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3. Was ist ein Evangelikaler?

12.08.2016

Im Jahre 1971 hielt der britische Prediger und reformierte Theologe Martyn Lloyd-Jones zu der Frage „Was ist ein Evangelikaler?“ im Zuge einer Konferenz der International Fellowship of Evangelical Students drei Vorträge. Diese Vorträge wurden 1992 in Form eines Buches herausgegeben. Vorweg muss betont werden, dass Lloyd-Jones bei der Beantwortung der Frage seine Definition keineswegs auf reformiert-calvinistische Lehrüberzeugungen reduzierte. Er fasst seine Definition so weit, dass andere theologische Strömungen für ihn ebenso evangelikal und damit evangeliumsgemäß oder bibeltreu sind wie die eigene Denomination, der er angehörte. Gleichwohl fasste er seine Definition nicht so weit, wie es heute unter Evangelikalen generell üblich geworden ist. Nicht jeder, der nur einige Schnittmengen mit Evangelikalen aufweisen kann, ist deswegen schon „evangelikal“ im Sinne von evangeliumsgemäß.

   Als Lloyd-Jones seine Vorträge vor über 40 Jahren hielt, existierten Strömungen wie die Emerging Church noch nicht, und die evangelikale Hermeneutik war im Gegensatz zu unseren Tagen noch nicht von einer Relativierung des Literalsinns der Heiligen Schrift erfasst. Überdies übte die Charismatik keinen derart großen Einfluss aus wie heute.  Seine Ausführungen darüber, was ein Evangelikaler ist, sind dessen ungeachtet bis heute grundlegend und wegweisend. Heute wird der Begriff „evangelikal“ wie selbstverständlich auf alle angewendet, die gewisse Aussagen zum christlichen Glauben machen, ganz gleich wie oberflächlich, unscharf oder allgemeingültig diese sein mögen. Evangelikale sind zu einem Schmelztiegel unterschiedlichster christlicher Denkrichtungen geworden.

   Lloyd-Jones hatte erkannt, dass jede Institution oder Denomination dazu tendiert, ihr Gegenteil hervorzubringen. Diese Entwicklung macht auch vor Evangelikalen nicht halt. Dieser Befund macht es umso dringlicher, den Begriff „evangelikal“ zu definieren. Der Prozess der allmählichen Umdeutung von Begriffen wie „evangelikal“ oder „bibeltreu“ war ein subtiler Prozess, der von (neo-) evangelikalen Gelehrten vorangetrieben wurde. Über den schottischen Theologen und Autor A. B. Davidson schreibt Lloyd-Jones beispielsweise, dass ihn sowohl Liberale als auch Bibeltreue für seine Gelehrsamkeit lobten. Doch Davidson war der Mann, der Julius Wellhausen, einen der Begründer der modernen Bibelkritik, in evangelikale Kreise einführte! In Unkenntnis theologischer Zusammenhänge lobten Evangelikale ihn für seine Frömmigkeit, weil er seine Vorlesungen stets mit Gebet begann. Lloyd-Jones schreibt treffend: „Nun dies ist die Sorte von Person, die im Allgemeinen den größten Schaden anrichtet ... Es waren die kleinen Dinge, die er einführte, die eine wirkliche Gefahr darstellten.“ 18

 

Subtile Veränderungen: Der neue Evangelikalismus ist nicht länger der alte

 

   Über den noch relativ jungen Neoevangelikalismus seiner Tage kam Lloyd-Jones zu dem Schluss: „Der ‚neue Evangelikalismus‘ ist nicht länger der alte. Man kann davon ausgehen, dass es einen Unterschied gibt, was auch immer dieser sei. Die Leute, die dieser Richtung angehören, schreiben Bücher, und ich behaupte, dass diese Bücher zeigen, dass es zu einer subtilen Veränderung der Definition dessen kommt, was evangelikal ist.“ 19 – ein wahrhaft prophetisches Wort vor über vierzig Jahren! In der Tat waren die Anfänge des Neoevangelikalismus subtile, kaum wahrnehmbare Veränderungen und oft nur für Personen mit Urteilskraft erkennbar. Nur geistlich wache Nachfolger Christi sahen tiefer. Sie konnten nicht nur den Buchstaben beurteilen, sondern auch den liberalen Geist hinter dem Buchstaben. Hierzu bedarf es keiner akademischen Studien. Mit anderen Worten, man muss kein Theologe sein, um geistliches Unterscheidungsvermögen zu besitzen, denn es ist der Heilige Geist, der in alle Wahrheit leitet.

