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4. Dein Wille geschehe

28.08.2018

 

Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Matthäus 6,9-13

 

Im Laufe dieser Wortbetrachtung haben wir bereits gesehen, welch großer Reichtum an biblischer Lehre in diesem Gebet verborgen ist. Aber nicht nur das, wir konnten auch feststellen, dass Jesus uns hier ein Muster gibt, was den Inhalt und die Reihenfolge eines Gebets angeht. Deutlich ist dabei zu sehen, dass sich Gebet immer zu aller erst um den drehen muss, der angebetet wird. So haben sich auch die ersten beiden Bitten ausschließlich um die Belange Gottes gedreht. Es ging um die Ehre Seines Namens und um die Bitte, dass ER Seine Herrschaft hier auf Erden sichtbar antritt. Der logische Wunsch, der auf die Worte: "Dein Reich komme" folgt, lautet: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“. Welch eine gewaltige Bitte kann man hier nur sagen. Der Beter trifft vor Gott, um IHM zu sagen, dass es seinem tiefsten Herzenswunsch entspricht, dass hier auf Erden der Wille Gottes geschehen soll. Doch nicht irgendwie widerwillig oder unmotiviert, sondern so selbstverständlich und freudig, wie es im Himmel der Fall ist. Mit anderen Worten: So wie es im Himmel selbstverständlich ist, dass alles Gott dienstbar ist und Sein Wille ausgeführt wird, so soll es auch auf Erden sein. So wie die Befehle Gottes im Himmel seit jeher vollkommen ausgeführt wurden, so soll es auch hier auf Erden sein.  

Der Wille Gottes hier auf Erden soll also nicht weniger Beachtung finden, als wie es in Psalm 103 über den Himmel gesagt wird, indem es heißt: Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles. Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes! Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut! (Ps 103,19-21). Nicht weniger als das, bringt man mit der Bitte, „wie im Himmel so auf Erden“, zum Ausdruck, man äußert den Wunsch, dass hier auf Erden uneingeschränkt der Wille Gottes ausgeführt wird. Und zwar so wie von den Engeln im Himmel, hier auf Erden von den Menschen. Treffend kommentiert Bischof J.C. Ryle: Der Himmel ist der einzige Ort, wo Gottes Willen vollkommen, beständig, unverzüglich, fröhlich, sofort und ohne jedes kritische Hinterfragen geschieht. 1 Und Martyn Lloyd-Jones bemerkt: Die Engel sind sozusagen flugbereit, um auf seine Befehle hin zu starten. Das vorherrschende Verlangen aller im Himmel ist, Gottes Willen zu tun – und ihn damit anzubeten und zu verherrlichen. 2  Und an anderer Stelle zitiert er dem Kleinen Katechismus der Synode von Westminster: Die vornehmste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn zu genießen in Ewigkeit. Und erklärt: Das ist der Weg, wie ich Sünde vermeiden kann; ich muss von vornherein von der Hauptzielsetzung ausgehen, dass ich hier bin, um zur Verherrlichung Gottes zu leben, dass es mein höchstes Ziel ist und mein höchster Zweck sein sollte, Gott zu verherrlichen und in Übereinstimmung mit seinem heiligen Willen zu leben. Ich sollte nicht fragen, was ich will, sondern was der Herr will. 3

Spricht also jemand dieses Gebet, unterwirft er sich uneingeschränkt dem Willen Gottes. Denn wer den Wunsch zum Ausdruck bringt, dass der himmlische Standard auch Norm für diese Erde sein soll, kann sich selbst nicht davon ausklammern. Von daher sollten wir das Gebet auch nicht als ein Mittel sehen, bei dem es vorrangig darum ginge, Gott für unsere Belange zu gewinnen, sondern vielmehr als ein Ringen, dass wir immer mehr für Seinen Willen gewonnen werden. Entsprechend hilfreich ist daher die Überlegung, wozu wir beten. Folgendes Zitat gibt darauf eine sehr treffende Antwort:

