und

1. Verwischte Grenzlinien I

Alte Begriffe, neue Inhalte: Wortsinn von evangelikal und bibeltreu
auf dem Prüfstand

07.08.2016

Das Sprichwort „Das Pferd von hinten aufzäumen“ wird verwendet, um jemanden darauf hinzuweisen, dass ein Arbeitsgang im entgegengesetzten Arbeitsablauf begonnen wurde. In der Regel soll damit ausgedrückt werden, dass jemand am falschen Ende beginnt und möglicherweise scheitern wird. Aber es besteht durchaus die Möglichkeit, dass jemand das „Pferd von hinten aufzäumt“ und, obgleich etwas umständlich, seinen Arbeitsgang erfolgreich zu Ende bringt. Die Bibelkritik, die ihren Anfang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm und an den meisten christlich-theologischen Ausbildungsstätten ihren Siegeszug erlebte, war eine Theologie, der man keineswegs vorwerfen konnte, dass sie das Pferd von hinten aufzäumte.

   Liberale Theologen arbeiteten sich systematisch an allen Büchern der Bibel sowie an allen hermeneutischen Grundprinzipien ab, bis sie alle grundlegenden Wahrheiten der Bibel entmythologisiert, entkräftet, entwertet, verwässert oder umgedeutet hatten. Ihre Theologie wurde vom Zaumzeug der Bibelkritik so eingeengt, dass ein wirksames Bezeugen der Wahrheit der Bibel unmöglich wurde. Diese Abkehr von Gottes Wort lähmte wahre Christusnachfolge und zog unweigerlich Folgen nach sich, deren Früchte heute nur zu offenkundig sind. Sie findet gegenwärtig nicht nur ihren Ausdruck in der Säkularisierung der liberalen Kirchen, sondern auch in ihrem massiven Mitgliederschwund. Letzterem versuchen die Kirchen des protestantischen Mainstreams, die am stärksten von der Abwanderung ihrer Schafe betroffen sind, verzweifelt Einhalt zu gebieten, indem sie dem Zeitgeist hinterherhecheln – bekanntermaßen erfolglos.

   Wird das Maul eines Pferdes mit dem Zaumzeug so eng anschnallt, dass es nicht mehr fressen kann, mag es sich noch eine Weile auf den Beinen halten. Doch frisst ein Pferd nicht mehr, muss es zwangsläufig erst zur Schwäche und sodann zum vollkommenen Zusammenbruch kommen. Wer Gottes Volk die geistliche Speise der Wahrheiten von Gottes Wort vorenthält – und dies gilt auch für die Evangelikalen – muss die gleichen Konsequenzen erleiden. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein, „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht!“ (Mt 4,4). In Gottes Volk, sofern diese Bezeichnung auf Namenschristen überhaupt zutrifft, ist der Hunger nach geistlicher Speise vielfach erloschen. Bedauerlicherweise gleicht der Zustand so mancher „evangelikaler“ Christen immer häufiger dem der Namenschristen. Die Zeiten scheinen vorüber zu sein, als Gottes Volk auf Gott wartet, „dass er ihnen ihre Speise gibt zu seiner Zeit“ (Ps 104,27). Christliche Verleger können davon ein Lied singen. Die Nachfrage nach guter geistlicher Literatur ist in den vergangenen Jahren in erheblichem Maße zurückgegangen. Die Mehrzahl der christlichen Verlagshäuser hat sich auf diesen Trend eingestellt und verkauft das, was sichere Umsätze beschert. Vorbei sind die Zeiten, in denen vorrangig biblische Maßstäbe an die Inhalte der vielen neuen Publikationen auf dem christlichen Büchermarkt angelegt werden.

   Die Wahrheiten der Bibel waren von Anbeginn an umkämpft, und sie werden es bis zur Wiederkunft des Herrn bleiben. Das Wort des Herrn, der „unvergängliche Same“ des lebendigen Gotteswortes (1Petr 1,23), wird deshalb nicht vergehen, weil der allmächtige Gott der Herr und Wächter über sein Wort ist. Darum sandte unser Herr zu allen Zeiten seine Boten, die sich den falschen Propheten der liberalen Theologie entgegenstellten. Der Wahlspruch der Verkündiger der Wahrheit lautete: „Denn wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern [nur] für die Wahrheit“ (2Kor 3,18). Sie wussten, dass Gott sie „von Anfang an zur Errettung erwählt hat in der Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit“ (2Thess 2,13). Und der Herr des Wortes schenkte in der Vergangenheit dann auch unter jenen Kreisen Erweckung, auf die so manche mit einer gewissen Geringschätzung herabblicken.

