und

4. Ich aber sage euch... (Schwören)

Schwören

26.01.2017

Kommen wir nun mit dem vierten Themenbereich dieser Wortbetrachtung, zu dem, was Jesus über das „Schwören“ gelehrt hat, und behalten dabei im Hinterkopf, was ich mehrfach aufgezeigt habe: Jesus hat hier keine neue Lehre eingeführt, sondern falsche Auslegung und falsche Lehre widerlegt. Entsprechend hat es auch John MacArthur in seinem Bibelkommentar festgehalten, in dem er über diesen Bibelabschnitt aus der Bergpredigt folgendes angemerkt hat: Jesus änderte bei keiner der angeführten Bibelstellen die Bedingungen des Gesetzes. Vielmehr korrigierte er das, was sie »gehört« hatten – nämlich das rabbinische Verständnis des Gesetzes.1 Das also ist die grundsätzliche Beobachtung, auf die wir bei der Anwendung noch einmal zurückkommen werden, doch nun zum Bibeltext, den wir in Matthäus 5,33-37 finden:

Wiederum habt ihr gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht falsch schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht! Weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt; noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein Haar weiß oder schwarz machen. Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber darüber hinausgeht, ist vom Bösen.

Angesichts der vorigen Themen, denken wir vielleicht, dass dies ein eher zweitrangiger Punkt ist. Mehr noch, man gewinnt fast den Eindruck, als gäbe es innerhalb der Themen, die Jesus bis hierher aufgegriffen hat, eine Abstufung. Das erste Thema war Mord, hier geht wohl jeder mit, dass dies eine abscheuliche und schreckliche Sünde ist, sodass es außer Frage steht, dass dieses Thema unsere Beachtung verdient. Bei Ehebruch und Scheidung, empfinden wir schon eine leichte Abstufung, so dass wir denken, wenn Mörder nicht in den Himmel kommen, ist das verständlich, aber wird Gott auch Ehebrecher und Unzüchtige ausschließen? Die Antwort lautet, ja, denn geschrieben steht: Aber den Feigen und Ungläubigen und mit Gräueln Befleckten und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern ist ihr Teil in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod (Offb 21,8). Wie dieser Vers zeigt, werden die Unzüchtigen gleich nach den Mördern genannt, doch, und das ist der entscheidende Punkt, in der Auflistung sind auch die Lügner zu finden, auch sie steuern auf das ewige Verderben zu. Von daher möchte ich noch einmal wiederholen, dass wir Sünden nicht in verschiedene Kategorien einteilen dürfen, sondern es viel mehr gilt, die Schrecklichkeit der Sünde im Allgemeinen wahrzunehmen. Sprüche 14,34 sagt: Die Sünde ist der Leute Verderben. Nicht allein jene Sünden, die wir als die schlimmsten einordnen, führen ins Verderben, sondern jede Form der Sünde, und somit auch die Lüge.

Wenn wir diese Sicht nicht teilen können, werden wir uns an diesem Punkt sicher fragen, warum Jesus so kleinlich war. Warum konnte ER bei diesem Thema nicht einfach fünf gerade sein lassen? Eines ist gewiss, wäre Gott so wenig ernst zu nehmen, wie man es heute gerne sieht, hätte Jesus zumindest an diesem Punkt, großzügig über die falschen Lehren der geistlichen Führer hinweggesehen. Denn was macht es schon, vor Gott etwas mit einem Schwur zu bekunden? Was haben überhaupt unsere Worte für eine Bedeutung? Gott wird doch nicht so kleinlich sein, dass wir uns am Ende für unsere Worte verantworten müssen (vgl. Mt 12,36). ER ist doch immer gnädig und barmherzig, vor IHM kann man doch alles bekunden, was soll‘s, wenn man nicht immer die Wahrheit sagt, was macht es schon, wenn wir leere Versprechen machen oder wenn unsere Gebete nur leere Floskeln sind? (vgl. Pred 5,1). Ist das nicht unsere Denkweise? Wie leicht gehen doch die Worte des Vaterunsers über die Lippen von Millionen von Menschen, doch wer macht sich überhaupt Gedanken, was man durch dieses Gebet vor Gott bekundet? So der HERR will, soll dieses Gebet Thema der nächsten Predigtreihe sein, an dieser Stelle, sei nur gesagt, dass die erste darin formulierte Bitte Geheiligt werde dein Name“ (Mt 6,9), lautet, womit wir gleich zu Beginn des Gebets mit der Heiligkeit Gottes konfrontiert werden; daher die Frage: Wie heilig ist uns der Name Gottes? (vgl. Ps 103,1).

