und

Verrat am reformatorischen Erbe

29.10.2017

Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“ 1, so wurden die Worte Martin Luthers auf dem Reichstag in Worms überliefert, als er im Jahre 1521 seine 95 Thesen widerrufen sollte. Am 31. Oktober 1517, also 4 Jahre zuvor, hatte er diese Thesen am Tor der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen. Der Inhalt seiner Schriften war die Bloßstellung der Missstände innerhalb des kirchlichen Systems. Doch was Luther dabei aufdeckte, war keineswegs das, was nicht nach seinem persönlichen Geschmack gewesen wäre, sondern vielmehr ging es dem Reformator darum, die kirchlichen Praktiken zu widerlegen, die im klaren Widerspruch zum Wort Gottes standen. Grundlage der Reformation waren somit nicht vermeintliche Verbesserungsvorschläge, basierend auf Luthers eigenen Ideen, sondern das Wort Gottes, zusammengefasst in folgenden reformatorischen Grundsätzen:


1. Allein die Schrift (lat. sola scriptura) seht für die Allgenügsamkeit der Schrift, die keine Ergänzung kirchlicher Traditionen benötigt, sondern ohne Abstriche oder Zusätze und ohne Angleichung an den Zeitgeist, die alleinige Grundlage des christlichen Glaubens ist (Mt 7,24-27: Eph 2,20).

2. Allein durch den Glauben (lat. sola fide) widerlegt jegliche Form der Werkgerechtigkeit, und stellt klar, dass sich der Mensch die Anerkennung Gottes nicht durch seine eigene Leistung verdienen kann, sondern allein durch die Glaubensbeziehung zu Gott, die das Werk Gottes ist (vgl. Eph 2,8-10: Phil 1,6).

3. Allein durch Gnade (lat. sola gratia) unterstreicht, dass der Gläubige ohne jeglichen Eigenverdienst errettet wird. Der Grund der Errettung sind keine menschlichen Werke, die Ursache ist allein auf die unbegreifliche Gnade Gottes zurückzuführen, durch die jeder Sünder, der Buße tut begnadigt wird (vgl. Röm 3,21-28).

4. Christus allein (lat. Solus Christus) macht deutlich, dass allein in Christus den Menschen das Heil gegeben ist. Versöhnung mit Gott, ist nur auf Grundlage des vollkommenen Opfers, das Christus, der Sohn Gottes am Kreuz vollbracht hat, möglich. Jesus Christus ist der einzige Weg zu Gott dem Vater (vgl. Apg 4,12: Joh 14,6).

Diese vier Grundsätze haben Luther und die anderen Reformatoren nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus dem Wort Gottes abgeleitet. Der Thesenanschlag war nichts anderes, als ein öffentlicher Protest gegen die Praktiken einer Kirche, die sich zwar noch als „christlich“ bezeichnete, aber leider zu einer Institution verkommen war, die das ganze Volk in die Irre leitete. Es war vergleichbar mit der Zeit Jeremias, als der Prophet im Auftrag Gottes sprach: „Die Priester herrschen auf eigene Faust!“ (Jer 5,31). Genau diesen Missstand brachte die Reformation ans Licht und löste damit eine große Erweckung aus, die viel Frucht einbrachte und ein großer Segen für Deutschland und Europa war. Doch die Ehre dafür gebührt weder Luther, noch den anderen Reformatoren, sondern dem allein wahren Gott, und so gibt es noch einen weiteren, etwas weniger bekannten, reformatorischen Grundsatz, und dieser lautet: „Dem alleinigen Gott die Ehre“ (lat. Soli Deo gloria).