Wir beten nicht, um Gott zu informieren – denn das würde heißen, er weiß nichts.
Wir beten nicht, um Gott zu motivieren – denn das würde heißen, er will nicht.
Wir beten nicht, um Gott zu aktivieren – denn das würde heißen, er kann nicht.
Sondern wir beten, weil wir des Gesprächs mit dem Vater bedürfen, und um unseren Willen in seinen Willen zu legen. Aufgabe des Beters ist nicht, Gottes Pläne zu ändern, sondern ihn zu verherrlichen und ihm für diese Pläne zu danken. 4

Genau darum lautet die Bitte, die wir an Gott den Vater richten sollen, auch nicht: „Mein Wille geschehe!“, sondern: „Dein Wille geschehe“. Wer dies Aufrichtig betet, dem ist daran gelegen, dass sein Leben im Einklang mit dem Willen Gottes ist. Was im Umkehrschluss bedeutet: So lange ein Mensch sich weigert, Jesus Christus die Herrschaft über sein Leben zu geben, kann er die Bitte: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, nicht aussprechen. Zumindest nicht ohne zu heucheln. Arthur Pink verdeutlicht diesen Widerspruch durch folgende Feststellung: Wer zuversichtlich ist, ins ewige Leben einzugehen – welches vor allem völlige Freiheit von aller Sünde bedeutet - , jetzt aber Sünde in seinem Leben billigt, täuscht sich schwer. Niemand wünscht sich ernsthaft, in der Zukunft von Sünde frei zu sein, wenn er sich in der Gegenwart nicht aufrichtig von Sünde trennt. Wer hier nicht der Heiligkeit nachjagt, irrt sich gewaltig, wenn er meint, er wünsche sich Heiligkeit für die Ewigkeit. Die ewige Herrlichkeit ist nichts anderes als die vollendete Gnade; das Leben im Himmel ist nichts anderes als die volle Reife des wiedergeborenen Lebens auf der Erde. 5

Wer wirklich diesen sehnlichen Wunsch hat, dass der Wille Gottes auch auf Erden unmittelbar und uneingeschränkt ausgeführt wird, der kann sich nicht einfach mit seiner sündhaften Natur abfinden, so nach dem Motto „wir haben doch alle unsere Fehler“. Nein, er leidet darunter und sehnt sich nach der Vollendung. Wie einst der Apostel Paulus ruft er aus: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? (Röm 7,24). Der Grund für diesen Verzweiflungsschrei des Christen ist die Tatsache, dass für ihn nichts schmerzlicher ist, als Gott durch einen Fehltritt zu betrüben. Aus diesem Grund leidet er unter seinem Fleisch. Seine alte Natur, die immer wieder aufbegehrt, macht ihm zu schaffen. In Galater 5,17 bringt der Apostel Paulus diesen inneren Konflikt wie folgt auf den Punkt: Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt.

Genau das beschreibt den Glaubenskampf in den jeder Wiedergeborene hineingestellt ist. Die Bitte: "Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, ist der sehnliche Wunsch nach dem endgültigen Sieg über die Sünde. Es ist der Wunsch nach der Vollendung dessen, was durch den Prozess der Heilung begonnen hat. Doch dies wird erst der Fall sein, wenn Jesus Seine Herrschaft antreten wird und alle Seine Nachfolger IHM gleich sein werden. Erst dann wird es hier auf der Erde so sein wie im Himmel. Erst wenn Gott sichtbar unter den Menschen wohnt. Wenn ER, wie in Seinem Wort versprochen hat, alles neu machen wird. Erst dann wird der Prozess der Heiligung vollkommen abgeschlossen sein. Und alle, die auf Christus vertraut haben, werden IHN sehen, wie ER ist, also von Angesicht zu Angesicht (vlg. Röm 8,24). Aber nicht nur das, sie werden Seinem Bilde gleich sein. Es wird sich erfüllen, was Johannes schreibt: Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist (1.Joh 3,2).