Wäre Gott nur Liebe, so wie man IHN heute nur noch sehen will, jedoch nicht auch heilig und gerecht, hätte Jesus gewiss nicht den qualvollen Kreuzestod erdulden müssen, um unsere Schuld zu sühnen; doch gerade, weil Gott beides zugleich ist, nämlich ein heiliger Gott und zugleich auch der Inbegriff der Liebe, dürfen wir nicht eine Eigenschaft gegen die andere ausspielen. Beachten wir, selbst der Sohn Gottes betete nicht: „Lieber Gott“, sondern: „Heiliger Vater!“ (Joh 17,11). Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich das Judentum zurzeit Jesu, vielmehr der Heiligkeit Gottes bewusst war, als es das Christentum unserer Tage ist. Dennoch hat Jesus ihre Haltung korrigiert, doch was war der eigentliche Grund dafür? Der Kommentar von Willam MacDonald gibt uns die Antwort: Das mosaische Gesetz enthielt mehrere Verbote, beim Namen Gottes nicht falsch zu schwören (3. Mose 19,12; 4. Mose 30,2; 5. Mose 23,21). Wer beim Namen Gottes schwor, ließ erkennen, dass er Gott zum Zeugen dafür aufrief, dass er die Wahrheit sagte. Die Juden versuchten, die Ungehörigkeit zu umgehen, falsch beim Namen Gottes zu schwören, indem sie den Schwur beim Namen Gottes durch den Schwur beim Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem oder bei ihrem Kopf ersetzten.2
Ich denke das unterstreicht, was ich eben gesagt habe, die jüdischen Führer waren sich durchaus der Heiligkeit Gottes bewusst, ihr Irrtum war also nicht, dass sie Gottes Heiligkeit unterschlagen hätten, sondern, dass sie sich der Heuchelei schuldig machten, indem sie glaubten, das Gesetz Gottes durch die Änderung der Schwurformel umgehen zu können. Genau diesen Selbstbetrug deckt Jesus auf, indem ER sagt: Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht! Weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt; noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein Haar weiß oder schwarz machen.

Es ist nutzlos den Namen Gottes zu umgehen, indem man stattdessen beim Himmel schwört, denn er ist der Thron Gottes, ebenso wenig sollen wir bei der Erde schwören, weil sie der Schemel Seiner Füße ist, dasselbe gilt für die Stadt Jerusalem und sogar für unser Haupt. Worauf Jesus letztlich abzielt, ist, dass Kinder Gottes als so verlässlich gelten sollten, dass sie es überhaupt nicht nötig haben, alles durch einen Schwur zu bekräftigen. Letztlich ist doch gerade die Betonung, etwas zu schwören, schon ein Hinweis darauf, dass jemand dazu neigt, Unwahrheiten zu verbreiten. Denn wer muss denn ständig betonen, dass er die Wahrheit sagt, wenn nicht jemand, der dafür bekannt ist, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt? Dass die Auslegung der Schriftgelehrten und Pharisäer letztlich genau dies zum Ziel hatte, sehen wir darin, dass sie die Schwurformeln in verschiedene Kategorien unterteilten. Wie das in der Praxis aussah, erfahren wir im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums, wo Jesus diese ganze Heuchelei schonungslos aufdeckt, indem ER sagt: Wehe euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wer beim Tempel schwört, das gilt nichts; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist gebunden. Ihr Narren und Blinden, was ist denn größer, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Und: Wer beim Brandopferaltar schwört, das gilt nichts; wer aber beim Opfer schwört, das darauf liegt, der ist gebunden. Ihr Narren und Blinden! Was ist denn größer, das Opfer oder der Brandopferaltar, der das Opfer heiligt? Darum, wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf ist. Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. Und wer beim Himmel schwört, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt (V 16-22).

