und

Fremdes Feuer - John MacArthur

30.09.2016

Um seines Namens willen!

Nadab und Abihu waren weder Schamanen noch Quacksalber, die ins Lager der Israeliten eingesickert wären, um den Aberglauben der Kanaaniter unter dem Volk zu verbreiten. Sie waren allem Anschein nach gerechte, ehrbare Männer und gottesfürchtige geistliche Führer. Sie waren Priester des einzig wahren Gottes. Und sie waren nicht nur gewöhnliche Leviten: Nadab war anscheinend der Erbanwärter auf das Amt des Hohepriesters, und Abihu folgte ihm an zweiter Stelle. Sie waren die ältesten Söhne Aarons. Mose war ihr Onkel. Ihre Namen führen die Listen der »Edlen der Söhne Israel« an (2Mo 24,11). Neben ihrem Vater Aaron sind sie die Einzigen, die unter den Siebzig Ältesten Israels herausragen (einer Gruppe von Führern, die die geistliche Aufsicht über das Volk der Hebräer unter sich aufteilten): Sie werden dort, wo die Schrift diese Gruppe erstmals erwähnt (4Mo 11,16-24), namentlich genannt. Die Schrift stellt sie uns nicht als finstere Gestalten oder als berüchtigte Gottlose vor Augen – ganz im Gegenteil.

Diese beiden Brüder hatten zusammen mit den anderen siebzig Ältesten das Vorrecht, am Sinai ein Stück weit auf den Berg steigen und Gott von ferne schauen zu dürfen, als er mit Mose sprach (2Mo 24,9-10). Dem übrigen Volk war befohlen worden, unterhalb des Berges zu bleiben: »Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder auch nur sein Ende zu berühren! Jeder, der den Berg berührt, muss getötet werden!« (2Mo 19,12). Während Gott dort oben zu Mose sprach, sollte selbst ein versprengtes Tier, das sich auf den Fuß des Sinai verirrte, gesteinigt oder erschossen werden (V. 13). Die gewöhnlichen Israeliten konnten vom Fuß des Berges aus nichts sehen als nur den Rauch und die Blitze. Nadab und Abihu aber wurden vom Herrn selbst ausdrücklich beim Namen genannt, der sie aufforderte, zusammen mit den siebzig Ältesten heraufzukommen. Und »sie schauten Gott und aßen und tranken« (2Mo 24,11).

Mit anderen Worten: Nadab und Abihu waren Gott näher gekommen als sonst jemand bis auf Mose selbst. Keinem anderen Israeliten außer Mose wurde je ein höheres Vorrecht zuteil. Diese Männer schienen gewiss fromme und vertrauenswürdige geistliche Leiter und treue Diener Gottes zu sein – junge Männer von gutem Ruf. Zweifellos dürfte wohl jeder in Israel sie hoch geschätzt haben.

Und zweifellos war auch jeder in Israel wie vor den Kopf geschlagen, als Gott plötzlich Feuer sandte und Nadab und Abihu dadurch verzehrte. Dies geschah anscheinend gleich am ersten Tag ihres Dienstes im Heiligtum. Aaron und seine Söhne waren mit einer siebentägigen Zeremonie in ihr Amt eingesetzt worden, nachdem der Bau der Stiftshütte vollendet worden war. Am achten Tag der Prozedur (3Mo 9,1) opferte Aaron das erste Sündopfer in der Stiftshütte und die Zeremonie wurde durch ein Wunder von Gott bestätigt: »Und Feuer ging vom Herrn aus und verzehrte auf dem Altar das Brandopfer und die Fettstücke. Als das ganze Volk es sah, da jauchzten sie und fielen auf ihr Angesicht« (3Mo 9,24).

Mose berichtet, was danach geschah:

Und die Söhne Aarons, Nadab und Abihu, nahmen jeder sein Feuerbecken und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten fremdes Feuer vor dem Herrn dar, das er ihnen nicht geboten hatte. Da ging Feuer vom Herrn aus und verzehrte sie. Und sie starben vor dem Herrn. Und Mose sagte zu Aaron: Dies ist es, was der Herr geredet hat: »Bei denen, die mir nahen, will ich geheiligt und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden.« Und Aaron schwieg (3Mo 10,1-3).