Doch es ist wie in dem Zitat von Arthur Pink gesehen, wer hier nicht der Heiligkeit nachjagt, irrt sich gewaltig, wenn er meint, er wünsche sich Heiligkeit für die Ewigkeit. Und hier sehen wir, wie weit die gängige Vorstellung darüber wer Christ ist, von dem abweicht, was uns Gottes Wort darunter versteht. Von daher muss uns bewusst sein, dass ein Namenschrist die Bitte: „Dein Wille geschehe“ nicht aussprechen kann, zumindest nicht ohne sich dessen schuldig zu machen, was Jesus in Matthäus 15,8 sagt: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir!“  Heute meint man es ginge maximal um Kirchenmitgliedschaft, doch die Wahrheit ist, wer kein Nachfolger von Christus ist, der ist auch kein Christ. Aus diesem Grund müssen wir uns an Jesus orientieren, und was zeigt uns Sein Leben, was hat ER selbst über sich gesagt? Oder anders gefragt, was war das Hauptziel in Seines Lebens hier auf Erden? Was war für IHN eindeutig die höchste Priorität? Wir finden die Antwort in Johannes 6,38, hier sagt Jesus: Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das war das Ziel im Leben von Jesus, darauf war ER ausgerichtet, darauf war ER fokussiert, das war Sein Lebensinhalt, und zwar so sehr, dass ER an anderer Stelle sprach: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk (Joh 4,34). Wie ernst IHM dies war, können wir durch Sein ganzes Leben, durch Seinen ganzen Dienst hindurch, immer wieder sehen, doch in ganz besonderer Weise, als ER im Garten Gethsemane im Gebet rang, weil IHM die Kreuzigung bevorstand, und sprach: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26,39).

In letzter Konsequenz bedeutet die Bitte: „Dein Wille geschehe!“, dass die Liebe zum Vater größer ist, als die Liebe zum eigenen Leben. Unzählige Märtyrer sind Jesus selbst bis in unsere Generation hinein zu diesem Punkt gefolgt. Sie haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum Tod (Offb 12,11), weil sie die Worte ihres HERRN ernst genommen haben, mit denen ER auch uns sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle (Mt 10,28). So gesehen, ist die größte Gefahr für einen Menschen, Gott selbst, denn nicht ich, sondern die Schrift sagt: Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! (Hebr 10,13). Gerade in unserer Generation muss man diese Tatsache wieder betonen, ja man kann es eigentlich nicht oft genug erwähnen, denn selbst unter Christen wollen viele nur den lieben, gnädigen Gott sehen, doch Seine Heiligkeit und Seine Gerechtigkeit, werden verdrängt. Entsprechend ist auch die biblische Lehre sehr einseitig, was dazu geführt hat, dass viele Menschen Gott überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Sofern man sich überhaupt an Sein Wort hält, so sieht man es eher als unverbindliche Empfehlung, als darin etwas zu sehen, dem es zu gehorchen gilt. Doch diese Sichtweise ist nicht mit der Bitte: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, zu vereinbaren, denn wie bereits festgestellt, Gott gegenüber zu bekunden, dass man den Wunsch hat, dass Sein Wille hier auf Erden genauso selbstverständlich ausgeführt wird, wie es im Himmel der Fall ist, ist reinste Heuchelei, solange man sich selbst davon ausklammert. Erinnern wir uns an dieser Stelle auch noch einmal daran, dass dieses Gebet nur als Gebet für Kinder Gottes gedacht ist, nur sie können Gott mit Vater ansprechen, doch was wird über sie gesagt? Werden in der Schrift etwa jene als Kinder Gottes bezeichnet, die durch ihren selbstsüchtigen Eigenwillen geleitet werden? Nein, vielmehr steht geschrieben: Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes (Röm 8,14). Der Heilige Geist leitet niemals in die Rebellion gegen Gott, sondern immer in den Glaubensgehorsam gegenüber dem offenbarten Willen Gottes. Wer also die Bitte: „Dein Wille geschehe“ äußert, der muss die Einstellung eines Josuas teilen, der sagen konnte: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“ (Jos 24,15).