   Lloyd-Jones zeigt anhand von kirchengeschichtlichen Beispielen auf, wie Denominationen, die bibeltreu begannen, in der Bibelkritik endeten. Es war aus seiner Sicht nicht hinreichend, den Begriff „evangelikal“ oder „bibeltreu“ ausschließlich an biblischen Kernaussagen festmachen zu wollen. Lloyd-Jones hierzu treffend: „Der Unterschied beginnt mit etwas Äußerlichem. Und weil der Wandel im Allgemeinen dort beginnt, argumentieren einige Leute, dass sich überhaupt nichts verändert hat. Sie sagen, diese Männer stimmen in den großen zentralen Fragen überein. Aber nein, obwohl Veränderungen am Rande, an der Peripherie entstehen, ist genau das ein ernster Aspekt, und zwar aus diesem Grund, weil die Wahrheit eins ist.“20

   Der Begriff „evangelikal“ oder „bibeltreu“ musste aus Sicht von Llod-Jones gleichfalls eingrenzend definiert werden. Der Gefahr einer solchen Vorgehensweise war sich der britische Theologe allerdings sehr bewusst. Eine zu enge und rigide Definition, das hat die Geschichte gezeigt, führte zu unnötigen Aufspaltungen in die verschiedensten Denominationen. Diese Spaltungen gingen in der Regel auf Personen zurück, die zweit- oder gar drittrangige Fragen in den Vordergrund stellten und ihre Anhänger um sich scharten. Die Gründung einer neuen Gruppierung oder Denomination war zwangsläufig die logische Folge eines solchen Handelns.

   Andererseits bestand auch die gegenteilige Gefahr: die Unterwerfung unter einen ökumenischen Geist und das Streben nach Einheit ohne Wahrheit. Lloyd-Jones warf vor allem dem populären US-amerikanischen Prediger Billy Graham vor, in seinem evangelistischen Eifer grundlegende Wahrheiten des Evangeliums auf dem Altar der Ökumene zu opfern. Graham schickte bekanntermaßen seine „Bekehrten“ in liberale Kirchen des protestantischen Mainstreams und sogar in die katholische Kirche zurück. Nur auf diese Weise konnte er sich bei seinen evangelistischen Feldzügen der Unterstützung der katholischen Kirche und der liberalen Protestanten sicher sein, ohne die er niemals seine Großveranstaltungen hätte durchführen können. Man darf wohl beim Leser voraussetzen, dass das Evangelium der liberalen Protestanten und Katholiken ein „anderes Evangelium“ ist. „Evangelikal“ oder „bibeltreu“ zu sein schließt aus, ökumenisch, katholisch oder liberal zu sein.

   Lloyd-Jones war Cessationist, d. h., er war der Überzeugung, dass urchristliche Inspirationsgaben (Zungenreden, Prophetie) und Wundergaben (Gaben der Krankenheilungen, Wunderwirkungen) mit dem Tod der urchristlichen Apostel aufhörten. Er betrachtete die pfingstlich-charismatische Bewegung zu Recht als „sehr ernstzunehmenden Faktor“ und eine Gefahr, die von der Zentralität biblischer Lehre wegführt, da Erfahrungen in dieser Bewegung das biblische Wort verdrängten. Die heutige Form des „Zungenredens“ und die Erfahrung der „Geistestaufe“ von Pfingstlern und Charismatikern ist nach Auffassung pfingstlich-charismatischer Vertreter die Basis der Einheit mit allen, die die gleichen Erfahrungen teilen – selbst mit Katholiken, die Maria „in Zungen anbeten“!  Letzteres ist Götzendienst! Wenn die Worte „evangelikal“ oder „bibeltreu“ wirklich noch die Bedeutung haben, die sie haben sollten – nämlich, auf dem festen Fundament des Evangeliums zu stehen –, dann ist der weise Rat von Lloyd-Jones unerlässlich: „Wir müssen Sorgfalt walten lassen, damit wir unsere Position sorgfältig definieren.“ 21 Während sich 1928 die US-amerikanische World Christian Fundamentals Association noch von Pfingstlern distanzierte, waren es die neoevangelikalen Vorreiter in den USA, die Pfingstlern bei der Gründung der National Association of Evangelicals im Jahre 1942 Akzeptanz verschafften. Eine sorgfältige Definition des Cessationismus einerseits und biblische Bewertung des Nichtcessationismus der Pfingstbewegung andererseits ist damals schlichtweg ausgeblieben.

