und und

8. Denn dein ist das Reich...

und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Matthäus 6,9-13

 

Nach den verschiedenen Bitten, die Jesus uns durch dieses Gebet ans Herz legt, geht der letzte Vers wieder zur Anbetung und Verehrung über. Beachtenswert hierbei ist, dass die Bitten, mit denen unser HERR dieses Gebet eröffnet hat, nun in ein Bekenntnis übergehen. Denn während die Eingangsbitte: „Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, lautete, folgt nun die Aussage: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Somit beginnt und endet dieses Gebet, mit der Verehrung und Verherrlichung Gottes, wodurch klar zu erkennen ist, es ist Gott, der im Mittelpunkt steht. Es geht um IHN, um Seine Ehre, um Seine Herrlichkeit, ER ist der Eine, dem die Anbetung zusteht und gebührt. Wenn wir uns nun noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass dieses Gebet ein Mustergebet ist, wo es nicht nur um das Aufsagen von auswendig gelernten Versen geht, sondern wo uns der HERR das Beten lehrt, indem ER uns einen Leitfaden vorlegt. Wenn Jesus an einer Stelle sagt, dass der Vater solche Anbeter sucht, die IHN im Geist und der Wahrheit anbeten (Joh 4,24), wie könnten wir besser erfahren, wie wir uns eine solche Anbetung vorzustellen haben, als durch diese Gebetsanleitung. Wer könnte uns hier eine bessere Unterweisung geben, als jener der sprach: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 6,63)? Prüfen wir uns doch an dieser Stelle, was der Schwerpunkt unserer Gebete ist. Steht die Verehrung Gottes am Anfang und am Ende oder tragen wir nur unser Bitten vor? Dreht es sich nur um uns und unsere Wünsche oder geht es uns wirklich um die Ehre Gottes?

Vielleicht muss sich das moderne Christentum wieder ganz neu bewusst machen, dass sich das wahre Evangelium nicht primär um den menschlichen, sondern um den göttlichen Willen dreht. „Dein Wille geschehe“, bedeutet nicht, dass es beim Beten darum ginge, Gott für unseren Willen zu gewinnen, sondern umgekehrt, es geht darum, sich Seinem Willen zu unterwerfen. Mir scheint ein Großteil unseres heutigen Christentums hat sich längst von diesem Gedanken verabschiedet. Die Frage ist, ob sich der moderne Christ nicht genau wie einst das Volk Israel einen Ersatzgott gemacht hat? Damals gossen sich die Israeliten ein goldenes Kalb und sprachen, dies ist unser Gott. Mit dem Gott, der Mose die Gesetzestafeln gab, wollten sie nichts mehr zu tun haben, stattdessen zogen sie einen selbstgemachten Götzen vor. Doch was war der eigentliche Grund? Der wahre lebendige Gott, hatte den rechtmäßigen Anspruch über ihnen zu herrschen. Dein ist das Reich. ER ist der rechtmäßige Herrscher, ER ist es, der auf dem Thron sitzt und ER gab Seinem Volk durch die 10 Gebote Sein Moralgesetz. ER gab vor, was falsch und richtig, was gut und böse ist, ER gab den Weg vor, den sie gehen sollten, doch sie wollten selbstbestimmen. Sie wollten sich nicht dem Willen Gottes beugen und auf Seinen Wegen gehen, sondern wollten lieber ihren Wünschen und Begierden folgen und ihren eigenen Weg gehen. Darum erklärten sie das selbstgegossene Kalb zu ihrem Gott (vgl. 2.Mo 32,4). Diesem toten Götzen mussten sie nicht folgen, nein, sie konnten ihn hintragen, wo auch immer sie wollten. Und wo zog es sie hin, welchen Weg wollten sie einschlagen? Es war der Weg zurück nach Ägypten, zurück in die Welt. Sie wollten so sein wie die anderen Völker. Somit ist dieses goldene Kalb ein Bild für jeden menschengemachten Glauben. Ein Glaube, der individuell auf die menschlichen Wünsche ausgerichtet werden kann, ein Glaube, der sich den menschlichen Wünschen und Begierden anpasst, ein Glaube in dem nicht der wahre lebendige Gott, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht. Oberflächlich betrachtet, erscheint es praktischer, einen solchen Gott zu haben, doch was bedeutet es denn in Wahrheit, wenn statt dem lebendigen Gott, nur ein toter Götze verehrt wird? Psalm 116 bringt es auf den Punkt:

