und

Zittern vor dem Wort des Herrn

03.10.2016

Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der Herr. Ich will aber den ansehen, der demütig und zerbrochenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort (Jesaja 66,2).

Ich hoffe mich hauptsächlich mit der Person am Ende des Verses zu beschäftigen, „und der zittert vor meinem Wort.“ Bekräftigt wird der Text im 5. Vers: „Hört das Wort des Herrn, ihr, die ihr erzittert vor seinem Wort.“ Das Erzittern ist aus Gottes Sicht ein bewundernswerter Charakterzug. Der herrliche Jahweh spricht von seinem Thron im Himmel von jenen, die zerbrochen sind und die vor seinem Wort zittern. Und dann nimmt der Prophet den Faden auf und ruft: „Hört das Wort des Herrn, ihr, die ihr erzittert vor seinem Wort.“ Es ist eine sehr große Gnade, dass das Wort Gottes Heilige beschreibt, die sich in einem Tiefstand göttlicher Gnade und traurigsten Seelenzuständen befanden. Manchmal finden wir die Kinder Gottes an sehr hohen Orten – ihr geistliches Leben ist kraftvoll und ihre innere Freude ist überströmend. Wenn wir euch die Heiligen dieser Art beschreiben, rufen viele der Kleingläubigen auf: „Ach, davon weiß ich gar nichts! Wollte Gott, es wäre so mit mir! Aber in Wirklichkeit ist es nicht so.“ Sie sind durch solche Dinge zutiefst beunruhigt, obgleich dies ihren Geist und ihr Verlangen anspornen sollte – denn gewiss, wenn ein Gläubiger in der Lage ist, die lieblichen Berge [Bunyan, Pilgerreise] zu erklimmen, gibt es umso mehr Hoffnung, dass andere dies auch tun können.

Wir haben Gott jedoch dafür zu danken, dass er in seinem unschätzbaren Wort uns ein Bild des Gläubigen gezeichnet hat, der zerbrochen ist. In der Bildergalerie all derer, die durch Glauben errettet wurden, finden wir Rahab als auch Sarah und den irrenden Samson sowie den heiligen Samuel. Im Familienregister des Herrn treffen wir auf Gläubige, die schwach und niedergeschlagen und fehlerhaft waren. Wir haben in der Heiligen Schrift Beispiele von unzweifelhaft gnadenreichen Männern, die sich in sehr unbequemen und schwierigen Situationen befanden. Es wird von Männern als dem Volk des Herrn gesprochen, die in ihrer Seele krank waren, in deren Leben die göttliche Gnade auf einem Tiefstand und die Freude verdunkelt war. Gottes Volk wird in der Schrift beschrieben als ein solches, wenn es Winter in ihrem Geist ist und es schlummert wie der Saft, der im Baum stille steht. Der Herr sieht das geistliche Leben in den Seinen, selbst wenn es nur noch kleine Anzeichen gibt, und wenn diese Anzeichen undeutlich sind. Dass diese kleinen aber sicheren Anzeichen in der Schrift erwähnt werden, ist vielen eine Freude. Ich kenne viele unter Gottes Volk, die durch das Wort „Wir wissen, daß wir aus dem Tod zum Leben gelangt sind, denn wir lieben die Brüder“ (1Jo 3,14) getröstet wurden. „O“, haben sie gesagt, „wir empfinden eine Liebe zum ganzen Volk Gottes, wo immer sie sind. Und wenn das Beweis der göttlichen Gnade ist, haben wir diesen Beweis.“

Es ist wiederum sehr tröstend, wenn der Herr sagt: „Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz soll aufleben!“ Ps 69,33). Selbst die Suchenden werden leben. Obgleich sie noch Suchende statt Besitzer sind, haben sie die Verheißung des Herrn auf ewiges Leben. Obgleich sie lediglich etwas nachjagen und bei ihrer Suche müde geworden sind, wird die Liebe, die sie suchen ließ, sie dennoch vorangehen lassen. Das ist ein gesegnetes Wort, in der Tat: „Wer den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden.“ „Ich rufe seinen Namen an“, sagt einer, „ich weiß, dass ich es tue. Ich schreie zu ihm im Gebet. Ich will, dass sein Name über mir ausgerufen wird. Ich habe mich entschieden, dass er mein Gott sein soll, und ich gebe mich ihm hin. Und wenn das bedeutet, dass ich den Namen des Herrn anrufe, dann bin ich wahrhaft ein Kind Gottes.“