 

Fundamentalismus: Ein Zeugnis für die Wahrheit

   Der Glaube wahrer Gotteskinder ist nichts Abstraktes oder Unklares. Glaube konkretisiert sich in der Wahrheit von Gottes Wort. Darum spricht der Apostel Paulus vom „Glauben an die Wahrheit“. Um diese biblischen Wahrheiten tobte Ende des 19. Jahrhunderts ein Kampf um die Rechtgläubigkeit. Liberale Theologen stürzten die fundamentalen Eckpfeiler biblischer Wahrheit um. Als Reaktion auf die liberale Theologie standen in den USA Männer Gottes wie Benjamin B. Warfield, Raymond H. Torrey, Charles T. Studd, Arthur T. Pierson und viele andere auf, um Gottes Wort gegen die neuen liberalen Thesen zu verteidigen. Das Bible Institute of Los Angeles (BIOLA) veröffentlichte in den Jahren 1910-1915 ein zunächst zwölfbändiges, später vierbändiges Werk mit 90 Essays 64 unterschiedlicher Autoren. Es trug den Titel The Fundamentals: A Testimony To The Truth (Die Fundamente: Ein Zeugnis für die Wahrheit). Der moderne christliche Fundamentalismus war geboren.

   Das Wort Fundamentalismus hatte in jener Zeit noch nicht die negative Bedeutung, die es heute vor allem auf dem Hintergrund eines militanten islamistischen Fundamentalismus erlangt hat. Die Fundamentalismus-Keule wird in jüngster Zeit häufig in polemischen Auseinandersetzungen einerseits vonseiten der Liberalen aber mittlerweile andererseits auch von progressiven Evangelikalen sehr häufig und in manipulativer Weise eingesetzt, um konservativ-evangelikale Christen und deren bibeltreuen Standpunkte zu diffamieren. Christliche Fundamentalisten in den Anfängen des 20. Jahrhunderts waren jene Gläubigen, die sich in ihrem festen Glauben an die Wahrheit der Schrift ihre biblischen Grundsätze weder rauben noch verwässern lassen wollten. Zu diesen Grundsätzen biblischer Wahrheit, die es gegen die Modernisten und Liberalen zu verteidigen galt, zählten die Jungfrauengeburt Christi, die Gottheit und Menschwerdung Christi, die Rechtfertigung aus Glauben allein, die Inspiration und damit die Autorität und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, die leibliche Auferstehung Christi und der Gläubigen, der stellvertretende Sühnetod Christi, die Sünde und das ewige Gericht (Hölle), die Wiederkunft Christi, der biblische Schöpfungsbericht.

 

Für etwas sein schließt stets ein, gegen etwas zu sein

In dieser Auseinandersetzung mit den Liberalen ließen die Autoren es nicht dabei bewenden, ausschließlich biblische Wahrheiten zu formulieren, sondern sie setzten sich auch mit den liberalen Theologen ihrer Zeit auseinander. Sie erfassten, dass die Verteidigung der ein für alle Mal überlieferten Glaubenslehre nicht gewonnen werden konnte, indem man, die Wahrheiten der Schrift darlegend, immer nur „positiv“ vorging. In diversen Schriften legten sie liberale Positionen dar und nannten Autoren bei Namen. Heute wird ein solches Vorgehen leichtfertig als „negativ“ abgekanzelt.