Die Götzen der Heiden sind Silber und Gold, gemacht von Menschenhänden.
Sie haben Mäuler und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht,
sie haben Ohren und hören nicht, auch ist kein Odem in ihrem Munde.
Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich, alle, die auf sie hoffen (Ps 135,15-18)

„Sie haben Mäuler und reden nicht“, mag von Vorteil sein, wenn man sich nicht unterordnen, sondern seinen eigenen Weg gehen will, doch die Aussage „sie haben Ohren und hören nicht“ macht deutlich, wie sinnlos die Verehrung und Anbetung solcher Götzen ist. Alles Bitten und alles Flehen ist vergebens, wenn es auf taube Ohren stößt. Denken wir an die Auseinandersetzung des Propheten Elias mit den Baals Priestern. Sie hatten gebetet, waren regelrecht in Ektase geraten, von morgens bis mittags hatten sie den Namen des Baal angerufen, wie wild hüpften sie um den Altar und riefen: „Baal, antworte uns!“, doch all das war vergebens, die Antwort blieb aus, worauf der Prophet Gottes höhnisch sprach: „Ruft mit lauter Stimme, denn er ist ja ein Gott! Er ist sicher in Gedanken, oder er ist austreten gegangen, oder er ist auf der Reise; vielleicht schläft er, dann wird er aufwachen“ (1.Kö 18,27).

So wenig selbstgemachte Götter tauglich für die Lebensführung sind, so wenig werden sie uns weiterhelfen, wenn wir in Not sind. Nur der wahre, lebendige Gott, erhört Gebet (vgl. Ps 65,3). Darum ist ER der rechtmäßige Adressat unserer Anbetung und Verehrung und ebenso der richtige Adressat für unser Flehen und Bitten. IHM allein gebührt die Anbetung, weil IHM das Reich gehört. ER ist es, der auf dem Thron sitzt, ER ist es, dem die Anbetung und die Ehre gebührt, denn Sein ist die Herrlichkeit. ER allein ist würdig, zu empfangen den Ruhm und die Ehre und die Macht; denn ER hat alle Dinge geschaffen, und durch Seinen Willen sind sie und wurden sie geschaffen! (Vgl. Offb 4,11). Alles was existiert, wurde von IHM geschaffen, wurde von IHM ins Dasein gerufen, jedes Geschöpf verdankt IHM seine Existenz, egal ob sichtbar oder unsichtbar. Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: Alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen; und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn (Kol 1,16-17).

Wie dieser Vers uns zeigt, verdanken wir IHM nicht nur unser Dasein, vielmehr liegt auch unsere Existenz allein in Seiner Hand, denn wir wurden für IHN geschaffen und bestehen allein durch IHN. ER ist also Schöpfer und Erhalter aller Dinge, sowohl dessen, was uns umgibt, als auch unserer eigenen Existenz. Wer anderes kann rechtmäßiger Adressat unserer Verehrung sein, als der allein wahre Gott, der sich uns in Seinem Sohn, Jesus Christus, offenbart hat? Wir beten IHN also nicht grundlos an, im Gegegenteil: Wahre Anbetung ist immer begründet; treffend erklärt Benedikt Peters:

Es werden uns die Gründe genannt, warum der Himmel jubelt: dreimal steht ein erklärendes "denn". Das zeigt uns, daß Anbetung immer begründet ist. Sie wird durch Erkenntnis des Wesens, der Wege und der Werke Gottes geweckt. Das ist sehr wichtig in einer Zeit, da immer mehr Christen heidnische Vorstellungen von Anbetung haben: Sie denken, anbeten heiße, sich in erhabene Gefühle hineinzusteigern, sich durch äußerliche Stimulantien wie entsprechende Musik, Händeklatschen, Tanzen usw. in eine besondere Stimmung hineinversetzen zu lassen. Das ist vollständig heidnisch. So dienen etwa Hindus oder muslimische Derwische ihren Göttern. Nicht aus Umständen oder Gefühlen, sondern von Gott selbst, geht der Anstoß zur Anbetung aus.1