Diese kostbare Schriftstelle gab meinem Herzen besonderen Halt in Zeiten großer Bedrückung des Geistes. Ich weiß, ich rufe den Namen des Herrn an und ich werde errettet. Wie oft habe ich zu mir selbst gesagt: „Eines weiß ich, dass ich, der ich einst blind war, jetzt sehe!“ Selbst einen Strahl des Lichts zu sehen ist entscheidender Beweis, dass ich nicht länger blind bin. Das Auge, das einen einzigen Lichtstrahl sehen kann, ist ein größerer Beweis für Heilung als eines, das den Fluten des Sonnenlichts ausgesetzt ist. Denn wenn es einen einzigen Strahl wahrnehmen kann, dann ist die Sehfähigkeit nicht nur hier, sondern sie ist in keinem kleinen Ausmaß vorhanden. Der Mann, der Jesus vertrauen kann, wenn er in seiner Seele an einem Tiefpunkt angelangt ist, ist keineswegs ein kleingläubiger Mann, sondern vielmehr ist er ein Mann von starkem Vertrauen.

Liebe Freunde, erfreut euch daran, dass der Herr es uns in seiner unendlichen Gnade gewährt, die Worte dieser Schriftstelle auszusprechen, denn sie sind ein Beweis für den äußerst großen Trost für Gottes Volk.

Wer sind diese Leute, die vor Gottes Wort zittern? Ich meine, ich höre eure Herzen rufen „O, mögen wir zu diesen gehören!“ Lasst mich die Antwort darauf geben, indem ich euch sage, wer sie nicht sind. Es sind nicht stolze Leute – diese rufen nicht: „Wer ist der Herr, dass ich seiner Stimme gehorchen sollte?“ Sie hören demütig auf das Wort Gottes und im Innern verehren sie die himmlischen Beobachter. Sie sind nicht länger leichtfertig und unbekümmert, denn die Stimme des Herrn hat sie von ihrem Verhalten überführt. Sie haben ihre Häupter vor Jahweh gebeugt, und sie hören mit andächtiger Aufmerksamkeit auf alles, was er sagen mag. Sie sind wie das Kind Samuel, als es sprach: „Sprich Herr, dein Knecht hört.“ Sie sind belehrbar und demütig, und sie gehören keineswegs der Schule an, die das Unfehlbare korrigiert und das Irrtumslose beurteilt. Die Lilie des Tales hat einen Reiz, der in anderen Blumen nicht gefunden werden kann; ihre herrlichen Farben werden hoch erhoben. Gebt mir solche Lilien, denn ich glaube, dass unter ihnen Jesus lebt und dass er sehr wohl die Menschen liebt, die eine demütigen und zerbrochenen Geist haben, die zittern vor seinem Wort. Heutzutage gibt es zu viel Bronze und zu wenig Gold an der Vollkommenheit. Sie hat ein Haupt aus Bronze und sitzt in einer Weise am Straßenrand – in einer Weise, die in früheren Tagen nichts mit Reinheit zu tun hatte. Ich zittere lieber vor Gottes Wort, statt meine eigene Vortrefflichkeit zu bezeugen. Wir haben genug an Selbstzeugnissen – lasst uns nun Gott bezeugen.

