und

Freude am Wort

16.10.2016

Als ich deine Worte fand, da verschlang ich sie; deine Worte sind mir zur Freude und Wonne meines Herzens geworden, denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, o Herr, du Gott der Heerscharen! (Jeremia 15,16)

Jeremia erlitt große Verfolgung wegen seiner Treue in der Verkündigung des Wortes Gottes. Er sagt uns den Grund, war um er das Werk fortsetzte, das ihm so leidvoll vergolten wurde. Er lässt uns verstehen, dass er Gottes Wort treu verkündete, weil das Wort seiner eigenen Seele unendlich kostbar war. Er konnte nicht anders, als die Wahrheit Gottes zu sprechen, denn die Wahrheit war sein tägliches Brot. Ihm begegnete nichts als schlechte Behandlung von Seiten derjenigen, an die er das Wort richtete. Sie verunglimpften ihn auf jede Weise – in das widerlichste Verließ wurde er geworfen. Ihm wurde sogar Brot und Wasser vorenthalten – seine undankbaren Landsleute taten an ihm alles, außer ihn zu töten. Aber er prophezeite weiter. Er konnte nicht schweigen. Obgleich sein prophetischer Dienst nichts als Tränen brachte, fuhr er fort zu prophezeien, denn Gottes Wort erreichte seine Seele mit solch Lieblichkeit und erfüllte sein Herzn mit einer solch entzückender Freude und Wonne, dass er nicht anders konnte, als zu seinen Mitmenschen zu gehen, um ihnen zu sagen, was ihm selbst so viel Freude brachte. Ich glaube, dies ist das Geheimnis jeden lebendigen Dienstes. Der Dienst, der auf Schmeichelei baut und denjenigen schmeichelt, die schmeicheln, ist ein armseliges, schwaches Imitat, und Gott wird dies niemals segnen. Aber der Dienst, der unter großen Schwierigkeiten und feuriger Gegnerschaft bestehen kann, weil der Prediger nicht anders kann, als darin auszuharren, ist ein Dienst, den Gott segnen wird. Ich habe gesagt, dass Jeremia uns einen Einblick in ein Geheimnis gibt. Sein äußeres Leben, das aus seinem beständigen, treuen Dienst bestand, beruhte auf seiner inneren Liebe zum Wort, das er predigte. Du kannst darauf bauen, dass dieses Geheimnis hinter jedem wahren geistlichen Leben steht.

Siehst du jemanden, der in Heiligkeit wandelt, in der Versuchung fest steht und sich von Bedrängnissen nicht überwinden lässt, kannst du dir sicher sein, dass diese Person über etwas verfügt, das man nicht mit Augen sehen kann – es ist ein Geheimnis, das die Welt nicht kennt – eine verborgene Quelle, die seinen Lebensstrom nährt. Da gibt es eine unsichtbare Quelle des Lebens, die diese Person stark sein lässt, selbst wenn sie vom Tod umgeben ist. Bunyans Bild dafür war ein Feuer, das in bestimmten Umständen brannte, und jemand stand vor ihm und schüttete beständig Wasser darauf, um es auszulöschen; aber obwohl er dies tat, konnte das Feuer dennoch nicht gelöscht werden. Christ konnte dieses Wunder nicht verstehen, bis der Ausleger (?) ihn hinter die Mauer führte, und dort sah er, wie jemand Öl in das Feuer goß, ebenso beharrlich wie der Feind das Wasser ausschüttete, so dass das Feuer im Verborgenen genährt wurde und nicht ausgelöscht werden konnte. Das Leben aller Christen ist dem gleich – es gibt vieles, was es zerstören kann, aber wenn es aufrechterhalten wird, dann durch dieses geheimnisvolle Etwas, das die Seele für Gott am Leben erhält und bis zum Ende ausharrt. Darum sprechen wir heute abend von einem verborgenen Leben des Gläubigen und danach von seinem öffentlichen Leben. Sein verborgenes Leben wird mit diesen Worten beschrieben: „Als ich deine Worte fand, da verschlang ich sie; deine Worte sind mir zur Freude und Wonne meines Herzens geworden“ (Jer 15,16a). Das galt für Jeremia persönlich. Im nächsten Satz siehst du sein Leben in der Öffentlichkeit, sein Verhalten vor den Menschen – „denn ich bin ja nach deinem Namen genannt,4 o Herr, du Gott der Heerscharen!“ (Jer 15,16b).