Die Frage ist doch, wozu diese Unterscheidung in verschiedene Schwüre? Ist nicht gerade in diesen Spitzfindigkeiten die Unaufrichtigkeit und Heuchelei verborgen, deren sich die religiösen Führer im Allgemeinen schuldig machten? Ist dieses Verhalten nicht genau dem gleichzustellen, dass man sich einredet, solange man mit überkreuzten Fingern schwört, sei es legitim eine Lüge durch einen Schwur zu bekräftigen? Was hat sie dazu veranlasst, einen Schwur auf den Tempel als unverbindlich anzusehen, während sie einen Schwur auf das Gold des Tempels als bindend ansahen? Warum hielten sie es für legitim, sich nicht an einen Schwur auf den Brandopferaltar halten zu müssen, während es in ihren Augen Sünde war, wenn jemand bei dem Opfer schwört, das darauf lag? Was anderes war dies, als ein religiöser Weg, um Lügen zu legimitieren?

Was Jesus hier bei den Schriftgelehrten und Pharisäern aufdeckt hat, ist deren fromm getarnte Unaufrichtigkeit. Womit wir erneut auf das bereits festgestellte Prinzip, der reinen Buchstabentreue zurückkommen. Wieder hatten die religiösen Führer einen Weg gefunden, den Geist des Gesetzes zu ignorieren und die Bedeutung der Schrift zu umgehen. Für sie war alles in bester Ordnung, solang sie sich nur selbst davon überzeugen konnten, sich innerhalb ihrer selbsterdachten Auslegung zu bewegen. Wir sehen dabei auch, dass sie nicht wirklich erfasst hatten, dass Gott von Seinem Volk grundsätzlich Ehrlichkeit erwartet. So wie es uns wichtig ist, dass wir uns auf das Wort Gottes verlassen können, so erwartet Gott von Seinen Kindern, dass man sich auch auf das verlassen kann, was wir sagen. Darum sagt Jesus: „Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber darüber hinausgeht, ist vom Bösen!“. Ich denke nicht, dass wir hier ein generelles Verbot für Schwüre sehen dürfen, vielmehr entspricht diese Lehre der Aufforderung aus Epheser 4,25, wo Paulus schreibt: Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten. Lüge darf für Kinder Gottes keine Option sein, denn so wie Gott für die Wahrheit steht, so steht Gottes Widersacher für die Lüge.

Jesus verbietet also nicht generell das Schwören, so als sei es ein grundsätzliches Verbot, unter keinen Umständen einen Eid zu leisten, ansonsten müssten sich Christen ja generell weigern, wenn sie vor Gericht vereidigt werden. Worum es hier geht, ist das leichtfertige Schwören in Alltagsangelegenheiten. Was unser HERR erwartet, ist, dass Seine Kinder als Menschen bekannt sind, die zu ihrem Wort stehen, und zwar selbst dann, wenn sich aus Versprechen oder Vereinbarungen Nachteile für uns ergeben sollten. Beachten wir hierzu die Frage, die David in Psalm 15 aufbringt: „HERR, wer darf weilen in deinem Zelt? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?“ Danach finden wir die Aufzählung verschiedener Charaktereigenschaften, unter denen in Vers 4 auch die Aussage: „Wer seinen Eid hält, auch wenn es ihm schadet“, zu finden ist (vgl. Ps 101,7). Darauf, zielt Jesus ab, nur mit dem Unterschied, dass wir unsere Versprechen so ernst nehmen sollen, als hätten wir einen Eid gesprochen. Wir sollten als Menschen bekannt sein, auf deren Wort verlass ist. Ein Ja soll ein Ja sein, ein Nein soll ein Nein sein. Genau das wollten die Pharisäer und Schriftgelehrten umgehen, indem sie sich ein Hintertürchen geschaffen hatten, um die Verbindlichkeit ihrer Worte von der entsprechenden Schwurformel abhängig machten. Raffiniert wie sie waren, war es ihnen gelungen, ihre Lügen in ein frommes Mäntelchen zu verpacken. Sie täuschten sich selbst, sie täuschen andere Menschen und erweckten bei all dem den Eindruck, ihr Handeln und ihre Lehre sei ganz im Sinne Gottes.