   Die Judaisten unter den Galatern hatten mit den Gliedern ihrer Gemeinde gewiss in vielen Punkten große Übereinstimmung. Dennoch war dieser Sachverhalt dem Apostel Paulus nicht hinreichend. Sich nur auf das „Positive“, das Verbindende, das Gemeinsame zu konzentrieren, war für den Apostel keinesfalls einziger oder gar letztgültiger Maßstab. Im Gegenteil, Paulus begriff, dass die Gesetzlichen dem Evangelium zwar im Wesentlichen zustimmten und möglicherweise sogar mit vielen Aussagen des Evangeliums übereinstimmten, doch der Botschaft des Heils allein aus Gnade fügten die Judaisten die Werke des Gesetzes hinzu. Und diese Sachlage erforderte ein sofortiges und energisches Einschreiten, da jeder, der ein anderes Evangelium verkündet, verflucht sei – was Paulus sogar zweifach betont (Gal 2,8.9).

   Der Galaterbrief lehrt gerade heute in einem so weich gewordenen Evangelikalismus, der unermüdlich betont, niemand dürfe einen Bruder öffentlich tadeln, genau Gegenteiliges. Der Apostel Paulus tat genau das, was gegenwärtig kaum jemand mehr zu tun wagt. Er konfrontierte öffentlich und direkt jene Person – und überdies eine Person, die als Apostel der ersten Stunde im hohen Ansehen stand –  für ein Fehlverhalten, von dem eine Signalwirkung ausging, die die Judaisten zu bestärken drohte. Paulus „widerstand Petrus ins Angesicht“ (Gal 2,11) und „sprach zu Petrus vor allen“ (Gal 2,14). Man beachte das „vor allen“! Paulus bat Petrus nicht um ein Vieraugengespräch, sondern er stellte öffentlich klar, was das Evangelium nicht ist, weil der Eindruck entstehen könnte – oder schon entstanden war –, dass die Judaisten im Grunde zur Gemeinschaft der erlösten Heiligen gehörten, da sie keinen Widerspruch des Apostels Petrus erfahren hatten.  Und weiter heißt es in der Schrift: „... denn er [Petrus] war im Unrecht“ (V. 11). Ungeheuerlich! Paulus schreibt hier, was der Heilige Geist inspirierte und uns für die Ewigkeit überlieferte: Der Apostel Petrus war im Unrecht! Paulus nahm Petrus nicht diskret beiseite, um mit ihm sein Fehlverhalten zu erörtern, sondern er konfrontierte ihn, da sein Handeln eine Gefahr für andere darstellte, da etliche der Brüder bereits durch seine „Heuchelei mitgerissen wurden“ (V.13). Der öffentliche Tadel und das entschiedene Einschreiten des Apostels Paulus waren demnach dringend geboten.

   Was viele gutmeinende Brüder oft aus oberflächlicher Kenntnis der Schrift missverstehen, ist, dass eine Korrektur unter vier Augen immer dann angebracht ist, wenn es zwischen Geschwistern auf persönlicher Ebene zu einem Zerwürfnis kommt (Mt 18,15-20). Dieses sollte unter vier Augen, in Liebe und geschwisterlicher Demut bereinigt werden. Sobald aber Gefahr durch falsche Lehre droht, die öffentlich verkündigt und verbreitet wird, ist es nicht nur das Recht eines wahren Gläubigen, sondern sogar die Pflicht, Irrtümer in Liebe und in der Wahrheit öffentlich zu korrigieren. Nicht einmal der „große“ Apostel Petrus war vor Fehlern gefeit oder für offene Kritik unantastbar, wie der Galaterbrief eindrücklich zeigt. Überdies, wer die Schrift wirklich kennt, weiß, dass es unzählige Beispiele für öffentlichen Tadel in der Bibel gibt.

   Was Bibeltreue indes lernen müssen, ist, Auseinandersetzungen im Geist Christi zu führen, indem sie den anderen in Demut höher achten als sich selbst. Solange Meinungsverschiedenheiten im Geist Christi geführt werden, dürfen sie durchaus auch öffentlich geführt werden. Vereinbarungen, die jegliche öffentliche Auseinandersetzung vermeiden wollen, um vor der Welt ein gutes Zeugnis zu sein, mögen zwar gut gemeint sein, können aber auch zu einem Werkzeug des Bösen werden. Irrende Brüder können notwendiger Korrektur entgehen, und die Schafe der Herde Gottes stehen in der Gefahr, falsche Lehre nur deswegen zu akzeptieren, weil ihr niemand öffentlich entgegentritt oder weil ein geistlicher Leiter sich mit falschen Lehrern und Lehren verbrüdert.