Das alles hat sich vor gut 500 Jahren zugetragen und ist wohl für so manchen Zeitgenossen nur ein historisches Ereignis, das unserer Generation scheinbar nicht mehr viel zu sagen hat. Der einzige Vorteil, den ein Großteil der Bevölkerung darin sehen mag, ist der zusätzliche Feiertag, den es dieses Jahr anlässlich des 500-jähringen Reformationsjubiläums geben wird. Dabei haben wir der Reformation viel, viel mehr zu verdanken. Denn sie war nicht nur maßgeblich für die Entwicklung der deutschen Sprache verantwortlich, sondern hat auch unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt. Das Bedeutendste jedoch war, dass die Bibel in unsere Muttersprache übersetzt wurde. Zuvor hatte nur der Klerus Zugang zum Wort Gottes. Das gewöhnliche Volk hingegen musste sich auf das verlassen, was die geistlichen Würdenträger weitergaben. Dies jedoch wurde von der Katholischen Kirche auf niederträchtigste Art und Weise ausgenutzt. Weder Papst noch Konzilen war daran gelegen, dem Volk die wahre Botschaft des Evangeliums zu verkündigen. Vielmehr ging es nur darum, die eigene Macht zu festigen und sich auf Kosten des unmündigen Volkes zu bereichern.
Genau diesen Missstand hat Luther aufgedeckt, und stach damit förmlich in ein Wespennest. Obwohl er keine Kirchenspaltung angestrebt hatte, sondern aufs Innigste gehofft hatte, er könne die Kirche wieder auf das wahre Fundament des Glaubens, nämlich auf die Grundlage der Heiligen Schrift, zurückführen, war die Kirche nicht bereit ihren falschen Kurs zu ändern. Im Gegenteil, Luther wurde der Ketzerei beschuldigt und fiel unter den Kirchenbann, so dass er von Papst Leo X aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Der Kaiser und einige Fürsten wollten Luther zum Umdenken bewegen. Wozu Luther am 2. April 1521 nach Worms eingeladen wurde, wo er zweimal vor dem Kaiser erscheinen musste und ihm in aller Deutlichkeit nahegelegt wurde, seine Thesen zu widerrufen. Doch Luther blieb standhaft und bekannte mutig: "Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!"  2
Danach fiel Luther eine zentnerschwere Last von den Schultern. "Ich bin hindurch" 3, rief er erleichtert, nachdem er den Verhandlungssaal verlassen hatte. Luther war mit seinem Gewissen im Reinen, er hatte seinen Glauben nicht verleugnet, was auch bei einem Großteil des Volkes gut ankam. Beim Kaiser hingegen fiel er damit in Ungnade, so dass er durch das Wormser Edikt für vogelfrei erklärt wurde. Luthers Feinde hatten damit praktisch einen Freibrief, ihn zu töten, denn wer auch immer ihn ermordet hätte, wäre straffrei ausgegangen. Um Luther zu schützen, veranlasste der Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, dass Luther auf der Rückreise vom Wormser Reichstag entführt wurde. So verschwand der Reformator fürs erste von der Bildfläche, und wurde auf die abgeschiedene Wartburg in Eisenach gebracht. Wodurch kurzzeitig sogar das Gerücht um Luthers Tod aufkam. Auf der Wartburg hielt sich Luther zehn Monate unter dem Namen „Junker Jörg“ versteckt. Während dieser Zeit, übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Diese Bibelübersetzung wurde schließlich zur Grundlage für die neuhochdeutsche Schriftsprache. Der erste Druck erschien im Jahre 1522 und fand einen reißenden Absatz. Im Jahr 1534 erschien die Gesamtausgabe der Bibel in deutscher Sprache, auch diese war innerhalb kürzester Zeit vergriffen.

