausweg, und hier kommen wir zum positiven Aspekt dieser Bitte, und den können wir darin sehen, dass wir begnadigte Sünder sind. Gott der Vater hat uns vergeben und wenn ER nun von uns Vergebungsbereitschaft erwartet, dann ist eines klar, Gott der Vater erwartet nicht mehr von uns, als das, was ER uns nicht auch zusagen würde. Und wenn wir hier noch einmal auf die Frage des Petrus zurückkommen, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, dann sehen wir in der Antwort: „Ich sage dir, nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmalsiebenmal!“, nicht nur das, was der Vater im Himmel von Seinen Kindern erwartet, sondern auch das, was ER uns gewährt. Beachten wir, es heißt an keiner Stelle, dass wir Gott den Vater übertreffen sollen, vielmehr sollen wir IHM gleich sein. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48), sagte Jesus in der Bergpredigt. Grade, weil wir diesem Anspruch schon allein deshalb nicht zu 100% gerecht werden können, weil wir noch im Fleisch leben, ist es umso tröstlicher zu wissen, dass selbst die Summe von siebzigmalsiebenmal nicht der Punkt ist, an dem Gott aufhören würde uns zu vergeben. Mit anderen Worten, wenn wir dazu aufgefordert sind, unseren Mitmenschen siebzigmalsiebenmal zu vergeben, dann können wir uns darauf verlassen, dass auch die Vergebungsbereitschaft unseres himmlischen Vaters keine Grenzen kennt. Wann immer wir zum Gnadenthron kommen, gilt uns die feste Zusage: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit“ (1.Joh 1,9).

 

Die Schrift lehrt uns das nicht, damit wir leichtfertig mit der Sünde umgehen, vielmehr geht es an diesem Punkt darum, dass wir uns nicht entmutigen lassen. Wenn wir unter unseren Verfehlungen leiden, wenn uns die Sünde zu schaffen macht, anstatt dass wir uns einfach damit abfinden oder arrangieren, dann ist dieser Vers aus dem 1. Johannesbrief an uns gerichtet. Genauer gesagt, es ist der Heilige Geist der hier zu unserem verzagten Herzen spricht. Doch es gibt noch eine andere Stimme, und die flüstert uns ein, dass wir ein hoffnungsloser Fall sind. Immer wieder sind wir am selben Punkt gescheitert, immer wieder über dieselbe Gewohnheitssünde gestolpert und dann tritt jener auf den Plan, der uns diese Sünde schmackhaft machte, um uns hinterher einzuflüstern, dass wir unverbesserlich seien. „Gib es doch auf mit deinem Glauben, mag ja sein, dass es bei den anderen funktioniert, aber schau dich doch mal an, du bist nicht so und du wirst nie so perfekt sein, also gesteh es dir doch ein und sag deinem Glauben ab!“ So oder so ähnlich mag der Versucher uns niederdrücken wollen, aber was können wir an diesem Punkt entgegenhalten? Nichts anderes als das geschriebene Wort, das uns zusichert: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“ Im festen Glauben können wir annehmen, was uns Gottes Wort versprochen hat: Er wird sich wieder über uns erbarmen, wird unsere Schuld niedertreten. Und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen (Mi 7,19).

 

Wenn es je einen Gläubigen gab, der nie zu Fall kam, dann war es in Wahrheit kein Kind Gottes, sondern ein verblendeter Pharisäer. Die Schrift sagt, wir alle straucheln oft (Jak 3,2). Nicht um uns zum Straucheln zu ermutigen, sondern um die Gestrauchelten auf den hinzuweisen, der versprochen hat, uns ans Ziel zu bringen. Wir haben die feste Zusage: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen. Ich und der Vater sind eins (Joh 10,27-30). Zudem dürfen wir wissen, dass Jesus mitleiden kann mit unseren Schwachheiten. ER ist nicht nur unser HERR und Erlöser, sondern auch unser treuer Hohenpriester, der sich täglich im Gebet für uns verwendet (vgl. Hebr 4,15). Was ER einst zu Petrus sprach, gilt auch für uns: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“ (Lk 22,32). Lassen wir uns also nicht entmutigen, sondern hören wir auf das zuverlässige Wort des HERRN das uns sagt: Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht doch wieder auf (Spr 24,16).

Fazit: Der HERR hat uns die Vergebung zugesagt, wir dürfen jederzeit zum Gnadenthron kommen um unsere Verfehlungen zu bekennen, nur eines dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass dem so ist, ist keine Selbstverständlichkeit, daher haben wir immer Grund zur Dankbarkeit und niemals einen Grund, hartherzig gegenüber unseren Mitmenschen zu sein. Wir haben einen barmherzigen Vater, wenn wir Sein Reich auf Erden repräsentieren wollen, dann müssen auch wir barmherzig sein. Vergessen wir auch nie, was der Preis für unsere Erlösung war: Der gerechte vollkommene Sohn Gottes musste an unserer statt die Strafe tragen. Daher dürfen wir in Gottes unbegreiflicher Gnade keinen Freibrief für ein zügelloses Leben sehen, im Gegenteil, Seine unbegreifliche Liebe sollte uns ein Ansporn sein, ein dem Evangelium würdiges Leben zu führen (vgl. Phil 1,27). Nicht weil wir uns dadurch unseren Platz im Himmel verdienen, sondern aus Dankbarkeit und Liebe, und je größer unsere Liebe ist, je mehr werden wir darauf bedacht sein, unseren HERRN nicht zu betrüben. Von daher stimme ich einmal mehr dem unvergessenen Martyn Lloyd-Jones bei, der in Bezug auf das Vaterunser sagte: Unser oberster Wunsch sollte es sein, eine rechte Beziehung zu Gott zu haben, IHN zu kennen, ununterbrochene Gemeinschaft und beständigen Umgang mit IHM zu führen. Darum beten wir dieses Gebet, dass sich nichts zwischen uns und die Herrlichkeit, den Glanz und das Licht unseres Vaters im Himmel schieben möge.2

Und wie bereits festgestellt, mangelnde Vergebungsbereitschaft ist ein Hindernis für die ungetrübte Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater. Hüten wir uns daher vor einer solch hartherzigen Haltung, da sie sowohl unsere Gebete als auch unseren Gottesdienst vergeblich macht. 

 

 

Quellangaben:
1. John MacArthur - Sorgen und Angst besiegen, S. 108 (teilweise sinngemäß zitiert)
2. Martyn Lloyd-Jones - Bergpredigt, Band 2: "Unser Vater im Himmel...", S.86


 

 

 

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