Dem gegenüber stand Jesus, der Sohn Gottes, der von sich sagte, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein, der sagte, ER sei gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen (vgl. Joh 14,6: 18,37). Hätte ER hier wirklich Seine Augen und Ohren verschließen, und zugleich Seinem Auftrag gerecht werden können? Wir sehen, dass ER es nicht getan hat, im Gegenteil, ER hat die falsche Lehre der Pharisäer als Heuchelei entlarvt. Die Frage ist jetzt natürlich, was für Schlüsse können wir daraus ziehen, wie können wir, die wir Jesus nachfolgen wollen, das auf unser Leben anwenden? Wir haben gesehen, dass Jesus gekommen ist, um für die Wahrheit zu zeugen, wir haben gesehen, dass ER die Wahrheit gegenüber Irrtümern verteidigt hat, die Frage ist, können wir unserem Auftrag, Seine Zeugen zu sein (vgl. Apg 1,8), gerecht werden, wenn wir diesem Konflikt ausweichen? Konkret gefragt: Können wir Zeugen der Wahrheit sein, wenn wir nicht dazu bereit sind, die Wahrheit zu verteidigen? Ist es nicht einleuchtend, dass wer auch immer die Wahrheit bezeugen will, nicht umhinkommen wird, Lügen aufzudecken? Mir ist bewusst, dass ich mich dabei wiederhole, doch ich komme gerade deshalb so oft darauf zurück, weil in unserer Generation immer mehr die Meinung vorherrschend ist, es sei nicht unsere Aufgabe, theologische Irrtümer zu bekämpfen, vielmehr will man nach Gemeinsamkeiten suchen und geht davon aus, dass der HERR jenen die irren, schon den richtigen Weg weisen wird. Die Frage ist nur, durch wen wird der HERR dies tun? Wird er Engel schicken, die jenen, die in Irrtümern verstrickt sind, den Weg der Wahrheit genauer erklären? Wenn wir das Neue Testament diesbezüglich durchforschen, werden wir feststellen, dass dies nicht die Aufgabe der Engel ist, sondern dass es in unserer Verantwortung steht (vgl. Apg 8,30). Es ist nicht die Schar der Engel, es ist die Gemeinde, die als Säule und Grundfeste der Wahrheit (1.Tim 3,15) bezeichnet wird. Mit anderen Worten, diese Verantwortung ist nicht den Engeln, sondern uns übertragen. Es waren die Jünger, die den Auftrag: „Lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe!“ (Mt 28,20), erhalten haben. Die Frage hierbei ist, können wir diesem gewaltigen Auftrag gerecht werden, wenn wir uns weigern, Lehren zu beurteilen und es stattdessen vorziehen, einfach alles so stehen zu lassen?