 

Leitprinzipien einer Definition

Martyn Lloyd-Jones fasste folgende Leitprinzipien zusammen, die bei der Definition dessen, was evangelikal oder bibeltreu ist, unbedingt zu beachten sind:

 

1. Die Bewahrung des Evangeliums und des Prinzips sola scriptura.

Für Lloyd-Jones kann die Definition dessen, was bibeltreu oder evangelikal ist, nur dann gelingen, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Erstens, die Definition musste auf dem Fundament der Heiligen Schrift stehen. Zweitens, die Heilige Schrift selbst musste als das irrtumslose, unfehlbare und autoritative Wort Gottes anerkannt werden. Relativierung oder Umdeutung der göttlichen Inspiration der Schrift müssen zwangsläufig zu fehlerhaften Schlussfolgerungen führen. Mit anderen Worten, die Schrift, und die Schrift allein (sola scriptura), muss höchster und letztgültiger Maßstab sein, will man die Begriffe bibeltreu oder evangelikal angemessen definieren.

 

2. Das Lernen aus der Kirchengeschichte.

Das Studium der Kirchengeschichte und die Auseinandersetzung mit den Fehlern, die in christlichen Denominationen und Strömungen gemacht wurden, kann eine große Hilfe sein, Fehlschläge in der Zukunft zu vermeiden. Im Wissen um die falschen Weichenstellungen der Vergangenheit können fatale Entscheidungen der Gegenwart vermieden werden.

 

3. Die „negative“ Definition des Wortes evangelikal: Was ein Evangelikaler nicht ist.

„Eines der ersten Anzeichen dafür, dass eine Person aufhört, wahrhaft evangelikal zu sein, ist, dass sie sich nicht mehr mit negativen Dingen auseinandersetzen will und ständig sagt: Wir müssen immer positiv sein. ... Das Argument, man müsse stets positiv sein, man dürfe nicht gegen etwas sein ..., birgt subtile Gefahren. Wenn man diesem Argument nicht begegnet, öffnet man die Türe für die Irrlehre der Galater [Gesetzlichkeit, Errettung aus Gnade und aus Werken].“ 22 Die Geschichte zeigt, dass Puritaner und Wiedertäufer mit den Reformatoren in wesentlichen Punkten übereinstimmten, sich hingegen in ihrer „negativen“ Definition, was nicht evangeliumsgemäß ist, voneinander unterschieden. Die Abspaltung der Bibeltreuen von der protestantischen Volkskirche war aus der Sicht von Martyn Lloyd-Jones unbedingt notwendig gewesen und aufgrund der Schrift zu rechtfertigen.

 

4. Kein Hinzufügen und kein Wegnehmen

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Feuerprobe, um zu entscheiden, ob ein Prediger evangelikal ist oder nicht, darin besteht: Achte darauf, was er nicht sagt“, so Lloyd-Jones. 23 Prediger mögen ihre Zuhörer begeistern, doch der Maßstab eines wahren geistlichen Dienstes muss das Wort Gottes bleiben – das ganze Wort Gottes. Wahre Evangelikale verkünden das ganze Wort der Wahrheit und versäumen es nicht, auch die unbequemen oder wenig populären Themen wie die ewige Verdammnis oder die Exklusivität des christlichen Heilsweges anzusprechen. Ferner darf dem biblischen Evangelium nichts hinzugefügt werden, was gesunder biblischer Lehre widerspricht (z. B. säkulare Psychologie, die dem biblischen Menschenbild widerspricht, Pragmatismus, der auf säkularen Managementmethoden beruht, usw.).

 

Merkmale eines Evangelikalen

Überdies führt Lloyd-Jones eine Reihe von Eigenschaften auf, über die evangelikale Christen verfügen sollten. Evangelikale:

§  setzen richtige Prioritäten.

§  orientieren sich an der Autorität, Inspiration, Unfehlbarkeit und uneingeschränkter Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift als wichtigster Leitlinie.