In Bezug auf die Aussage: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ können wir also folgendes festhalten: Aufgrund dessen, weil Sein das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit ist, gebührt IHM allein die Anbetung und Verehrung. Nichts ist vernünftiger als sich diesem Gott zu unterwerfen, und nichts unvernünftiger, als diesem Gott den Rücken zuzukehren. Wer also diesen Gott aus seinem Leben ausblenden will, wer lieber auf selbsterdachte Religion oder Menschenweisheit vertraut, der schneidet sich ins eigene Fleisch und tut seiner eigenen Seele Gewalt an, weil er ausblendet, dass er alles, wirklich alles, diesem einen wahren Gott zu verdanken hat, und nicht wahrnimmt, dass er sich nicht selbst gehört. Alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen; und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn. Jeder Mensch ist für IHN geschaffen, ER ist der rechtmäßige HERR, ER ist es, der spricht: „Siehe, alle Seelen gehören mir“ (Hes 18,4).

Es ist wichtig, dass wir uns dies bewusstmachen, wir gehören nicht uns selbst, wir sind keine autonomeren, unabhängigen Wesen. Unser Leben liegt in der Hand unsers Schöpfers und doch leben unzählige Menschen so, als hielten sie alles selbst in Händen. Man will nicht wahrhaben, dass es einen Gott gibt, der über einem steht, sondern sieht den Menschen als das Maß aller Dinge. Man weigert sich, auf das Wort Gottes zu hören, verwirft die moralischen Wertmaßstäbe des allwissenden Schöpfers und richtet lieber seinen eigenen Maßstab auf. Zugleich möchte man aber nicht auf Religiosität verzichten, sondern sucht darin Trost. So hat man sich einen modernen Glauben zurecht gestrickt, der in Wahrheit gar nicht modern ist, sondern exakt dem Verhalten des Volkes Israel gleicht. Nehmen wir wahr, dass dieser Glaube nichts mit dem Evangelium gemein hat, sondern nur ein billiger Ersatz ist, hier wird nicht der wahre Gott, sondern ein Götze verehrt. Dass Hoffnung auf Götzen vergebens ist, haben wir bereits betrachtet, sehen wir uns nun den Gegensatz an, und das ist die Verehrung und Anbetung des lebendigen Gottes. Was ist der wesentliche Unterschied? Die Götzen sind tot und daher völlig machtlos, der wahre Gott hingegen ist lebendig, ER ist der allmächtige, der allgegenwertige und immerwährende Schöpfer und Erhalter aller Dinge. ER ist es, der die Naturgesetze festgelegt hat und der Schöpfung ihre Grenzen zugewiesen hat.

Genau diesen Aspekt sehen wir in der Aussage: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. ER sitzt auf dem Thron, ER ist es, der regiert, ER hat die Macht und ER hat die Kraft. Wir richten unsere Bitten also an keinen ohnmächtigen Gott, oder einen leblosen Götzen, sondern an den allmächtigen Gott. Somit ist Gebet kein billiger Trost oder eine Art Selbsttherapie, sondern vergleichbar mit einer Beziehung zwischen Vater und Sohn. Wenn der Sohn nicht mehr weiterweiß, wenn er mit seinen Möglichkeiten am Ende ist und in seiner Verzweiflung Hilfe bei seinem Vater sucht, wird er durch dieses Gespräch seine Sorgen los. Denn nach dem er sich seinem Vater anvertraut hat, genügt es ihm wenn sein Vater ihm zur Antwort gibt, er würde sich der Sache annehmen. So ist es auch bei den Kindern Gottes, sie haben jederzeit Zugang zum Gnadenthron, dort können sie all ihre Sorgen und Nöte mit ihrem himmlischen Vater teilen. So werden wir aufgefordert: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch (1.Petr 5,7) und haben die Zusage: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns (1.Joh 5,14).