Wenn wir hier die Auffassung haben, der HERR wird schon alles in die richtigen Bahnen lenken, dann können wir uns auch bezüglich der Evangelisation zurücklehnen und alles dem HERRN und Seinen Engeln überlassen. Natürlich spielt die unsichtbare Welt, und hier insbesondere der Heilige Geist, eine unverzichtbare Rolle, wenn es um die Erneuerung von Menschen geht; dennoch sagt uns die Schrift, dass der Glaube aus der Predigt, und die Predigt aus dem Wort Gottes kommt (Röm 10,17). Aber nicht nur das, gerade in diesen Zusammenhang wirft die Schrift die Frage auf: „Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?“ (Röm 10,14). Ob bei der Evangelisation oder innerhalb der Gemeinde, Gott gebraucht die Verkündigung, sowie die Korrektur durch Glaubensgeschwister. Dass davon selbst begnadete Verkündiger nicht ausgenommen sind, zeigt das Beispiel von Apollos; obwohl er beschrieben wird als, beredter Mann, der mächtig in den Schriften war. Und es weiter heißt: Dieser war unterwiesen im Weg des Herrn und feurig im Geist (Apg 18,23-24), sehen wir, dass es nicht Engel, sondern Glaubensgeschwister waren, die ihm den Weg der Wahrheit genauer ausgelegt haben. Wie gesehen, er war sogar feurig im Geist, dennoch wurde das Ehepaar Priszilla und Aquila gebraucht, um ihm den Weg Gottes genauer auszulegen (Apg 18,26). Beachten wir, es waren nicht Petrus oder Johannes, sondern es waren einfache Leute aus dem Volk Gottes. Zeigt uns dies nicht auch, dass wir nicht nur auf namhafte oder prominente Glaubensgeschwister hören sollten, sondern auch auf jene, die uns direkt zur Seite stehen? Hat Gott es nötig, den Promistatus eines Menschen zu nutzen, um uns zu erreichen oder sind wir bereit, auch von einfachen Glaubensgeschwistern etwas anzunehmen, sofern sie es biblisch begründen können? Doch kommen wir zurück zu Apollos, was war geschehen? Priszilla und Aquila hatten ihn predigen gehört, und waren danach auf ihn zugekommen. Die Frage ist: Warum ließen sie nicht einfach alles stehen, was er gesagt hatte? Warum war es ihnen wichtig, einem befähigten Prediger wie ihm, den Weg Gottes genauer auszulegen? War das nicht anmaßend, haben sie sich damit nicht des Richtens schuldig gemacht? Wie konnten sie sich ein Urteil bezüglich dessen erlauben, was Apollos gesagt hatte? Wer waren sie, dass sie einen Mann wie ihn belehren konnten?
Das ist die eine Frage, die andere ist, ob wir selbst so demütig wie Apollos sind? Er hätte sich doch sagen können: „Was haben mir diese unbedeutenden Glaubensgeschwister zu sagen. Die können mir doch nicht mal das Wasser reichen."