So verbreitete sich die Wahrheit des Evangeliums wie ein Lauffeuer unter dem Volk, wodurch eine große Erweckung ausgelöst wurde, die sich weit über Deutschland hinaus ausbreitete. Und genau darin ist die wahre Bedeutung der Reformation zu sehen: Luther und die anderen Reformatoren haben die Missstände der Katholsichen Kirche anhand der Schrift widerlegt und zu einer Umkehr im biblischen Sinne aufgerufen. Adressat war, wie bereits gesehen, eine Kirche, die nur noch dem Namen nach „christlich“ war. Wer mit dem Wort Gottes vertraut ist, wird mir zustimmen, dass sich auch in unserem heutigen Kirchensystem vieles eingeschlichen hat, das nicht mit dem geschriebenen Wort zu vereinbaren ist. Paradoxerweise wird jedoch gerade das Reformationsjubiläum von den Landeskirchen dazu benutzt, um vor aller Welt „christliche“ Einheit demonstrieren zu wollen, so dass immer wieder von Verbrüderung und Aussöhnung der beiden Großkirchen die Rede ist. Doch wie ist das möglich, wo doch die Katholische Kirche ihren Kurs nie wirklich geändert hat? Immer noch werden dem vollkommenen Werk des Lammes, die kirchlichen Sakramente hinzugefügt, so dass entgegen Römer 3,28 behauptet wird, die Rechtfertigung würde durch die Taufe ausgelöst. Außerdem wird gelehrt, dass Glaube und gute Werke, die Voraussetzung für die Rechtfertigung seien, doch laut der Schrift sind gute Werke nicht die Ursache der Errettung, sondern die Folge davon. Somit wird letztlich eine Werkgerechtigkeit gelehrt, was wiederum ein anderes Evangelium ist. Dass dies nicht einfach toleriert werden kann, macht der Apostel Paulus in aller Deutlichkeit klar, wenn er schreibt: Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht (Gal 1,8-9). Das sind nicht meine Worte, es ist das geschriebene Wort Gottes, das uns klar und deutlich vor Augen stellt, dass man an diesem Punkt nicht tolerant sein darf, indem man großzügig über diese gravierenden Unterschiede hinwegsieht. Luther und die anderen Reformatoren hatten diese unüberbrückbaren Differenzen erkannt. Aber nicht nur das, sie hatten auch den Mut, die Wahrheit gegenüber den Irrtümern Roms zu verteidigen. Doch wie bereits erwähnt, es war nicht Luthers Ziel, die Kirche zu spalten, doch weil Wahrheit und Irrtum nicht friedlich nebeneinander existieren können, war der Bruch mit der Katholischen Kirche unvermeidbar. Dave Hunt bringt die Diskrepanz wie folgt auf den Punkt: Die zentrale Streitfrage, die die Reformation entfachte (und die heute immer noch die zentrale Streitfrage ist) war die Frage, ob man sich weiter blindlings den Dogmen Roms unterwerfen sollte, auch wenn sie der Bibel widersprachen, oder ob man sich allein Gottes Wort als höchste Autorität unterwerfen sollte… Die Reformatoren trafen die Wahl zugunsten der Schrift, und so wurde ihr gemeinsamer Ruf sola scriptura – allein die Schrift! Auf dem Konzil zu Trient verwarfen die Bischöfe diese befreiende Wahrheit, denn sie waren nicht bereit, auf die Macht über die ihnen unterstellten Menschen zu verzichten. Man sah es für das Volk sogar als schädigend an, die Bibel in seiner eigenen Sprache zu besitzen, weil die Menschen sie dann womöglich wörtlich genommen hätten, was Rom auch heute noch als falsch hinstellt. Von Roms Standpunkt her kann nur eine besonders ausgebildete Elite die Bibel verstehen. Trients Ansicht, die Kirche und nicht die Bibel sei die für die Katholiken maßgebliche Autorität… Veritatis splendor, die Abhandlung Johannes Pauls II. über Moral aus dem Jahre 1993, verweist auf die von Christus gelehrte und durch die Kirche vermittelte Wahrheit. Ohne diese Vermittlung könne der Katholik Gottes Wahrheit nicht durch einfaches Lesen von Gottes Wort kennenlernen. 4

Das waren damals die unterschiedlichen Ansätze, es war die Frage nach der höchsten Autorität: Ist es das Wort Gottes oder ist es die Kirche Roms? Rom schrieb sich selbst die Autorität zu, die Reformatoren hingegen erkannten in der Schrift die höchste Autorität. Normal müsste es einen erstaunen, dass es nun 500 Jahre später seitens der Evangelischen Kirche keine Probleme mehr mit der Auffassung Roms gibt. Doch wie ist dies zu erklären? Die Katholische Kirche ist nie von ihrem Standpunkt abgerückt, somit kann es nur eine Erklärung geben, und diese lautet: Die Evangelische Kirche hat ihren reformatorischen Standpunkt „sola scriptura“ verworfen.