Womit wir einem weiteren Aspekt dieser Bitte kommen, und der ist darin zu sehen, dass man mit dieser Bitte nicht nur zum Ausdruck bringt, selbst nach dem Willen Gottes leben zu wollen, sondern auch andere Menschen dafür zu gewinnen. Genau dies sollte auch die Motivation für jeden missionarischen Eifer sein, in erster Linie soll es auch hier um die Ehre Gottes gehen und darum, dass sich Sein Reich hier auf Erden ausbreitet, in dem die Schar derer, die sich Seiner Königsherrschaft unterordnen, immer größer wird und Sein Lob vermehrt wird. Paulus schreibt diesbezüglich: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1.Tim 2,1-4).
Hier sehen wir diesen Aspekt, nämlich dass es der Wille Gottes ist, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Es beginnt im eigenen Leben, es sollte sich ausdehnen auf die Familie, und dann auf das weitere Umfeld. So wie es Jesus gelehrt hat, als ER Seinen Jüngern sagte: Und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde (Apg 1,8). Es begann im näheren Umfeld, doch es bereitete sich aus, bis ans Ende der Erde, und das ist letztlich, wie bereits festgestellt, der volle Umfang vom Inhalt dieser Bitte. Es ist der Wunsch, dass das, was im Himmel selbstverständlich ist, nämlich dass alles Gott dienstbar ist, auch unter den Menschen hier auf Erden der Fall sein soll. Der himmlische Standard, nämlich dass uneingeschränkt der Wille Gottes geschieht, soll auch Norm für diese Erde sein. Dies letztlich dient auch der Menschheit zum Besten, denn es führt den Menschen zurück zu Seiner eigentlichen Bestimmung, und dies ist die Gemeinschaft mit Gott.

Abschließend zu dieser Bitte aus dem Vaterunser, abschließend zu, „Dein Wille geschehe“, sei gesagt, dass diese Haltung Grundvoraussetzung für wahre Anbetung ist. Gott wird nur da wirklich verehrt, wo man sich Seiner Herrschaft bedingungslos unterordnet. Und zwar nicht aus Furcht vor Strafe oder um sich seinen Platz im Himmel selbst verdienen zu wollen, sondern aus Liebe und aus Dankbarkeit für das, was ER in Christus für uns getan hat. Der Gläubige ist sich bewusst, dass er teuer erkauft wurde, er liebt den, der ihn zuerst geliebt hat. Er gehorcht seinem Herrn nicht widerwillig, sondern freudig. Dazu einmal mehr ein Zitat von Martyn Lloyd-Jones: Ein Kind Gottes, diese Person, die wiedergeboren ist, hält nicht nur die Gebote - für sie sind die Gebote auch eine Freude. Gottes Gebote sind dem Gläubigen keine Last; sie gehen ihm nicht gegen den Strich. Christen begehren nicht immer gegen sie auf und wünschen, sie wären nicht da – sie genießen es, die Gebote zu halten. 6

 

 

Quellangaben
1. J.C. Ryle - Kommentar zum Lukas Evangelium, Band 2,
S.181

2. Martyn Lloyd-Jones - Bergpredigt. Band 2: "Unser Vater im Himmel..." S.73
3. Martyn Lloyd-Jones - Kennzeichen eines Christen, S. 193
4. Siegfried Kettling/ John McArthur)

5. Arthur Pink - Was ist rettender Glaube? S137/138

6. Martyn Lloyd-Jones - Gott, der Heilige Geist, S.123

 


 


 

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