Es gibt Leute, die mit Gottes Wort vertraut sind. Du kannst nicht zittern, in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, wenn du seine Stimme nie gehört hast oder das Buch nie geöffnet hast. Es ist nichts Heiliges an so viel Papier, an Druckerschwärze und am Einband, nichts an der Aufmachung einer Bibel kann dich zittern lassen – du musst Gott reden hören und wissen, was er dir zu sagen hat. Wenn du wie der alte König das Wort Gottes gefunden hast und seine heiligen Gesetze liest, dann wirst du zittern. Wenn du erstaunt erkennst, wie oft du das Gesetz gebrochen hast und wieviel Mangel es bei dir an Freude am Evangelium gibt, dann zitterst du. Eine verständige Wertschätzung des Wortes Gottes alleine kann dich vor ihm zittern lassen. Und um so mehr du es verstehst, um so mehr Anlass zum zittern wirst du haben. Ja, und umso mehr er Gefallen daran findet, umso mehr wird er zittern. Die höchste Freude, die es sterblichen Menschen schenken kann, wird ihm zuteil, wenn er mit andächtiger Ehrfurcht und einem heiligen Zittern vor Gott ist. Wenn der Gläubige über die Freude am geschriebenen Wort hinausgehen könnte und das fleischgewordene Wort selbst in all seiner Herrlichkeit in Person sehen könnte, würde er noch mehr zittern. Denn was sagte Johannes: „Als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen.“ Ein Blick auf das fleischgewordene Wort würde ein noch größeres Zittern hervorrufen als das volle Verständnis des Wortes, wie es niedergeschrieben und offenbart wurde. Doch ein solches Zittern ist Zeiche der göttlichen Gnade und keineswegs zu tadeln.

Aber was bedeutet dieses Zittern? Glaubt mir, es bedeutet nicht eine sklavische Furcht. Diejenigen, die vor Gottes Wort zittern, mögen dies im ersten Augenblick tun, weil das Wort sie zu Tode erschreckt. Aber sodann, wenn sie fortschreiten und wachsen in der göttlichen Gnade und mit dem Gott der Liebe vertrauter werden und in die Geheimnisse seines Bundes eindringen, zittern sie aus einem anderen Grund. Sie zittern, weil sie eine heilige Ehrfurcht für Gott haben und folglich für das Wort, in dem so viel Kraft und Majestät des Allerhöchsten wohnt.

Gottes Volk zittert, erstens, aufgrund seiner außerordentlichen Majestät. Beachte, was aus Hesekiel, aus Daniel, aus Johannes, dem geliebten Jünger, wurde, als sie eine Vision Gottes hatten. Niemand kann Gottes Angesicht sehen und leben. Es muss immer eine Art Wolke dazwischen sein. Durch den Schleier des Menschseins Christi können wir Gott sehen und leben. Aber Gott ist absolut jenseits allem Verständnis der Kreatur – ihn zu sehen, ist zu viel für uns. Selbst ein flüchtiger Blick seines Gewandes ist etwas Überwältigendes! Diejenigen, die jemals Gott gesehen haben, haben vor ihm und seinem Wort gezittert. Denn das Wort des Herrn ist voller Majestät. Jeder Satz der Schrift hat eine göttliche Königswürde an sich, die der wahre Gläubige empfindet und erkennt, und darum zittert er davor. Sie zittern vor der durchdringenden Kraft von Gottes Wort. Kommst du jemals an diesen Ort und setzt dich in eine Reihe und sagst: „Herr, lass es zu, dass dein Wort mich durchforscht und prüft, damit ich nicht in die Irre gehe“? Gewisse Leute brauchen immer das Liebliche und den Trost. Aber die weisen Kinder Gottes strecken sich nach diesem nicht in einem ungebührlichen Maße aus. Wir bitten um das tägliche Brot, nicht den täglichen Zucker. Weise Gläubige beten, dass das Wort des Herrn sich als lebendig und wirksam erweise, als etwas, das gut und böse in den Gedanken und Vorsätzen des Herzens zu scheiden vermag, dass es mit ihnen tun mag, was der Metzger mit dem Tier tut, wenn er es in der Mitte auseinandertrennt und die Eingeweide zur Untersuchung offenlegt – ja, er spatet die Mitte des Knochens, damit das Mark zum Vorschein kommt. Warum, Sünder werden noch mehr verhärtet und Christen werden noch demütiger. Derjenige, der Trost auf Kosten der Wahrheit sucht, wird in seiner Torheit Schmerzen erleiden. Glückselig ist am Ende der Mensch, der das Wort des Herrn ertragen kann, wenn es Donner und flammendes Feuer ist – und wenn er dagegen nicht rebelliert, sondern sich vor ihm beugt. Wenn es dich zittern lässt, war es dazu bestimmt, dich zittern zu lassen. Es sagte jemand, nachdem er Massillon [Jean-Baptiste Massillon 1663-1742, französischer Prediger] predigen hörte: „Was für eine wortgewandte Predigt, Wie herrlich hat er gepredigt!“ Massillon erwiderte: „Dann hat er mich nicht verstanden. Eine weitere vergeudete Predigt.“ Wenn eine Predigt über die zukünftige Bestrafung der Sünde den Zuhörer nicht zittern lässt, ist klar, dass sie nicht von Gott ist. Denn die Hölle ist nichts worüber man ohne Zittern spricht. Mein innerster Wunsch ist es, mehr und mehr die überwältigende Kraft von Jahwehs Gericht an der Sünde zu empfinden, damit ich mit einer umso tieferen Ernst über die Gefahr der Unbußfertigen predigen kann und dass ich sie mit Tränen und Zittern anflehen kann, sich versöhnen zu lassen.