Gewiss war das, was Apollos verkündigt hat, keine gravierende Irrlehre, doch ist nicht gerade das beachtenswert? Überlegen wir uns doch, hier wurde kein Irrlehrer korrigiert, sondern ein Mann, der mächtig in den Schriften und feurig im Geist war. Können wir angesichts dessen, viel Schlimmeres durchwinken und einfach alles stehen lassen, was im Namen Gottes verkündigt wird? Oder um die bereits gestellte Frage noch einmal zu wiederholen: Wie heilig ist uns der Name Gottes? Ist ER uns heilig genug, dass wir für Seinen Namen und somit für Seine Ehre eintreten? Oder lässt es uns kalt, wenn Sein heiliger Name beschmutzt wird, in dem von vielen Kanzeln ein völlig falsches Gottesbild vermittelt wird, weil der Gott, der Inhalt der Verkündigung ist, ein Gott ist, den man gar nicht ernst nehmen muss? Ein Gott, der nur Notnagel sein möchte, ein Gott, der keine festen Moralvorstellungen hat, sondern sich stets den Wünschen und Erwartungen Seiner Geschöpfe beugt. Ein Gott, der uns ein altes verstaubtes Buch hinterlassen hat, das ständig überholungsbedürftig ist, weil sich das aufgeklärte Geschöpf, Mensch, so prächtig weiterentwickelt hat, dass der Schöpfer kaum noch schritthalten kann. Entsprechend muss Sein Wort natürlich ständig angepasst und umgedeutet werden, womit wir wieder genau bei der Haltung der Schriftgelehrten und Pharisäer angelangen. Auch sie hielten sich offensichtlich für weiser als ihren Schöpfer.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, in unserer Generation sieht es nicht anders aus. Wir haben die Bibelkritik, wir haben die neuen Propheten der charismatischen Szene, jeder interpretiert und macht, wie er es für richtig hält und das Schlimme ist, dass es ein Großteil der Christen für richtig hält, einfach alles stehen zu lassen. Egal was für ein Gottesbild, egal was für ein Jesus oder was für ein Evangelium vorgetragen wird, alles wird unbedenklich angenommen, allem will man etwas Gutes abgewinnen. Angenommen der Apostel Paulus würde unserer Generation, also den Endzeitchristen einen Brief schreiben, würden da nicht auch folgende Worte vorkommen: Ich fürchte aber, dass, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so vielleicht euer Sinn von der Einfalt und Lauterkeit  Christus gegenüber abgewandt und verdorben wird. Denn wenn der, welcher kommt, einen anderen Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen anderen Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gut (2.Kor 11,3-4). Unsere Generation ist so unglaublich duldsam im Ertragen fragwürdiger und falscher Lehren; selbst wenn ein Mann wie Johannes Hartl, einer der beliebtesten Redner in der evangelikalen Szene, die Reformation als Sünde verurteilt und den Reformatoren Hartherzigkeit und Stolz vorwirft3 , wird dies seiner Beliebtheit kaum einen Abbruch tun, weil man sich lieber auf seine Seite stellt, anstatt zu den treuen Glaubensvätern zu halten, die bereit waren, für die Wahrheit des Evangeliums zu kämpfen.

Dazu mal eine ganz praktische Überlegung: Können wir es stehen lassen, wenn man Unwahrheiten über uns verbreitet? Wahrscheinlich nicht. Doch wie reagieren wir, wenn Unwahrheiten über unseren HERRN und Sein Wort verbreitet werden? Wahrscheinlich sagen wir, dass müssen wir so stehen lassen. Doch was zeigt uns dies? Es zeigt uns, dass wir mehr auf die eigene Ehre bedacht sind, als auf die Ehre Gottes. Von daher müssen wir es wahrscheinlich eher lernen, etwas stehen zu lassen, das gegen unsere eigene Person gerichtet ist, als etwas, das gegen die Person unseres HERRN geht.