Wir müssen Gottes Worte finden, wie Jeremia sie fand, indem wir warten, bis der Geist Gottes die Wahrheiten Gottes neu lebendig macht; neue Wahrheiten hingegen offenbart der Geist Gottes heute nicht mehr. Gottes Geist nimmt die Dinge Christi – das, was in der Schrift geoffenbart wurde – und gibt uns darin Einblicke und wie wir sie für uns anwenden. Wir sollen keine Hinzufügungen zum heiligen Schriftkanon erwarten – die Heilige Schrift ist abgeschlossen, und nichts darf ihr mehr hinzugefügt werden. In dieser Hinsicht sollen wir nicht Gottes Wort finden. Wenn eine Person zu mir kommt und sagt: „Ich habe für dich Gottes Wort“, und wenn er nicht die Worte der Schrift weitergibt, dann wirst du sofort wissen, dass er ein Lügner ist und seine Rede nichtige Einbildung. Und selbst wenn er mit angeblichen Wundern auftritt und sich stolz seiner Visionen rühmt, ist er dennoch zu verwerfen, den die Heilige Schrift ist der Sinn Gottes, und Neuerungen sind menschliche Phantasien. Folglich, wenn wir den Ausdruck „Gottes Wort finden“ verwenden, müssen wir ihn in rechter Weise gebrauchen, und dies geschieht im folenden Sinn. Erstens, wir lesen das Wort.

Die Bibel besteht aus vielen Büchern, und ich empfehle euch allen, ein Buch durchzulesen, sorgfältig und im Gebet, um einen allgemeinen Überblick und die Zielrichtung eines Autors zu verstehen, damit ihr den Sinn Gottes begreift. Aber ebenso solltet ihr euch daran erinnern, dass die Bibel wie jedes andere wertvolle Buch fleißig und im Gebet gelesen werden muss. Oberflächliches Lesen hat wenig Nutzen. Einige gehen durch die Bibel wie ein Reisender, der mit der Eisenbahn durch ein Land fegt – er wird tatsächlich sehr wenig über dieses Land wissen, obgleich er es von einem Ende zum anderen durchquerte. Er sieht nur ein wenig davon durch das Fenster, und das Fazit, das er zieht, wird ein schwaches und wenig verlässliches sein. So findet man das Wort: lies es selbst, lies es in der Bibel. Wenn du es in den ursprünglichen Sprachen lesen kannst, umso besser, wenn du dies nicht kannst, sei dankbar, dass du eine gute Übersetzung hast. Vergewissere dich, dass du die Bibel liest, bis du sagen kannst: „Als ich deine Worte fand“ (Jer 15,16). Aber wir haben Gottes Wort nicht gefunden, wenn wir es nur lesen, ohne das Wort zu verstehen. Die bloßen Worte der Schrift sind nicht besser als irgendwelche andere Worte, außer dass sie einen heiligeren und edleren Sinn haben. Es ist der Aberglaube des Menschen zu denken, dass ein Text mehr ist, nur weil er in der Bibel und nicht woanders steht – ich verstehe darunter die Worte des Textes – ihren Klang. Und doch bin ich vielen begegnet, die denken, dass das Wiederholen oder Lesen eines Schrifttextes etwas gutes ist. Nein, lieber Freund, du musst die Bedeutung verstehen – den tieferen Sinn. Nüsse müssen geknackt werden, so verhält es sich mit der Schrift, du musst die Bedeutung verstehen, oder du hast nichts empfangen! Wer kann sich vom blanken Knochen ernähren? Zerteile sie und nimm das Mark heraus, und dann wirst du eine köstliche Speise haben! Bloße Worte, selbst wenn es sich um die Aussagen des Heiligen Geistes handelt, können die Seele nicht sättigen. Es geht um die innere Bedeutung, die Wahrheit, die geoffenbart wird, danach sollten wir trachten. Zu oft bleiben sie in einem Brief und dringen nicht zur Seele der göttlichen Wahrheit vor. Betet, liebe Freunde, dass Gott euch erleuchten möge, wenn ihr die Schrift lest. Bittet darum, dass ihr nicht im Dunklen lest, wie viele es tun und darum im Ungehorsam gegenüber dem Wort straucheln. Der beste Ausleger eines Buches ist in der Regel derjenige, der es geschrieben hat. Der Heilige Geist hat die Schrift verfasst. Gehe zu ihm, damit du die Bedeutung verstehst, und du wirst nicht in die Irre gehen. O, wann wird die Zeit kommen, wenn jeder Christ sagen wird: „Ich habe die Schrift durch die Gnade Gottes gelesen, und durch den Heiligen Geist bin ich fähig, sie zu beachten, sie zu lernen und sie zu verstehen. Ernstlich arbeite ich dafür, dass ich verstehe, was Gott meint in dem, was er gesagt hat.“