   Das Motto „Prüft alles, das Gute behaltet. Haltet euch fern von dem Bösen in jeglicher Gestalt!“ (1Thess 5,21-22) wird unter vielen heute oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Es wird häufig argumentiert, man dürfe nach der Prüfung stets nur das Gute, das Positive behalten. Über das Negative, das Falsche oder die Irrlehre dürfe man nicht sprechen. Hätte der Apostel Paulus, der wie alle anderen Autoren der Bibel unter der Inspiration des Heiligen Geistes schrieb, nach diesem Prinzip gehandelt, würden die neutestamentlichen Briefe nur Gutes und Positives berichten dürfen. Selbst ein Erstklässler verfügt über so viel Verstand, dass er einen solchen Irrschluss entlarven kann. A. W. Tozer bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Ein ausschließlich positives Leben führen zu wollen, ist unmöglich. Könnte ein Mensch dies wirklich tun, dann wäre es nur für einen Moment lang. Nur positiv leben zu wollen, wäre so als ob man dauernd einatmet, ohne jemals auszuatmen. Abgesehen davon, dass es unmöglich ist, wäre es auch tödlich. Ausatmung ist für das Leben ebenso notwendig wie das Einatmen. Christus anzunehmen ist notwendig, damit wir all das verwerfen, was im Widerspruch zu Ihm steht.“ 1

   Dass die christlichen Fundamentalisten der 1920er Jahre um diese Wahrheit wussten, beweisen ihre Essays, die sich mit der Geschichte der Bibelkritik (Dyson Hague, History of the Higher Criticism), der liberalen Christustheologie (Robert Anderson, Christ and Criticism), dem modernistischen Bibelverständnis (F. Bettex, The Bible and Modern Criticism), der Evolutionslehre Darwins (Henry H. Beach, Decadence of Darwinism), den römisch-katholischen Dogmen (T. W. Medhurst, Is Romanism Christianity?)  sowie den Lehren von Sekten wie der Christlichen Wissenschaft und dem Mormonismus auseinandersetzten – alles „negative“ Themen. Die Autoren, die das biblische Prüfen praktizierten, hatten keine falsche Scheu davor, „negative“ Lehren und Entwicklungen, die sich gegen Gottes Wahrheit stellen, zu beschreiben, zu entlarven und sogar deren Vertreter beim Namen zu nennen.

 

Hat der große Abfall bereits begonnen?

Das Motto „Lehre trennt, Liebe eint“, so gut es sich anhören mag, ist bei eingehender Betrachtung ein trügerischer Leitspruch, der mit dem Geist göttlicher Offenbarung, der Heiligen Schrift, unvereinbar ist. Dieser bedauerliche Zustand, Harmonie und Einheit auf dem Altar der Wahrheit zu opfern, geht mit einem mangelnden Unterscheidungsvermögen unter Gläubigen einher. Dies hat dazu geführt, dass der klassische Evangelikalismus sich bereits weit von biblischen Fundamenten entfernt hat und mit atemberaubendem Tempo immer weiter von zentralen Aussagen von Gottes Wort abrückt. Letzteres zeigt sich in dem Umstand, dass bibelkritische Thesen mit offenen Armen aufgesogen werden, der römischen Kirche Akzeptanz verliehen wird, Darwins Evolutionslehre die Türen geöffnet werden und neuerdings sogar der Mormonismus hoffähig gemacht wird, indem Mormonen durch hochrangige Evangelikale als Geschwister im Herrn bezeichnet werden. All dies sind Folgen einer beispiellosen Haltung, nur „positiv“ sein zu wollen und selbst in Irrlehren wie dem Mormonismus nicht mehr das Negative benennen zu wollen, sondern nur noch das Gute und Verbindende zu sehen, selbst wenn dies nur in homöopathischer Verdünnung aufzuspüren ist. Auch die „abrahamitische Ökumene“, die Vorstellung, dass Juden, Christen und Moslems als Monotheisten den gleichen Gott anbeten, gewinnt unter Evangelikalen immer mehr Befürworter.