Sehr wahrscheinlich hatten Nadab und Abihu Feuer von einer anderen Quelle als vom Bronzealtar genommen, um damit ihr Räucherwerk anzuzünden. Wir erinnern uns, dass Gott höchstpersönlich den Altar mit Feuer vom Himmel entzündet hatte. Offensichtlich hatten Nadab und Abihu Feuer auf ihre Räucherpfannen getan, das sie selbst entzündet hatten, oder brennende Kohlen von irgendeinem anderen Feuer im Lager Israels. Es wird nicht berichtet, woher genau ihr Feuer stammte. Das ist auch nicht wichtig. Worauf es ankommt: Sie nahmen ein anderes Feuer als das, das Gott selbst entzündet hatte.

Wer einen zwanglosen, genießerischen »Gottesdienstes« gewohnt ist, wie ihn die heutige Generation typischerweise kennt, dem mag Nadabs und Abihus Übertretung unbedeutend erscheinen. Vielleicht hatten sie auch etwas getrunken oder waren womöglich schon so angetrunken, dass ihr Urteilsvermögen getrübt war (3. Mose 10,9 scheint dies nahezulegen.) Jedenfalls verurteilt die Schrift ausdrücklich ihr Darbringen von »fremdem Feuer«. Der springende Punkt an ihrer Sünde war, dass sie sich Gott auf unbekümmerte, eigenwillige und unangemessene Weise nahten, ohne ihm die gebührende Ehre zu erweisen. Sie hielten ihn weder heilig, noch verherrlichten sie ihn vor dem Volk. Der Herr reagierte auf der Stelle – und zwar mit Todesfolge. Das »fremde Feuer« Nadabs und Abihus entfachte die unauslöschlichen Flammen des göttlichen Gerichts gegen sie und sie wurden unverzüglich verbrannt.

Dieser Bericht ist ernüchternd und erschreckend – und er ist für die Gemeinde von heute äußerst relevant. Es ist eindeutig ein schweres Vergehen, den Herrn zu entehren, ihm geringschätzig zu dienen oder ihn auf eine Weise anzubeten, die er verabscheut. Der Heilige Geist, die hochgerühmte dritte Person der Dreieinigkeit, ist nicht weniger Gott als der Vater oder der Sohn. Den Namen des Heiligen Geistes zu missbrauchen, heißt ihn zu entehren. Zu behaupten, dass er es sei, der zu einem eigenwilligen, überspannten und unbiblischen »Gottesdienst« bevollmächtige, heißt ihm geringschätzig zu dienen. Aus ihm ein Spektakel zu machen heißt, ihn auf eine Weise anzubeten, die er verabscheut. Aus diesem Grund sind die vielen respektlosen Possen und verdrehten Lehren der charismatischen Bewegung dem fremden Feuer Nadabs und Abihus gleich, wenn nicht sogar schlimmer als dieses. Sie sind ein Affront gegen den Heiligen Geist und damit gegen Gott selbst – was Grund für ein strenges Gericht ist (vgl. Hebr 10,31).

Als die Pharisäer das Werk des Heiligen Geistes dem Satan zuschrieben (Mt 12,24), warnte der Herr sie, dass eine solche Gotteslästerung aus einem verhärteten Herzen nicht vergeben werden kann. Hananias und Sapphira wurden auf der Stelle getötet, als sie den Heiligen Geist belogen. Infolge dessen »kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, welche dies hörten« (Apg 5,11). Als Simon der Magier den Aposteln Geld für die Macht des Heiligen Geistes bot, antworteten sie ihm mit einem ernsten Tadel: »Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du gemeint hast, dass die Gabe Gottes durch Geld zu erlangen sei!« (Apg 8,20). Auch der Verfasser des Hebräerbriefs, dessen Empfänger Gefahr liefen, den Geist der Gnade zu schmähen, richtet folgende nüchterne Ermahnung an sie: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebr 10,31). Die dritte Person der Dreieinigkeit wird offensichtlich jedem gefährlich, der es wagt, ihm fremdes Feuer darzubringen!