Wir mögen vielleicht an einem Punkt angekommen sein im Leben, wo sich uns zwei Wege auftun und scheinbar keiner beiden vom geraden Weg abweicht. Und doch spüren wir ehrfürchtig, dass sich unser Leben in einem Augenblick völlig verändern kann – vom Frieden zur Betrübnis, weil wir einen Fehler machen. Beuge deine Knie an dieser Weggabelung und rufe: „Herr, führe mich“, und dann geh zu der Bibel und bitte um rechte Führung in dieser Angelegenheit durch das geschriebene Wort, und du wirst einen Text in der Schrift finden, der dir in die Augen sticht und deine Seele mit liebevoller Macht ergreift und dich auf den gottgewollten Pfad führt. Darunter verstehe ich nicht diese nichtige und üble Gewohnheit, nach Texten Ausschau zu halten wie bei einer Lotterie, sondern bei Weitem eine viel höhere und geistlichere Sache. Der Heilige Geist bleibt noch immer und ist das Urim und Thumim der christlichen Gemeinde, so wie die Vorsehung die Wolkensäule und das Feuer ist. „Als ich deine Worte fand“ – ich ging zu Gott und seinem Buch, um sie zu finden, damit ich geführt und getröstet wurde. Und ich wurde zu und von einem Text in der betreffenden Angelegenheit geführt.

Das Bild des Essens weist auf eine innige Vereinigung. Was ein Mensch isst, verbindet sich  mit ihm selbst, mit seiner eigenen Persönlichkeit. Der Leib wird durch die Elemente erhalten, die in Form von Nahrung aufgenommen werden. In gleicher Weise wird der Mensch, der wahre Mensch, die Seele, durch die Wahrheit erhalten, von der er lebt. Einige nähren sich ihr ganzes Leben lang von Irrtum, ihre Hoffnung, ihre Zuversicht, alles ist auf Irrtum aufgebaut, und ihr Glaube ist durch und durch eine Täuschung. Aber bei demjenigen, der sich mit Gottes Wort ernährt, wird Gottes Wort ein Teil von ihm selbst, und sein Glaube und seine Hoffnung ruhen auf der Wahrheit Gottes. Der emsige Gläubige, wenn er das Wort kennt, lernt es so gut, dass er es in sein Wesen aufnimmt. Als Galileo überzeugt war, dass die Welt sich bewegt, sperrten sie ihn dafür ein. In seiner Schwachheit widerrief er und sagte, die Erde stehe still und die Sonne kreise um sie. Aber in dem Augenblick, als seine Verfolger von ihm abließen, stampfte er mit seinen Füßen auf den Boden und sagte: „Aber die Erde bewegt sich.“ Nun, die Person, die Gottes Wort liebt und sich durch das Wort nährt und sich daran erfreut, wird so handeln, dass man ihn einen Christen nennt. Er wird nicht nur so sein, er wird auch als solcher bezeichnet. Die Menschen werden wissen, dass er Jesus nachfolgt. Wenn sie ihn nicht als Christ ehren, dann werden sie ihm einen Spitznamen geben, aber in ihren Herzen werden sie ihn letztendlich als Christen erkennen. Ein geschätzter Stadtmissionar, der jahrelang öffentliche Häuser besuchte, um das Evangelium zu verkünden, war als der „Mann mit der Bibel“ bekannt. Unter Heiden geschieht es immer wieder, dass Missionare als „der Mann Jesu Christi“ bezeichnet wird, oder Heiden sagen: „Hier kommt der Mann Gottes.“ Der Herr wird uns bewahren, weil sein Name über uns ausgerufen ist und wir ihm gehören. Du gehörst nicht dir selbst, du bist mit einem Preis erkauft. Alle Dinge sind dein, und du bist des Christus, und Christus ist des Gottes. Du bist arm, aber du gehörst Christus. Brüder und Schwestern, findet Gottes Wort, esst Gottes Wort, erfreut euch an Gottes Wort, und dann geht hin und lebst als solche, die Lebende aus den Toten sind, die nicht den Namen des ersten Adam tragen, sondern den Namen des zweiten Adam, die nicht länger als Diener der Sünde bekannt sind, sondern als Diener, als Söhne, Gottes, für immer und immer. Gott segne euch, und wenn du nicht glaubst, mögest du in dieser Stunde geführt werden, an Jesus, den Gekreuzigten, zu glauben.

 


Charles Spurgeon, The Secret Food and the Public Name. Predigt im Metropolitan Tabernacle, London.

Ursprüngliche Quelle und Dank: distomos.blogspot.commehr dazu unter dem Vorwort

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