   Gleichfalls bleiben konservative Kreise unter Evangelikalen von einer bestimmten geistigen Lethargie nicht unverschont. Sind wir möglicherweise bereits in die letzte Phase vor der Wiederkunft Christi eingetreten? Ist es denkbar, dass „der große Abfall“ (2Thess 2,3) vor unseren Augen immer deutlichere Konturen gewinnt? Man beachte, dass der Apostel Paulus dem griechischen Wort Abfall (ἀποστασία, apostasia) den direkten Artikel (ἡ) voranstellt, was im Griechischen dem Hauptwort immer eine besondere Bedeutung beimisst, in diesem Fall: den letzten großen endzeitlichen Abfall vor der Wiederkunft Christi.

   Paulus schreibt über den Menschen der Sünde, den Antichristen, dass er sich in den Tempel Gottes setzen und sich selbst als Gott ausgeben wird (2Thess 2,4). Ehe Christus wiederkommen wird, „muss er geoffenbart werden“ (V.3). Schon wirksam zur Zeit der Urgemeinde war der Geist des Antichristen in der Welt wirksam (1Jo 4,3), wie auch Paulus weiß: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken, nur muss der, welcher jetzt zurückhält, erst aus dem Weg sein“ (2Thess 2,7). Die US-amerikanischen Fundamentalisten ihrer Zeit überwanden den antichristlichen Geist ihrer Tage, indem sie Gottes Wahrheit treu und kompromisslos verkündigten und indem sie Position gegen alles bezogen, was sich gegen Christus und sein Wort erhob. Sie kämpften mit dem Schwert des Geistes und dem Schild des Glaubens. Viele der heutigen Evangelikalen lassen ihr Schwert in der Scheide und weichen vor den widerchristlichen Geistern immer weiter zurück, die sich sehr wohl darauf verstehen, sich als Diener des Lichts zu verstellen.

 

„Manasse“-Evangelikale

   Erste Anzeichen, dass die Mehrheit der Evangelikalen bald auch den Schild des Glaubens beiseitelegen wird, um sich wie die Israeliten im Alten Bund mit den Heiden und ihren Religionen zu verbrüdern und zu vermischen, verdichten sich immer mehr. Von Manasse und Ephraim sagt die Schrift, dass sie die Heiden nicht vertrieben (Ri 1,27.29), wie Gott es ihnen geboten hatte. Und auch die „Asseriter wohnten mitten unter den Kanaanitern, die im Land blieben; denn sie vertrieben sie nicht aus ihrem Besitz“ (Ri 1,32). Von Naphtali wird überliefert, dass es „weder die Bewohner von Beth-Schemesch noch die Einwohner von Beth-Anat vertrieb, sondern mitten unter den Kanaanitern wohnte“ ((Ri 1,33). Naphtali machte die Heiden zwar fronpflichtig, aber sie vertrieben sie nicht. Gottes Volk arrangierte sich mit der Welt und ihren Göttern und lebte in „ökumenischer“ Eintracht Seite an Seite mit ihnen.

   Der Ungehorsam des Volkes Gottes blieb jedoch nicht folgenlos. In Bochim erschien Christus seinem Volk in Gestalt des Engels des Herrn und tadelte es mit folgenden Worten: „Ihr aber sollt mit den Einwohnern dieses Landes keinen Bund machen, sondern ihre Altäre niederreißen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht! Warum habt ihr das getan? So habe ich nun auch gesagt: Ich will sie nicht vor euch vertreiben, damit sie euch zu Fangnetzen und ihre Götter euch zum Fallstrick werden!“ (Ri 2,2-3). Viele Evangelikale sind zu Manasses, Ehraims, Naphtalis und Asseritern geworden, die weder in Absonderung von der Welt leben, noch bereit sind, den Glaubenskampf für die Wahrheit bis zum Sieg auszufechten, bis alle Feinde vertrieben sind.