Derjenige, der den Herrn recht kennt, zittert ebenfalls voller Ehrfurcht, damit er Gottes Gesetz nicht bricht. Er erkennt, was für ein vollkommenes Gesetz es ist, und wie geistlich es ist – wie es das ganze menschliche Leben umfasst – und der Mensch ruft: „Es ist zu hoch. Ich kann es nicht halten. O mein Gott, hilf mir, ich bitte dich.“ Er betrachtet das Gesetz mit Ehrfurcht. Er bewundert es mit einer heiligen Furcht. Er zittert vor Gottes Wort, nicht weil es ihm missfällt, sondern weil er es nicht ertragen kann, dass er so weit entfernt ist, die gerechten Forderungen zu erfüllen. Er erkennt, dass das Gesetz in Christus erfüllt ist, und dort ist sein Friede. Und doch ist sein Friede mit tiefer Ehrfurcht verbunden.

Der Herr vergleicht den, der vor seinem Wort zittert, mit einem Tempel. „So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße! Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen? Oder wo ist der Ort, an dem ich ruhen soll? Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der Herr. Ich will aber den ansehen, der demütig und zerbrochenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,1-2). Sie sind sein Tempel. Und für den Juden war der Tempel etwas sehr Wunderbares. Da stand dieses heilige und wunderbare Haus, die Freude der ganzen Welt. Ausgekleidet mit starkem Holz und überzogen mit purem Gold und die gehauenen Steine zusammengefügt ohne Hammer oder Axt. Im Denken der Israeliten gab es nie ein Gebäude, das diesem gleichkam. Doch der herrliche Jahweh spricht leichthin vom Tempel und sagt: „Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen? Oder wo ist der Ort, an dem ich ruhen soll? Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der Herr. Ich will aber den ansehen, der demütig und zerbrochenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort.“ So ist also der Mensch, der vor Gottes Wort zittert, Gottes Tempel. Er ist es ausdrücklich. Er hat so viel mehr, was über das Haus Salomons hinausgeht. Sein Herz ist voller Anbetung. Sein Zittern selbst ist Anbetung. Während die Engel in der Gegenwart Gottes ihre Angesichter verhüllen, so verhüllen gute und wahre Menschen ihre Angesichter und zittern beständig, wenn sie den anbeten, der ewig lebt. Mögen wir zittern, wenn der Ewige sich uns naht! Der Gottlose in seiner Unvernunft mag keine Gottesfurcht haben, aber der Mensch, der mit Zittern und Ehrfurcht anbetet, hat durch die göttliche Gnade eine heilige Sensibilität empfangen.

Beachte, dass der Herr uns nicht nur mit einem Tempel vergleicht, sondern er zieht uns dem Tempel vor. Und überbies, er zieht uns selbst dem großen Tempel des Universums, der nicht mit Menschenhand gemacht ist, vor, den er selbst so viel höher gesetzt hat über das Haus, das Salomon erbaute. Der Herr sagt: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße.“ Und doch scheint er zu sagen: „All dies ist nicht mein Ruheort, noch der Ort, an dem ich wohne. Aber mit diesem Menschen will ich wohnen, selbst mit dem, der vor meinem Wort zittert.“ Der Herr zieht einen zitternden Geist nicht nur dem irdischen goldenen Haus vor, sondern dem himmlischen Haus droben!

 


Charles Spurgeon, Trembling at the Word of the Lord. Predigt im: Metropolitan Tabernacle, London, 1. Mai 1884.

Ursprüngliche Quelle und Dank: distomos.blogspot.commehr dazu unter dem Vorwort

 

Nach oben