Ist es nicht eine berechtigte Frage, ob wir uns nur allzu gern vor der Verantwortung drücken, das Evangelium zu verteidigen? Wir sagen, wir wollen Jesus nachfolgen, wir wollen etwas von IHM lernen, wollen Seine Zeugen sein, doch die Frage ist, was für eine praktische Lehre ziehen wir aus Bibelabschnitten wie diesem? Ist die Lektion nicht gerade darin zu sehen, dass da, wo Jesus ist, Irrtum und Wahrheit nicht friedlich nebeneinander existieren können? Es geht dabei weder um Rechthaberei, noch darum, anderen Mutwillen oder Böswilligkeit zu unterstellen, sondern um die Frage, ob es wirklich der Ehre Gottes dienen kann, wenn wir Sein Wort als Spielwiese ansehen, auf der sich jeder nach Belieben austoben kann. Natürlich dürfen wir uns dabei nicht selbst zum Maß aller Dinge machen, und nur das stehen lassen, was 1:1 mit unserer persönlichen Überzeugung übereinstimmt, vielmehr müssen wir die Bereitschaft haben, zu aller erst unseren eigenen Standpunkt immer wieder anhand der Schrift zu prüfen, und wo notwendig Korrektur anzunehmen. Es geht nicht um die Verteidigung persönlicher Sonderlehren, sondern um die Verteidigung des Evangeliums. Entscheidend dabei ist auch nicht, was gesagt wird, sondern, was geschrieben steht. Dabei muss das Wort immer zuerst unser eigenes Herz treffen, doch wenn dies der Fall ist, und wir selbst mit Gott im Reinen sind, dürfen wir uns an David orientieren, der sagte: Lehren will ich die von dir Abgefallenen deine Wege, dass die Sünder zu dir umkehren (Ps 51,15). Wenn uns also anhand der Schrift bewusst wird, dass Glaubensgeschwister falschen Lehren oder falschen Lehrern ausgesetzt sind, dürfen wir sie nicht einfach laufen lassen oder aus lauter Rücksicht auf jene, die diese Lehre vertreten, lieber schweigen. Vielmehr sind wir aufgefordert, uns an Jesus zu orientieren, der neben der wahren Bedeutung der Schrift, keine falschen Auslegungen und Irrtümer stehen ließ, und seelenruhig mit ansah, wie dadurch die Wahrheit verdrängt wurde. Wir können niemals den bezeugen, der sich selbst als Wahrheit bezeichnet hat, der vom Wort der Wahrheit und vom Geist der Wahrheit sprach, wenn wir glauben, man müsse es mit dem Wort Gottes nicht so genau nehmen oder uns einreden, es sei zielführend, neben dem wahren Evangelium auch Fälschungen stehen zu lassen. Wir können den Menschen keine Orientierung geben, wenn wir neben dem rettenden Glauben, Irrlehren als gleichberechtigte Fakten stehen lassen. Von daher gilt es zu realisieren, dass die Wahrheit umkämpft ist, und dass unsere Verantwortung nicht in der Preisgabe, sondern in der Verteidigung der Wahrheit zu sehen ist (vgl. Jud 3).

Wie gesehen, Jesus hat die Wahrheit gegenüber den Irrtümern der Schriftgelehrten und Pharisäer verteidigt. Das war Sein Weg, um Menschen für die Wahrheit zu gewinnen (vgl. Joh 8,22). Es gibt nur ein wirksames Mittel gegen die Finsternis, und das ist das Licht. Es gibt nur ein wirksames Mittel gegen die Lüge, und das ist die Wahrheit. Heute denkt man sich ständig neue Programme zur Evangelisation aus, doch eines wird dabei oft übersehen, die Bedingung, um andere Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen, lautet, wie Jesus sagte: „Kommt, folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen“ (Mt 4,19). Nicht die neueste Marketingmethode, nicht die neuesten Erkenntnisse aus der Psychologie, nicht unsere besonderen kreativen Fähigkeiten sind entscheidend, sondern vielmehr die Frage, ob wir selbst bereit sind, Jesus nachzufolgen. Ist ER HERR über unser Leben, sind wir bereit uns Seinem Wort unterzuordnen?

Wir können nicht erwarten, dass andere Menschen das Wort Gottes ernstnehmen, wenn wir selbst nicht dazu bereit sind. Das beginnt bei der Art, wie wir unser Leben führen – ob wir uns vom Wort Gottes prägen lassen, und geht weiter, in dem was wir weitergeben. Ist es wirklich das unverfälschte Evangelium oder nur eine billige Kopie, die auf menschliche Wünsche und Erwartungen ausgerichtet ist? Beachten wir, der Apostel Paulus sagte: Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht (Gal 1,10). Wie viele leben doch heute in dem Irrtum, beides sei möglich, es allen Menschen Recht zu machen und zugleich Gott treu zu sein? Man könnte noch sehr viel zu diesem Thema sagen, doch wenn es unser Ziel ist, ein Leben zur Ehre unseres HERRN zu führen, dann ist nicht entscheidend, was ich oder sonst irgendwer sagt, sondern, was uns das Wort Gottes sagt. Wahrscheinlich sind die meisten mit mir einig, dass wir des Evangeliums würdig leben sollen, doch sind wir uns auch dessen bewusst, dass dies auch den Kampf um die Wahrheit des Evangeliums beinhaltet? Das ist nicht meine persönliche Sonderlehre, sondern entspricht der Aufforderung aus Philipper 1,27, wo geschrieben steht: Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus, damit ich, sei es, dass ich komme und euch sehe oder abwesend bin, von euch höre, dass ihr fest steht in einem Geist und mit einer Seele zusammen für den Glauben des Evangeliums kämpft (Phil 1,27).