 

Die Neuerfindung des Heiligen Geistes

Diese Gefahr kann man allerdings nicht an der Art und Weise erkennen, wie zahllose bekennende Christen heute mit dem Heiligen Geist umgehen. Auf der einen Seite haben sich manche Mainstream-Evangelikale schuldig gemacht, den Heiligen Geist gänzlich zu verleugnen. Für sie wurde er zum vergessenen Teil der Dreieinigkeit: Sie versuchten, Gemeindewachstum durch ihre eigene Schlauheit zu bewirken statt durch seine Kraft. Um allgemeine Anerkennung zu finden, spielen sie die persönliche Heiligung und das heiligende Werk des Geistes herunter. Sie meinen, die schriftgebundene Predigt, die sorgfältig und präzise das Schwert des Geistes anwendet, sei heute passé. Stattdessen bieten sie Unterhaltung, Gezappel, hohle Phrasen und vage Unverbindlichkeit. Dadurch tauschen sie die Autorität der vom Geist inspirierten Bibel gegen armselige und kraftlose Ersatzprodukte aus.

Auf der anderen Seite treiben die modernen Pfingst- und charismatischen Bewegungen das Pendel ins gegenteilige Extrem. Sie propagieren, dass man sich nur noch einseitig mit den vermeintlichen Manifestationen der Kraft des Heiligen Geistes befasst. Engagierte Charismatiker reden ununterbrochen von Sensationen, Emotionen und den neuesten Wellen und Phänomenen. Sie haben anscheinend vergleichsweise wenig (und manchmal nichts) über Christus zu sagen, über sein Sühneopfer oder darüber, dass es sich beim Evangelium um historische Tatsachen handelt. Dass die charismatische Bewegung sich so auf das Werk des Heiligen Geistes fixiert, ist irreführend und nicht wirklich ehrenhaft. Jesus sagt: »Wenn der Beistand gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so wird der von mir zeugen« (Joh 15,26). Wenn also eine Gemeinde den Heiligen Geist statt Christus in den Mittelpunkt ihrer Botschaft rückt, wird das wahre Werk des Heiligen Geistes dadurch untergraben.

Der »Heilige Geist«, der im Großteil der charismatischen Lehre und Praxis zu finden ist, hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem wahren Geist Gottes, wie ihn die Schrift offenbart. Der wahre Heilige Geist ist weder ein elektrisierender Stromstoß ekstatischer Energie, noch ein Schwätzer, der den Verstand durch sinnloses Geplapper betäubt, noch ein kosmischer Wunderhelfer, der alle selbstsüchtigen Wünsche nach Gesundheit und Reichtum erfüllt. Der wahre Geist Gottes lässt die Gläubigen nicht wie Hunde bellen oder wie Hyänen lachen; er lässt sie nicht passiv und bewusstlos rückwärts zu Boden fallen; er fordert sie nicht auf, Gott auf chaotische und unkontrollierte Weise »anzubeten«, und er baut Gottes Reich gewiss nicht durch Lügenpropheten, falsche Heiler und betrügerische Fernsehprediger. Die charismatische Bewegung hat einen Heiligen Geist mit ausgedachten, abgöttischen Eigenschaften erfunden und dadurch fremdes Feuer dargebracht, das dem Leib Christi in einem unermesslichen Ausmaß schadet. Obwohl sie beansprucht, den Schwerpunkt auf die dritte Person der Dreieinigkeit zu legen, hat die charismatische Bewegung in Wahrheit den Namen des Heiligen Geistes entweiht und sein wahres Werk verunglimpft.

Wenn Gott entehrt wird, schmerzt das stets jene, die ihn lieben, und lässt sie zu Recht empört sein. So rief schon David in Psalm 69,9 aus: »Denn der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.« Der Herr Jesus zitierte diesen Vers, als er den Tempel reinigte und die Geldwechsler hinauswarf, die unverschämt respektlos gegenüber dem Tempel und dem Gottesdienst waren. Auch mir liegt es schwer auf dem Herzen, mit Empörung und Eifer darauf zu reagieren, dass der Heilige Geist von vielen Charismatikern auf so entsetzliche Weise in Verruf gebracht, missbraucht und falsch dargestellt wird.