   Christus zog, so der Bericht im Richterbuch, von Gilgal nach Bochim herauf. Man beachte: Nicht das Volk geht zu seinem Gott nach Gilgal, sondern der Herr geht von Gilgal zu seinem Volk nach Bochim. Dies enthüllt unzweideutig den Zustand des Herzens der Israeliten. Gottes Volk war bereits in gewissem Maße von seinem Bundesgott abgefallen, so dass Gott sich selbst auf den Weg machte, um sein Volk zur Umkehr zu bewegen – leider erfolglos, wie das Alte Testament zeigt. Diese Schilderung im Richterbuch zeugt aber auch von der Bundestreue Gottes für sein Volk. Gott geht seinem Volk nach, auch wenn dieses sich von ihm schon innerlich entfernt hat. Auf diese Weise handelte Gott zu allen Zeiten. Wie bedauerlich nur, dass die wahren Propheten und Boten Gottes nur selten, und fast stets nur von einer Minderheit mit offenen Armen empfangen wurden. Im Gegenteil, wahre Boten Gottes wurden verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt und getötet.

   Eine neue Entwicklung ist die Art und Weise, wie heute biblische Fundamente von theologischen Strömungen ausgehöhlt werden. Die Liberalen traten mit offenem Visier gegen die Fundamentalisten an, die an allen elementaren Wahrheiten der Bibel ebenso uneingeschränkt wie entschlossen festhielten. Die Fronten zwischen Liberalen und Bibeltreuen waren vor 100 Jahren unmissverständlich klar. Entweder man gehörte zu der einen oder zu der anderen Seite. Eine ganz neue Entwicklung ist dagegen, dass Evangelikale selbst damit beginnen, bibelkritischen Thesen zu huldigen.

 

Verwischte Grenzlinien: Der Neoevangelikalismus

   Dass die Grenzlinien zwischen liberaler und bibeltreuer Theologie unscharf geworden sind, hat ihre Ursache in einer Entwicklung, die Ende der 1940er Jahre in den USA ihren Anfang nahm. 1947 wurde das Fuller Theological Seminary gegründet. Eine neue Ära des Evangelikalismus wurde eingeläutet. Das Fuller Seminar wollte einerseits den Spagat zwischen Bibeltreue und akademischer Respektabilität, Dialog mit den Liberalen und einer neuen Offenheit für Kultur und Gesellschaft vollbringen, um sich andererseits vom Fundamentalismus zu unterscheiden, der den Gründern des Seminars als zu militant, separatistisch und weltabgewandt erschien. Der neue Evangelikalismus, der Neoevangelikalismus, war geboren. Mit großem Enthusiasmus machten sich die Gründer dieser neuen Richtung an die Arbeit, nicht nur die Liberalen, sondern auch die Welt von den Vorzügen ihres neoevangelikalen Glaubens zu überzeugen.

   Nach nun nahezu 70 Jahren Neoevangelikalismus muss man zu dem ernüchternden Schluss kommen, dass  sich die einst so hohen Ziele der Gründer einer neuen evangelikalen Bewegung nicht erfüllten. Bedauerlicherweise waren sie nicht in der Lage, fundamentale Wahrheiten der Bibel zu bewahren, sondern die Füchse liberaler Gelehrsamkeit konnten in die Weinberge eindringen, um dort nicht unerheblichen Schaden anzurichten. Der Neoevangelikalismus steht heute stellvertretend für fast die gesamte Strömung der Evangelikalen, die dem theologischen Liberalismus und dem Ökumenismus Tür und Tor geöffnet hat. In den Jahrzehnten seit seiner Gründung hat sich das Fuller Seminar von jenen Wahrheiten entfernt, die jahrhundertelang einen festen Bestandteil des klassischen Evangelikalismus darstellten.

   Der Versuch einer Definition der Evangelikalen ist in unserer heutigen Zeit gewiss nicht einfacher, sondern schwieriger geworden als noch zur Mitte des letzten Jahrhunderts. Stephan Holthaus schreibt sehr treffend: „Die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Evangelikalismus ein äußerst buntes Gebilde ist. Die darin vertretenen Richtungen oder Flügel sind teilweise so unterschiedlich, dass man an der Einheit der Bewegung zweifeln könnte. Besonders in jüngster Zeit hat sich die Definition dessen, was bzw. wer evangelikal ist, stark ausgeweitet.“ 2 Ferner gibt Holthaus zu bedenken, dass die Zukunft der evangelikalen Bewegung davon abhängen wird, ob man zu einer gesunden Theologie zurückfinden kann. Ob dies in der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), in der Holthaus im Vorstand tätig ist, überhaupt noch möglich sein wird, ist zu bezweifeln, da sich die DEA als Sammelbecken allerlei progressiver Strömungen im Evangelikalismus erwiesen hat und Debatten um den schriftgemäßen Glauben scheut. Was Holthaus als gesunde Theologie bezeichnet, würde der Apostel Paulus gesunde Lehre nennen. Gesunde Lehre (heilsame Lehre, Luther 1984) war für Paulus stets ein dringliches Anliegen (1Tim 1,10, 2Tim 1,13;4,3, Tit 1,9;2,1.8). Allein gesunde Lehre vermag gesunden Glauben hervorzubringen (Tit 1,13), und allein gesunder Glaube wird ein lebendiges Zeugnis christlicher Nachfolge in Gemeinde und Welt sein.