Denn dies war die Position, die die Reformatoren ohne jeden Zweifel vertreten und verteidigt haben, so schreibt auch Martyn Lloyd-Jones: Die protestantische Position ist, ebenso wie die Position der alten Kirche in den ersten Jahrhunderten, dass die Bibel das Wort Gottes ist. Nicht, dass sie es „enthält“, sondern dass sie das Wort Gottes ist, auf einzigartige Weise inspiriert und irrtumslos. Die protestantischen Reformatoren glaubten nicht nur, dass die Bibel die Offenbarung der Wahrheit Gottes an die Menschen enthielt, sondern auch, dass Gott über die Wahrheit wachte, indem er die Männer kontrollierte, die sie durch den Heiligen Geist schrieben, und dass er sie vor Irrtümern und vor Fehlern und vor allem, was verkehrt war, bewahrte. Das ist die traditionelle protestantische Position, und sobald wir sie aufgeben, sind wir bereits auf der Straße losgegangen, die uns zu einer jener falschen Autoritäten führt – und wahrscheinlich letztlich nach Rom selbst. 5

Es wird heute als besonders christlich verkauft, dass man plötzlich nichts Trennendes mehr sehen will, sondern nur noch Gemeinsames. Man hat also einen gemeinsamen Kurs erkannt, was wiederum darauf schließen lässt, dass mittlerweile beide Großkirchen weit vom biblischen Kurs abgedriftet sind. Nur deshalb können sie so viele Gemeinsamkeiten erkennen. Sie sind gemeinsam auf falschem Kurs. Sie haben einen Weg eingeschlagen, weg von der gesunden Lehre der Schrift, weg von den reformatorischen Grundsätzen: Allein die Schrift (lat. sola scriptura), Allein durch den Glauben (lat. sola fide), Allein durch Gnade (lat. sola gratia), Christus allein (lat. Solus Christus).
Nicht mehr Christus und Sein Werk am Kreuz, stehen im Mittelpunkt, so dass die Versöhnung mit Gott das zentrale Thema wäre. Nein, es geht nicht mehr um den Frieden mit Gott, sondern um die Herbeiführung eines Weltfriedens innerhalb einer universellen Menschheitsbruderschaft. Man will das von Gott versprochene Friedensreich ohne den Friedefürsten Jesus Christus aufrichten. Worin sich letztlich der Versuch verbirgt, mit menschlichen Mitteln etwas herbeiführen zu wollen, was nur in der Macht Gottes steht. Im Grunde ist es der Versuch, ohne IHN zur Herrschaft zu kommen.
Deshalb, so Martyn Lloyd-Jones, verleugnet ein Mensch, dessen Leitmotiv es ist, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, und der meint, dass ein solches Programm ihn zum Christen machen würde, die zentrale Lehre der Heiligen Schrift. „Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln (Phil 3,20a). 6

Somit ist der Aufruf zur Buße, auch für unsere Generation aktuell. Doch dieser richtet sich nicht nur an die Kirchen, sondern gilt jedem einzelnen Menschen. Sehr treffend schreibt Lothar Gassmann: Jedem einzelnen Menschen gilt der Ruf zur Umkehr, zur Buße im biblisch-christlichen Sinn. Martin Luther hat Buße als „völlige Veränderung der Gedanken und der Gesinnung“ definiert, die sich aus der Hinwendung zu Gott ergibt. Und in These 3 der neuen 95 Thesen heißt es, dass die Buße mit einer „Neubesinnung und Trauer über das bisherige falsche Verhalten“ beginnt. Jedem einzelnen Menschen gilt der Ruf und die Einladung: Kehre um zu Jesus Christus! Nimm ihn als Deinen Retter und Herrn an! 7

 


Quellangaben
1. http://www.luther-gesellschaft.de/material/texte-zu-luther/hier-stehe-ich.html
2. http://www.luther.de/leben/worms.html
3. Ebd.
4. Dave Hunt - Die Frau und das Tier, S.322/323
5. Martyn Lloyd-Jones – Mit ganzem Einsatz, S.240
6. Ebd. S.300
7. Zeitschrift - Der schmale Weg Nr. 1 / 2017 https://l-gassmann.de/95-thesen

 

 

 


 

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