Es ist eine traurige Ironie des Schicksals, dass gerade die, die sich ihrem charismatischen Bekenntnis nach am meisten auf den Heiligen Geist ausrichten wollen, ihn am meisten missbrauchen, beleidigen, falsch darstellen, auslöschen und entehren. Und wie? Sie legen ihm Worte in den Mund, die er nicht gesagt hat, schreiben ihm Taten zu, die er nicht getan hat, Erscheinungen, die er nicht gewirkt hat, und Erfahrungen, die nichts mit ihm zu tun haben. Sie betreiben einfach Etikettenschwindel und bezeichnen Dinge mit seinem Namen, die er nicht gewirkt hat.

In den Evangelien schrieben die geistlichen Führer Israels das Werk des Geistes dem Satan zu und lästerten dadurch Gott (Mt 12,24). Die moderne charismatische Bewegung schreibt umgekehrt das Werk des Teufels dem Heiligen Geist zu. Ganze Heerscharen von Irrlehrern Satans marschieren zum Takt ihrer eigenen Gelüste und verbreiten lustig seine Irrtümer. Sie sind geistliche Schwindler, Hochstapler, Betrüger und Scharlatane. Wenn wir die »christlichen Fernsehsender « einschalten, können wir bereits eine endlose Parade von ihnen sehen. Judas nennt sie »Wolken ohne Wasser …, wilde Meereswogen, die ihre eigenen Schändlichkeiten ausschäumen; Irrsterne, denen das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit aufbewahrt ist« (Jud 12f). Sie aber behaupten, Engel des Lichts zu sein und wollen ihre Lügen glaubhaft machen, indem sie sich auf den Heiligen Geist berufen, als ob man mit dieser Art von Lästerung ungestraft davonkäme.

Die Bibel sagt klar, dass Gott als der angebetet werden muss, der er in Wahrheit (also der Bibel zufolge) ist. Niemand kann den Vater ehren, wenn er nicht den Sohn ehrt; ebenso kann man unmöglich den Vater und den Sohn ehren, während man den Geist verunehrt. Doch jeden Tag bringen Millionen Charismatiker einer offenkundig falschen Einbildung des Heiligen Geistes Lobpreis dar. Sie sind wie die Israeliten in 2. Mose 32, die Aaron nötigten, ein goldenes Kalb anzufertigen, während Mose abwesend war. Die israelitischen Götzendiener behaupteten, den Herrn zu ehren (2Mo 32,4-8), doch stattdessen beteten sie einen grotesken Abgott an und tanzten schändlich und wild darum herum (V. 25). Gottes Reaktion auf ihren Ungehorsam erfolgte rasch und hart. Noch am selben Tag tötete Gott Tausende von ihnen.

Wir können Gott nicht so gestalten, wie wir ihn gerne hätten. Wir können ihn nicht in ein Schema pressen, das unseren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht. Doch genau das tun viele Pfingstler und Charismatiker. Sie erschaffen eine eigene Goldenes-Kalb-Version des Heiligen Geistes. Sie haben ihre Theologie in das Feuer menschlicher Erfahrung geworfen und dann den falschen Geist angebetet, der dabei herauskam; und mit bizarren Possen und zügellosem Benehmen tanzen sie darum herum. Als Bewegung haben sie beharrlich die Wahrheit über den Heiligen Geist ignoriert und sich erdreistet, einen Götzengeist im Haus Gottes aufzustellen und so die dritte Person der Dreieinigkeit, den Heiligen Geist, in seinem eigenen Namen zu lästern.

 

Das trojanische Pferd des geistlichen Verderbens

Trotz ihres gravierenden theologischen Irrtums fordern Charismatiker, als Evangelikale anerkannt zu werden. Und die Evangelikalen haben sich dieser Forderung weithin gebeugt und die Charismatiker mit offenen Armen angenommen. Dadurch hat der Evangelikalismus unwissentlich einen Feind ins eigene Lager geholt. Die Tore wurden weit geöffnet, um ein trojanisches Pferd der Subjektivität, der Erfahrungstheologie, der ökumenischen Kompromisse und der Irrlehre einzulassen. Doch wer diese Kompromisse eingeht, spielt mit dem Feuer – dem fremden Feuer! – und begibt sich in große Gefahr.