   An den Umfragen, die am Fuller Seminar durchgeführt wurden, ist unverkennbar, dass liberale Tendenzen im Laufe der letzten sieben Jahrzehnte seit seiner Gründung immer größere Kreise ziehen konnten. Das eigentliche Ziel des Seminars, die Liberalen für eine bibeltreue Auffassung zu gewinnen, kann mit Fug und Recht als gescheitert betrachtet werden. Überdies muss angemerkt werden, dass genau das Umgekehrte eingetreten ist. Das Fuller Seminar ist, wie im Folgenden gezeigt wird, von grundlegenden Überzeugungen der klassischen Evangelikalen abgerückt und hat sich eher liberalen Standpunkten angenähert als umgekehrt.

   Das erste Semester des Fuller Seminars begann am 30. September 1947 mit 39 Studenten. Charles Edward Fuller, einer der Mitbegründer des Seminars, hatte zuvor die presbyterianische Kirche verlassen, weil sie ihm zu liberal geworden war, und sich der bibeltreuen Baptist Bible Union angeschlossen. Die US-Baptisten dieser Denomination glaubten, wie Fuller selbst, an die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel. Fuller und die anderen Gründungsmitglieder – Harold Ockenga, Carl F. H. Henry, Wilbur Moorehead Smith and Harold Lindsell – wollten ein bibeltreues theologisches Vorzeige-Seminar werden. Und die Männer, die das neue Seminar gründeten, waren voller Ambitionen, ihr Ziel zu erreichen. Der Neoevangelikalismus erlebte einen rasanten Aufstieg, den er letztlich auch der Tatsache verdankte, dass die neoevangelikale Botschaft in den Ohren ihrer Zuhörer kitzelte.

   Unterstützung für die neue Bewegung kam von Seiten vieler einflussreicher Evangelikaler. Einer unter ihnen war Billy Graham, der als „Fundamentalist“ einen bescheidenen, aber gleichwohl klaren Dienst als Evangelist begann. Er kehrte dem Lager der Fundamentalisten den Rücken zu und schloss sich den Neoevangelikalen an. Im Jahre 1956 rief Graham, der mittlerweile die millionenschwere Billy Graham Evangelistic Association aufgebaut hatte, zusammen mit Carl F. H. Henry das neoevangelikale Magazin Christianity Today ins Leben, das sich als Sprachrohr des neuen Evangelikalismus etablierte.

   Schon zu Zeiten Spurgeons gab es „unzählige oberflächliche Leute, die über den Irrtum hinwegsehen, solange er von einem intelligenten Mann und freundlichem Bruder“ 3
vertreten wird, wie der Baptistenprediger einmal darlegte. Heute verhält sich dies nicht anders. Spurgeon, der zu den wenigen gehörte, die sich gegen den neuen liberalen Geist unter Evangelikalen stemmte, blieb standhaft bei den Wahrheiten der Bibel: “Was uns angeht, wir haben unsere Türe mit einem neuen Riegel versehen, und wir haben die Anordnung getroffen, die Türe verschlossen zu halten, denn unter jenen, die sich als Diener und Freunde ausgeben, sind solche, die das Ziel haben, den Meister zu berauben.“ 4 Viele Diebe, die die Perlen der Wahrheit des Evangeliums rauben, geben sich als Diener und Freunde des Meisters aus. Auch daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

Quellangaben

 

Georg Walter © alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.

 


 

 

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