Wir haben also sowohl diese Einladung unserem himmlischen Vater unsere Sorgen und Nöte anzuvertrauen, als auch die Zusage der Gebetserhöhung. Nur eines haben nicht, wir haben kein Pauschalversprechen, dass was auch immer wir bitten erhört wird, sondern vielmehr wird uns hier gezeigt, dass unsere Bitten nur dann erhört werden, wenn sie nach Seinem Willen sind. Beten wir jedoch das Vaterunser wirklich von Herzen, dann entspricht genau dies auch unserem Wunsch. Denn nichts anderes bringen wir durch die Aussage: „Dein Wille geschehe“, zum Ausdruck.

Wir bekunden damit, dass der Wille Gottes bei uns an erster Stelle steht, womit wir unseren eigenen Willen Seinem Willen unterordnen. Wenn wir in Gott, wirklich den sehen, der ER ist, nämlich der allmächtige, allwissende Gott, der Vater des Lichts, dann wird es uns nicht schwerfallen diese Haltung einzunehmen. Denn in diesem Fall leben wir in dem Bewusstsein, dass unser himmlischer Vater gute Gedanken und Absichten hat. ER allein kann beurteilen, welche Dinge uns zum Besten dienen und welche uns schaden. Wenn ER uns also eine Bitte verweigert oder ein Gebet auf andere Weise erhört, als wir es uns erhofft haben, dann können wir getrost sein, dass es einen guten Grund dafür gibt. Beachten wir hierzu, was Jesus an anderer Stelle sagt: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!“ (Mt 7,11).

Zuvor hatte ER über zuversichtliches Beten gesprochen und fragte: „Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? (V 9-10). Die Antwort lautet natürlich: „Nein!“ Und wenn dem so ist, bei fehlbaren Geschöpfen, wie viel mehr, dann beim Vater im Himmel? Doch weil die Bittsteller ebenso fehlbar sind, kann es im übertragenen Sinne durchaus so sein, dass der hungrige Sohn seinen Vater um einen Stein oder um eine Schlange bittet. In diesem Fall würde wohl kein irdischer Vater, der Bitte des Sohnes nachkommen, sondern ihm stattdessen ein Brot und einen Fisch geben. Auch wenn das nur ein Bild ist, so können wir ebenso festhalten, dass unser Vater im Himmel über bitten und verstehen gibt (vgl. Eph 3,20). ER berücksichtigt unsere begrenzte Sichtweise, anstatt uns immer zu geben, was wir wollen, gibt ER uns, was wir tatsächlich brauchen. Wird uns also eine Bitte verweigert oder ein Gebet nicht so erhört, wie wir es erhofft haben, dürfen wir darin keine negative Absicht sehen, vielmehr müssen wir unseren himmlischen Vater so sehen, wie ER sich uns durch Sein Wort offenbart und wahrnehmen: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter (Jak 1,17).