Als die Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts aufkam, sahen die meisten theologisch Konservativen sie als Sekte an. Die Pfingstbewegung war weitgehend isoliert und auf sich selbst begrenzt. In den 1960er Jahren jedoch begann die Bewegung, auf andere größere Konfessionen überzuschwappen: Es gelang ihr, bei denjenigen protestantischen Kirchen Fuß zu fassen, die der liberalen Theologie anheimgefallen und bereits geistlich tot waren. Den Beginn der charismatischen Erneuerungsbewegung führt man gewöhnlich auf die St.-Mark’s-Kirche im kalifornischen Van Nuys zurück, die zum US-amerikanischen Zweig der Angelikanischen Kirche, der Episkopalkirche, gehört. Kurz vor Ostern 1960 verkündigte deren Pastor Dennis Bennett, er habe eine »Geistestaufe« empfangen. (Er gab zu, dass er und eine kleine Gruppe von Gemeindegliedern schon gewisse Zeit geheime Versammlungen abgehalten hatten, bei denen sie das Zungenreden praktizierten.)

Die Funktionäre der liberalen Episkopalkirche waren von dieser Erklärung Bennetts nicht gerade begeistert. Bennett wurde sogar kurz darauf als Pastor seiner Kirche in Van Nuys gefeuert. Er blieb jedoch Mitglied der Episkopalkirche und wurde schließlich zum Rektor einer liberalen, geistlich komatösen Stadtgemeinde in Seattle berufen. Als Bennett kam, begann diese Gemeinde sofort zu wachsen, und Bennetts Neo-Pfingstbewegung fing an, sich schrittweise auszubreiten und in zahlreichen anderen geistlich ausgedörrten Gemeinden Fuß zu fassen. Gegen Ende der 1960er Jahre nahmen viele verzweifelte und im Sterben begriffene Mainstream-Kirchen rund um die Welt die charismatische Lehre an und erfuhren infolge dessen ein starkes zahlenmäßiges Wachstum.

Die Betonung der Pfingstbewegung auf Emotionen und Erfahrungen entfachte in diesen zuvor stagnierenden Gemeinden ein Feuer und während der 1970er Jahre gewann die charismatische Erneuerungsbewegung an Dynamik. In den 1980er Jahren begannen zwei Professoren am Fuller Theological Seminary – diese einflussreiche evangelikale Ausbildungsstätte hatte Anfang der 1970er Jahre ihre Verpflichtung auf die Irrtumslosigkeit der Bibel aufgegeben –, charismatisches Gedankengut in ihrem Unterricht zu verbreiten. Das Ergebnis wurde als »die dritte Welle des Heiligen Geistes« bekannt, da die pfingstlerische und charismatische Theologie jetzt die Evangelikalen und die unabhängigen Gemeinden zu infiltrieren begann.

Die Folgen dieser charismatischen Übernahme waren verheerend. Keine andere Bewegung der jüngeren Kirchengeschichte hat der Sache des Evangeliums mehr geschadet, die Wahrheit mehr verdreht und gesunde Lehre mehr unterdrückt. Die charismatische Theologie hat die evangelikale Gemeindelandschaft in eine Kloake des Irrtums und in einen Nährboden für Irrlehrer verwandelt. Sie hat echte Anbetung durch ungezügelte Gefühlsduselei entstellt, Gebet durch leeres Geschwätz verunreinigt, wahres geistliches Leben durch unbiblische Mystik verseucht und den Glauben zerstört, indem sie ihn zu einer schöpferischen Kraft erklärt hat, die weltliche Wünsche durch angebliche Machtworte verwirklichen könne. Die charismatische Bewegung hat das geistliche Immunsystem der Gemeinde zerstört: Sie hat die Erfahrung als Autorität über die Schrift erhoben und somit freien Zugang für jede denkbare falsche Lehre und Praxis gewährt, ohne dass sie kritisch hinterfragt werden dürfen.