§  sollten beständig wachsam und jederzeit bereit sein, neue Lehren und Strömungen anhand der Schrift zu prüfen.

§  meiden eine zu starke rationale, akademische Ausrichtung.

§  kennen aber gleichfalls keinen Antiintellektualismus.

§  stellen die Botschaft der Bekehrung, Wiedergeburt und des neuen Lebens in Christus in den Mittelpunkt.

§  betonen den christlichen Wandel im täglichen Leben.

§  unterscheiden zwischen grundlegenden Wahrheiten und sekundären Lehrmeinungen.

§  streben nach Einheit mit allen, die die grundlegenden biblischen Wahrheiten anerkennen.

   Lloyd-Jones zitiert Johannes Calvin, der fundamentale Lehren benennt, die Christen einen, aber zugleich vor leichtfertiger Absonderung warnt: „Denn nicht alle Stücke der wahren Lehre sind von gleicher Gestalt. Einige unter ihnen sind derart notwendig zu wissen, dass sie bei allen unerschütterlich und unzweifelhaft fest stehen müssen, gleichsam als die eigentlichen Lehrstücke der Religion. Dazu gehören zum Beispiel folgende Aussagen: Es ist ein Gott, Christus ist Gott und ist Gottes Sohn, unser Heil besteht in Gottes Barmherzigkeit, und andere Aussagen gleicher Art. Dann gibt es andere Lehrstücke, über die unter den Kirchen Meinungsverschiedenheiten herrschen, die aber die Einheit im Glauben nicht zerreißen“ (Institutio, Buch 4, Kapitel 1).

   Ferner betonte Lloyd-Jones die Wichtigkeit:

§  Lehrsätze zu formulieren.

§  an der Schöpfungsgeschichte festzuhalten.

§  den Sündenfall des Menschen nicht zu relativieren.

§  an der Exklusivität des christlichen Heilsweges festzuhalten.

§  fundamentale Lehren wie die Jungfrauengeburt, die Gottheit Jesu, die Realität der biblischen Wunder, die leibliche Auferstehung, die Existenz der Hölle und des ewigen Gerichts sowie die Wiederkunft Christi zu verteidigen.

Einheit in Gottes Sinn kann allein auf der Basis dieser Säulen göttlicher Offenbarung realisiert werden. Diese Einheit kann nur dann zustande kommen, wenn sie einerseits durch eine zu enge Definition von Bibeltreue und andererseits durch eine zu weit gefasste Definition, die ohne Abgrenzung nur den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, nicht verhindert wird.

   Die Merkmale eines wahren Evangelikalen sind demnach von folgenden Überzeugungen im „positiven“ Sinne geprägt:

§  Bejahung der uneingeschränkten Irrtumslosigkeit und Autorität der Schrift

§  Bejahung der Verbalinspiration der Schrift

§  Bejahung des Missionsbefehls Christi: Priorität der Verkündigung des Evangeliums

§  gebührender Platz für akademische Theologie

§  Glaube an die Wunder der Schrift

§  Glaube an den Schöpfungsbericht der Bibel

§  Betonung der geistlichen Wiedergeburt und praktischer Christusnachfolge

§  Streben nach Einheit auf Grundlage von Wahrheit

§  Formulierung von Lehrsätzen des ein für alle Mal überlieferten Glaubens

§  Bejahung akademischer Theologie, die sich unter Gottes Wort stellt

§  Exklusivität des christlichen Heilsweges

 

Im „negativen“ Sinne zeichnet sich ein Evangelikaler aus durch:

§  Absonderung vom Liberalismus

§  Absonderung von der Ökumene

§  Absonderung von der Charismatik

§  Wachsamkeit in Bezug auf Lehren und Strömungen (Prüfet alles)

§  Abwehr einer akademischen Theologie, die biblische Grundwahrheiten in Frage stellt

§  Gegenpositionierung zum sozialen, transformatorischen Evangelium

§  Lernen von Fehlern aus der Geschichte der Gemeinde Jesu

§  Vermeiden von falscher Absonderung

§  Führen von Debatten um nicht schriftgemäße Lehren und Strömungen

§  Verwerfung inklusivistischer Heilslehren

§  Abwehr der Hinzufügungen zur Schrift (Psychologie, Pragmatismus, soziales Evangelium, Transformationstheologie, abrahamitische Ökumene, usw.)