Manchmal stellt die Erhörung unserer Bitten auch unseren Glauben auf die Probe, denken wir an Abraham, wie lange er warten musste, bis Isaak geboren wurde. Oder denken wir an Marta und Maria, Lazarus war gestorben, sie dachten Jesus sei zu spät gekommen, doch was geschah? Jesus erweckte Lazarus aus den Toten. Warum bekamen Abraham und Sarah ihren Sohn Isaak nicht bereits in jungen Jahren, warum wurde er erst geboren nach dem beide biologisch gesehen längst über das geeignete Alter hinaus waren? Weil Gott damit mehr Ehre zuteilwurde. Warum kam Jesus nicht früher zum kranken Lazarus um ihn zu heilen, warum kam ER erst als Lazarus bereits im Grab lag? Wieder dieselbe Antwort, weil Gott damit mehr Ehre zuteilwurde. Wenn wir beten: „Herrlichkeit in Ewigkeit“, dann gilt es diese Sichtweise zu übernehmen, und alles danach zu bewerten. Wie wird dem Vater durch mein Leben die meiste Ehre zuteil, was dient der Ehre Seines Namens? Um wessen Ehre dreht es sich in unserem Leben? Um die Ehre Gottes oder um unsere eigene? Wahrer Glaube ist, wie uns Jesus zeigt, immer auf die Ehre Gottes ausgerichtet (vgl. Joh 5,44). Doch dies war nicht nur Seine Lehre, sondern dies war es, was Sein Leben ausgezeichnet hat. „Vater, verherrliche deinen Namen!“ (Joh 12,28), lautete Sein Gebet, und diese Bitte wurde erhört, denn weiter lesen wir: Da kam eine Stimme vom Himmel: „Ich habe ihn verherrlicht und will ihn wiederum verherrlichen!“ (Joh 12,28). Beachten wir, im selben Zusammenhang, wie uns gesagt wird, dass uns alle Dinge zum Besten mitwirken sollen, wird auch die Bestimmung der Gläubigen genannt, und diese lautet, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern (Röm 8,29). Vielleicht denken wir, uns sollten alle Leiden erspart werden, doch hierbei dürfen wir nicht übersehen, dass in Hebräer 5,8 geschrieben steht: So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt (Hebr 5,8). Dieser Vers sollte uns aufhorchen lassen: Der Sohn Gottes, in dessen Bild wir umgestaltet werden sollen, hat an dem, was ER litt, Gehorsam gelernt. Können wir dann allen Ernstes davon ausgehen, dass wir den Gehorsam auch ohne Leiden erlernen können?

Wir neigen zu der Annahme, unser himmlischer Vater müsste uns alle Unannehmlichkeiten ersparen, sodass wir all das Gute fast schon für selbstverständlich nehmen, geht uns jedoch etwas gegen den Strich, stellen wir auch schon Gottes Absichten in Frage. Martyn Lloyd-Jones brachte es wie folgt auf den Punkt: Wir alle sind doch gern bereit, all die Geschenke und Vergnügungen, alle Freuden und alles Glück anzunehmen, ohne viel mit Gott darüber zu reden. Aber sobald etwas schiefgeht, fangen wir an zu murren. Gesundheit und Kraft, Nahrung und Kleidung, die Menschen, die wir lieben – all das halten wir für selbstverständlich. Aber sobald etwas nicht so läuft, wie wir es wünschen, jammern und klagen wir: „Warum tut Gott mir das an? Warum passiert das gerade mir?“ Wie lange dauert es, bis wir danke sagen, und wie schnell sind wir am schimpfen! 2 Zuweilen denke ich, so Lloyd-Jones weiter, der Stand unseres Glaubens kann am besten daran gemessen werden, ob wir in der Lage sind, Gott auch für Züchtigungen, für Probleme und Schwierigkeiten zu danken, weil wir erkannt haben, dass er uns damit näher zu sich ziehen will.3

Keine Frage, das ist feste Speise, das ist nicht wonach allen die Ohren kitzeln, doch können wir das Vaterunser ernsthaft betrachten, wenn wir all dies ausklammern? Zeigt uns Jesus nicht genau durch diese Worte, worum es im Glaubensleben geht? Stellt ER nicht klar heraus, dass es um die Ehre des Vaters geht. „Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, waren die einleitenden Worte, das Bekenntnis: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“, bildet den Schlussstein. Wer hier nur ein oberflächliches Gebet sieht, das dazu gedacht ist, dass es Millionen von Menschen gedankenlos herunterleiern, hat sich nie ernsthaft Gedanken über den Inhalt dieses Gebetes gemacht. Aber nicht nur das, er blendet zudem aus, dass genau davor gewarnt hat: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden“ (Mt 6,7), hatte ER gesagt, ehe ER dieses Gebet gelehrt hat. Wenn wir also eine Lehre aus diesem Gebet ziehen wollen, dann müssen wir zu aller erst realisieren, dass es nicht um ein leeres Lippenbekenntnis, sondern um wahre Hingabe geht. Darüber hinaus zeigt uns dieses Gebet nicht nur die alles überragende Stellung Gottes, sondern zugleich unsere absolute Abhängigkeit. Einmal mehr möchte ich hierzu Martyn Lloyd-Jones zitieren, der hierzu folgende Anmerkung macht: Das tägliche Brot, Vergebung der Sünden, Bewahrung vor allem, das mich wieder zu Sünde verleiten möchte, und Bewahrung vor allem, dass meinen höheren Interessen und meinem wahren Leben entgegensteht. Nirgendwo in der ganzen Heiligen Schrift wird so deutlich aufgezeigt, wie völlig wir von Gott abhängig sind, wie hier in diesem Gebet und besonderes in diesen drei Bitten.4