Einfach gesagt: Die charismatische Theologie hat nichts zu wahrhaft biblischer Theologie beigetragen; vielmehr ist sie eine gefährliche Mutation der Wahrheit. Wie ein tödlicher Virus befällt sie die Gemeinde und hält sie äußerlich durch gewisse Merkmale biblischen Christentums am Leben, doch letzten Endes verdirbt und verdreht sie stets die gesunde Lehre. Was resultiert ist eine Art theologisches Frankenstein-Monster, eine fratzenhafte Kreuzung von Häresie, Ekstase und Blasphemie, die sich mehr schlecht als recht mit den zerfledderten Überresten biblischer Begrifflichkeiten verkleidet. Sie nennt sich »christlich«, ist aber in Wahrheit eine Fälschung – eine falsche Form der Frömmigkeit, die sich ständig verwandelt, während sie in einer Abwärtsspirale von einem Irrtum zum nächsten taumelt.

Frühere Generationen hätten die pfingstlich-charismatische Bewegung als Irrlehre bezeichnet. Stattdessen ist sie jetzt die dominanteste, aggressivste und prominenteste Strömung der sogenannten Weltchristenheit. Sie beansprucht, die reinste und kraftvollste Form des Evangeliums zu vertreten, verkündigt aber vorwiegend ein Heilungs- und Wohlstandsevangelium – eine Botschaft, die mit der Guten Nachricht der Schrift unvereinbar ist. Sie droht allen, die ihrer Lehre widerstehen, mit dem Vorwurf, sie würden den Heiligen Geist betrüben, dämpfen, ihm widerstehen, ja sogar ihn lästern; doch keine andere Bewegung zieht seinen Namen tiefer, häufiger oder dreister in den Schmutz als sie selbst.

Die unglaubliche Ironie dabei ist: Gerade die, die am meisten vom Heiligen Geist reden, leugnen gewöhnlich sein wahres Werk. Sie schreiben ihm menschliche Torheiten aller Art zu, während sie ignorieren, worin die wahre Absicht und Kraft des Heiligen Geistes bestehen: Sünder vom Tod zu erretten; ihnen ewiges Leben zu geben; ihr Herz zu erneuern; ihr Wesen zu verwandeln; sie zu geistlichem Sieg zu befähigen; sie zu vergewissern, dass sie zur Familie Gottes gehören; für sie gemäß Gottes Willen einzutreten; sie sicher bis zu ihrer ewigen Verherrlichung zu versiegeln und ihnen zu zuzusichern, sie künftig unsterblich aufzuerwecken.

Eine verdrehte Vorstellung vom Heiligen Geist und seinem Wirken zu verkündigen ist nichts weniger als Gotteslästerung, denn der Heilige Geist ist Gott. Ihm gebührt die gleiche Ehre wie Gott dem Vater und dem Sohn; seine Werke sind genauso zu rühmen wie die Werke des Vaters und des Sohnes. Die Gläubigen, in denen er wohnt, müssen ihn lieben und ihm danken. Doch dazu müssen sie Gott durch ihn in Wahrheit anbeten.

 

Was sollen wir nun hier zu sagen?

Es ist höchste Zeit für die Bibeltreuen, Stellung zu beziehen und wieder eine gesunde Lehre von der Person und dem Wirken des Heiligen Geistes in den Blickpunkt zu rücken. Die geistliche Gesundheit der Gemeinde steht auf dem Spiel! In den letzten Jahrzehnten hat die charismatische Bewegung die Evangelikalen unterwandert und sich weltweit explosionsartig verbreitet. Sie ist die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung der Welt. Mittlerweile gibt es mehr als eine halbe Milliarde Charismatiker weltweit. Doch das Evangelium, das diese wachsenden Massen antreibt, ist nicht das wahre Evangelium, und der Geist, der dahinter steht, ist nicht der Heilige Geist. Was wir hier sehen, ist in Wahrheit das explosionsartige Wachstum einer falschen Gemeinde, die ebenso gefährlich ist wie jede andere Sekte oder Irrlehre der Kirchengeschichte. Die charismatische Bewegung war von Anfang an eine Farce und Fälschung; und sie hat sich nicht in etwas Gutes verwandelt.