Hier sehen wir, worin sich wahre christliche Einheit begründet, so wichtig Einheit ist, geht es nicht darum den Einheitsgedanken über alles zu stellen, sondern das unverfälschte Evangelium, für dieses gilt es gemeinsam einzutreten. Darum gilt, lieber durch Wahrheit getrennt, als durch Irrtum vereint. Wenn wir würdig des Evangeliums leben wollen, dann muss es uns dieses Evangelium auch wert sein, dass wir es gegenüber Irrtümern und Verfälschungen verteidigen. Von daher möchte ich diesen Punkt mit fünf abschließenden Fragen beenden, die jeder für sie selbst beantworten kann:

 

1. Kann es ein geeigneter Weg sein, Menschen, die in Lügen gefangen sind, durch Halbwahrheiten für die Wahrheit zu gewinnen? Kann ein Gemisch aus Wahrheit und Lüge, Menschen zu einem wahren Bruch mit der Sünde führen?

2. Können wir glaubwürdige Zeugen für die Wahrheit sein, wenn wir nicht bereit sind, am Wort der Wahrheit festzuhalten? Oder ist es nicht vielmehr ein Widerspruch in sich, die Waffen der Finsternis einzusetzen, um Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen?

3. Kann die Gemeinde Säule und Grundfeste der Wahrheit (1.Tim 3,15) sein, wenn man im Wort Gottes keinen verbindlichen Maßstab mehr sehen will, und sich regelrecht weigert, die Geister zu unterscheiden, ob sie aus Gott sind? (vgl. 1.Joh 4,1). Was würden wir wohl von einer Bank halten, die nicht mehr zwischen falschem und echtem Geld unterscheiden will?

4. Warum finden wir in der Schrift so viele Warnungen vor falschen Lehrern und falschen Propheten, und warum wird dies vor allem als ein Merkmal der Endzeit genannt? Etwa damit wir, die wir in dieser Zeit leben, uns sagen können, das alles betrifft uns nicht?

5. Es liegt bereits einige Jahrzehnte zurück, als A.W. Tozer beklagte: Die Gemeinde hat ihr Zeugnis verloren. Sie hat der Welt nichts mehr zu sagen. Sie vertritt ihre Lehrsätze so, wie man höflich einen Vorschlag unterbreitet. Die Gemeinde hat der Welt nicht nur nichts mehr zu sagen, sondern tatsächlich sind die Rollen vertauscht. Die Diener Christi gehen jetzt zur Welt, um erleuchtet zu werden. Wenn das bereits für seine Zeit galt, wie viel mehr trifft es dann auf unsere Zeit zu? Daher die Frage: Sehen wir unsere Aufgabe darin, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, oder sind wir bereit, uns in den Dienst unseres HERRN zu stellen, in dem wir uns nicht vom endzeitlichen Verführungsstrom treiben lassen, sondern diesem, in der Kraft des Heiligen Geistes, widerstehen, sodass wir unserem Auftrag, Salz und Licht zu sein (vgl. Mt 5,13-14), gerecht werden?

 

 

Quellangaben
1. John MacArtur - Kommentar zum Neuen Testament
2. William MacDonalds - Kommentar zum Neuen Testament, S.45
3. TOPIC  Nr. 01/2018 - Johannes Hartl bezeichnet die Reformation als Sünde
4. http://l-gassmann.de/christenheit-heute

 

Komplette Beitragsreihe als PDF 36 Seiten A4

 

www.evangeliums-botschaft.de

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