 

      Am 1. März 1981 ging Martyn Lloyd-Jones in die Ewigkeit ein. Iain Murray ist überzeugt, dass er als treuer Zeuge für den ein für alle Mal überlieferten Glauben in die ewige Ruhe einging, gibt aber zu bedenken, dass er möglicherweise zu vage und unentschlossen gehandelt hatte, was die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen evangelikalen Organisation anging, um das biblische Evangelium zu verteidigen. Lloyd-Jones war seinerseits überzeugt, dass allein der Heilige Geist Erneuerung wirken könne. Eine menschliche Organisation wäre hierzu nach seiner Einsicht nicht in der Lage gewesen. Murray schreibt über Lloyd-Jones: „Er hasste Kontroversen, aber dachte, dass Kontroverse notwendig war, um Wahrheit wieder aufzurichten.“ 24

   Murray kommt in seinem Buch Evangelicalism Divided (Gespaltener Evangelikalismus) zu dem Schluss, dass sich die Hoffnungen des evangelikalen Anglikaners J. I. Packer auf eine Erweckung unter den Evangelikalen, die weiterhin im liberalen Hauptstrom verblieben, nicht erfüllt hatten. Lloyd-Jones hatte die Letzteren dazu aufgerufen, die liberalen Denominationen zu verlassen. Packer hingegen distanzierte sich öffentlich von Lloyd-Jones‘ Aufruf. In einer autobiographischen Schrift aus dem Jahre 1984 beklagte Packer, dass er „abseits stand, isoliert ... ich lebte wie Mose in Midian, mit Frustration in meinem Herzen, und ich fragte mich, was Gott, von dem ich meinte, meine Vision eigentlich empfangen zu haben, vorhatte.“ 25 Die Vision von J. I. Packer in Bezug auf einen geistlichen Aufbruch unter Evangelikalen in den 1960er und 1970er Jahren in der liberalen Church of England (Anglikanische Kirche) hatte sich in Luft aufgelöst. Murray kommentiert: „Packer war in der Church of England wie Mose in der Wüste (2Mose 3,1), was zumindest vergleichbar mit der ‚Wüstenerfahrung‘ war, die Lloyd-Jones durchmachte. Einige, und das selbst unter den Anglikanern, schienen zu denken, dass Packer im Vergleich zu Lloyd-Jones das schlechtere Los gezogen hatte.“ 26 Die Geschichte hat anschaulich erwiesen, dass ein Verbleib der Evangelikalen in der Gemeinschaft mit den Liberalen der evangelikalen Bewegung nie förderlich war.

   Wie schon Charles Spurgeon ist auch Iain H. Murray der Überzeugung, dass eine mangelnde Absonderung von den Liberalen unausweichlich dazu führt, dass die „neutestamentlichen Warnungen über den destruktiven Charakter des Unglaubens verharmlost werden. Aussagen [über den theologischen Liberalismus] wie ‚gut gemeinter Unglaube‘ werden der Schrift nicht gerecht, die bezeugt, wie schwerwiegend Irrtum in der Gemeinde ist.“ 27 Für Murray ist es dem Neuen Testament völlig fremd, dass liberale Theologen, die Irrtümer und Unglauben lehren, ein Amt in der wahren christlichen Kirche innehaben. Und weiter weist Murray scharfsichtig auf die Möglichkeit hin, dass Personen gläubig und dennoch Säuglinge in der Erkenntnis sein können. „Das jedoch ist für diese Diskussion nicht relevant, denn ökumenische Einheit wird vor allem unter jenen vorangetrieben, die für sich beanspruchen, Leiter und Lehrer von anderen zu sein. Die Schrift hat eindeutig keinen Platz für Leiter, die noch Säuglinge sind.“ 28 Verfolgt man den Lauf der Geschichte von J. I. Packer und Martyn Lloyd-Jones drängt sich folgende Schlussfolgerung auf: Es ist allemal besser, als treuer Überrest und wahrhaftiger Nachfolger den schmalen Weg in der Wüste Midians voranzuschreiten, denn als frustrierter und kompromissbereiter Leiter in der Wüste des theologischen Liberalismus umherzuirren.

 

Quellangaben

 

Georg Walter © alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.

 


 

 

 

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