Und vergessen wir nie, unser Vater im Himmel ist kein unberechenbarer Tyrann, sondern ein liebender Vater, der gute Absichten mit Seinen Kindern hat. Was nicht bedeutet, dass im Glaubensleben immer alles so läuft wie wir es uns erhoffen. Sondern, dass sich der wahre Glaube darin bewährt, unserem himmlischen Vater auch in schwierigen Lebenssituationen zu vertrauen. Machen wir unser Glück hingegen von äußeren Umständen abhängig oder suchen unsere Lebenserfüllung in anderen Personen, dann suchen wir an der falschen Stelle; wahres Glück finden wir allein in der Beziehung zu Gott. David brachte es wie folgt auf den Punkt: Du bist mein Herr; es gibt kein Glück für mich außer dir (Ps 16,2).

Glückselig sind wir, wenn dies auch unserer Herzenshaltung entspricht und die ungetrübte Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater in unserem Leben an erster Stelle steht. Wenn unser Leben darauf ausgerichtet ist, IHM zu gefallen und Sein Herz zu erfreuen, werden wir überreich belohnt, durch einen Frieden der höher ist als alle Vernunft. Egal unter welchen Umständen wir leben, egal in welcher Lebenslage wir uns befinden, wir können unseren himmlischen Vater in allem Ehren. Dies umso mehr, wenn wir trotz schwieriger Lebenslage an unserem Glaubensbekenntnis festhalten und in der Gewissheit leben, dass unser Leben immer dann in besten Händen liegt, wenn wir es in die Hände unseres himmlischen Vaters legen.

Ich weiß, dass du mein Vater bist, in dessen Arm ich wohlgeborgen.
Ich will nicht fragen, wie du führst, ich will dir folgen ohne Sorgen.
Und gäbest du in meine Macht mein Leben, dass ich selbst es wende,
ich legt in kindlichem Vertrau’n es nur zurück in deine Hände. 5

Weil Gottes Gedanken viel höher sind als unsere Gedanken, können wir Seine Wege sicher nicht immer verstehen, dafür aber können wir wissen, dass ER gute Gedanken über unser Leben hat und uns letztendlich alle Dinge zum Guten dienen werden (vgl. Jes 55,9; Röm 8,28). Alle Lebensumstände sollen dazu beitragen, dass wir immer mehr in das Bild unseres HERRN verwandelt werden, wodurch unser himmlische Vater verherrlicht wird und IHM die Ehre zukommt, die IHM zusteht. Wir können IHM unser Leben vorbehaltlos ausliefern und getrost sein, dass ER uns auf rechter Straße führen wird. Daher können wir wahrlich sagen: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Und gerade dann, wenn wir uns kraftlos fühlen, ist es umso tröstlicher zu wissen, Sein ist die Kraft. Wir haben einen Gott der nicht nur gewillt ist uns zu helfen, sondern der auch die Kraft hat es zu tun. Egal in welcher Lebenslage wir uns befinden, ER hat alles unter Kontrolle und kann alles zum Guten wenden. Wahrlich, Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit und in seinem Tempel ruft alles »Herrlichkeit! (Ps 29,9).

 

Amen.


 

Quellangaben: 
1. Benedikt Peters (in seinem Kommentar zur Offenbarung des Johannes)
2. Martyn Lloyd-Jones - Schritt für Schritt, S.98
3. Ebd. 100
4. Martyn Lloyd-Jones - Bergpredigt. Band 2: "Unser Vater im Himmel..." S.78
5. Quelle unbekannt

 


 

 Komplette Beitragsreihe als 

 

 

www.evangeliums-botschaft.de

Nach oben