Es ist an der Zeit, dass die wahre Gemeinde darauf reagiert. Wenn wir heute beanspruchen, dass das biblische Evangelium wieder neu an Aufschwung gewinnt und die Solae der Reformation wieder neu im Blickpunkt stehen, dann können wir der charismatischen Bewegung unmöglich tatenlos zusehen. Wer der Schrift treu ergeben ist, muss aufstehen und alles verurteilen, was Gottes Ehre angreift. Wir sind verpflichtet, die biblische Lehre über den Heiligen Geist mutig zu verteidigen und dazu die Wahrheit messerscharf anzuwenden. Wenn wir beanspruchen, Nachfolger der Reformatoren zu sein, müssen wir auch dasselbe Maß an Mut und Überzeugung an den Tag legen wie sie und entschieden für den Glauben kämpfen. Es muss eine geschlossene Front gegen den um sich greifenden Missbrauch des Geistes Gottes gebildet werden. Dieses Buch ist ein Aufruf, sich dieser Front anzuschließen – um der Ehre Gottes willen.

Ich hoffe außerdem, den Leser durch dieses Buch daran zu erinnern, wie der wahre Dienst des Heiligen Geistes aussieht. Er wirkt nicht spektakulär, schrill und showmäßig wie ein Zirkus, sondern in der Regel still und unscheinbar – so, wie Frucht heranreift. Wir können nicht oft genug daran erinnert werden, dass das Werk des Heiligen Geistes in erster Linie darin besteht, Christus zu erhohen, insbesondere um Gottes Volk dazu zu bewegen, Christus zu ruhmen. Der Geist tut dies auf einzigartige, persönliche Weise vor allem dadurch, dass er uns zurechtweist und überführt – d. h. dass er uns unsere Sünden aufzeigt, die Augen für wahre Gerechtigkeit öffnet und uns zutiefst unserer Verantwortung vor Gott, dem gerechten Richter aller Menschen (Joh 16,8-11) bewusst macht. Der Heilige Geist wohnt in uns Gläubigen und befähigt uns, Christus zu dienen und ihn zu verherrlichen (Röm 8,9). Er führt uns und gibt uns Heilsgewissheit (V. 14-16). Er betet für uns mit unaussprechlichen Seufzern (V. 26). Er versiegelt uns, d. h. bewahrt uns sicher in Christus (Eph 4,30; 2Kor 1,22). Die tägliche Gegenwart des Geistes ist die Quelle und das Geheimnis unserer Heiligung, da er uns in das Ebenbild Christi verwandelt.

Das ist, was der Heilige Geist tatsächlich auch heute noch in der Gemeinde wirkt. Es ist nichts Verwirrendes, Bizarres oder Irrationales daran, mit dem Geist erfüllt oder von ihm geführt zu werden. Sein Werk besteht nicht darin, ein Spektakel zu erregen oder Chaos zu stiften. Vielmehr können wir sicher sein: Wo immer wir so etwas sehen, ist das nicht das Werk des Heiligen Geistes, »denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens … Alles geschehe anständig und in Ordnung« (1Kor 14,33.40). Was der Geist Gottes hingegen tatsachlich hervorbringt, ist Frucht: »Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Gegen diese ist das Gesetz nicht gerichtet« (Gal 5,22-23).

Mein Gebet ist, dass der Heilige Geist Ihnen beim Lesen dieses Buches ein klares Verständnis davon geben möge, wie sein wahrer Dienst an Ihnen persönlich aussieht, dass Sie eine biblische Sicht über den Heiligen Geist und seine Gaben gewinnen und dass Sie sich nicht durch die zahlreichen falschen Geistesgaben, Irrlehren und unechten Wunder betrügen lassen, die heute um unsere Aufmerksamkeit wetteifern.

Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre!


 


Quellangabe: Fremdes Feuer, John MacArthur, S. 7-18 erschienen im Betanien Verlag ©
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags



 

     Das Buch ist übrigens sehr zu empfehlen
 

Nach oben