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Liebt eure Feinde

08.06.2018

 

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, was habt ihr für einen Lohn? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?  Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Machen es nicht auch die Zöllner ebenso? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist! (Matthäus 5,43-48).

Bei der Aussage: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“, stoßen wir einmal mehr auf eine Vermischung zwischen dem, was das Gesetz tatsächlich gelehrt hat, und dem, was die Schriftgelehrten und Pharisäer daraus abgeleitet haben. John MacArthur kommentiert: Die erste Hälfte dieser Aussage stammt aus dem mosaischen Gesetz (3.Mo 19,18); der zweite Teil ist die Erklärung und Anwendung dieses alttestamentlichen Gebots durch die Schriftgelehrten und Pharisäer. Jesu Anwendung war genau entgegengesetzt und führte zu einem höheren Maßstab: Nächstenliebe sollte auch solchen Nächsten gelten, die Feinde sind. 1

Interessant ist, dass Jesus selbst an dieser Stelle keine neue Lehre einführt, sondern dass wir die Aufforderung zur Feindesliebe bereits im Alten Testament vorfinden. In Sprüche lesen wir dazu: Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser, denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der HERR wird dir's vergelten (Spr 25,21-22).  Diese Bibelstelle ist aber nicht nur ein Beleg dafür, dass bereits das Alte Testament Feindesliebe lehrt, sondern zeigt zugleich, dass die Liebe, von der in der Schrift die Rede ist, immer praktischer Natur ist. Es geht nicht nur darum positive Gefühle zu entwickeln, sondern um aktive Handlungen. Genau dieses Prinzip, ist bereits in den Büchern Mose verankert, wo es zum Beispiel heißt: Wenn du dem Rind oder Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zuführen (2.Mo 23,4). Ebenso wird bereits im Alten Testament vor Schadenfreude gewarnt, indem gesagt wird: Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück (Spr 24,17). 

Jesus verdeutlicht also auch in diesem letzten Beispiel, den Geist des Gesetzes, indem ER aufzeigt, worauf die Gebote Gottes abzielen, und das ist, dass sich unsere Liebe zu Gott, in unserer Liebe zu unserem Nächsten zeigen soll. Entsprechend schreibt der Apostel Johannes: Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat (1.Joh 4,20). Doch er kommt nicht nur zu diesem Schluss, sondern macht auch deutlich, was wir bereits anhand der alttestamentlichen Texte feststellen konnten, nämlich, dass sich die Liebe, um die es im Wort Gottes geht, auch praktisch auswirken muss; entsprechend schreibt der Apostel im selben Brief: Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm? Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit (1.Joh 3,17-18). Dieselbe Wahrheit finden wir auch im Jakobusbrief, wo gesagt wird: Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester dürftig gekleidet ist und der täglichen Nahrung entbehrt, aber jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige, was nützt es? (Jak 2,15-16).

Wenn wir diese praktische, handelnde Sichtweise auf das Gebot der Nächstenliebe anwenden, dann wird deutlich, dass die Aufforderung, unseren Nächsten so zu lieben, wie uns selbst, falsch gedeutet wird, wenn man daraus den Schluss zieht, als würde dieses Gebot uns zur Selbstliebe aufrufen. Das Wort Gottes ruft uns nicht zur Selbstliebe auf, sondern setzt diese als naturgegeben voraus. Wenn uns etwas in die Wiege gelegt ist, dann ist es die Liebe zu uns selbst, von daher ist es in der Regel nicht der Mangel an Selbstliebe, der uns zu schaffen macht, sondern, und darauf möchte ich bei der Anwendung noch einmal zurückkommen, eine überzogene Selbstliebe; was im Übrigen auch über die Menschen der Endzeit prophezeit wurde (vgl. 2.Tim 3,2). Beachten wir, die Lehre der Schrift besagt: Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst; sondern er nährt und pflegt es wie auch Christus die Gemeinde (Eph 5,29). Beim Gebot der Nächstenliebe, das sogar die Liebe zu unseren Feinden umfasst, geht es nicht nur um warme Gefühl oder darum, nur nette Worte auszusprechen, sondern um einen Blick, für die Nöte anderer. Wer ist denn der Mensch, um den wir diesbezüglich am meisten besorgt sind, ist es nicht so, dass wir hier zu aller erst an uns selbst denken? Das Gebot der Nächstenliebe legt uns genau dies als Maßstab für unsere Liebe zum Nächsten vor. Der Punkt ist doch, den Hunger, den ein anderer Mensch verspürt, erfahre ich nicht am eigenen Leib, ebenso verhält es sich mit der Kälte, der ein anderer ausgesetzt ist. Es ist doch ein gravierender Unterschied, ob wir selbst frieren oder ob es unser Nächster ist, der schlottert, weil er keine geeignete Kleidung hat. Erfahren wir die Kälte am eigenen Leib, was wird wohl unsere erste Anschaffung sein?

Ist hier etwa ein Gebot notwendig, das uns lehrt, dass wir uns eine Winterjacke kaufen sollen? Dasselbe gilt auch, wenn mein Magen knurrt oder wenn ich Durst habe, auch hier muss mich niemand dazu auffordern, dass ich mir etwas zu essen oder zu trinken kaufe. Und ebenso verhält es sich, wenn es um meine Gesundheit geht, für wen kaufe ich wohl dann Medikamente, wessen Wunden werde ich wohl als erstes versorgen? Das ist der Gedanke, der hinter diesem Gebot steht, es geht um eine handelnde, praktische Liebe. So selbstverständlich, wie wir um unser eigenes Wohl besorgt sind, sollten wir der Not unseres Nächsten begegnen. Denken wir an das Beispiel des barmherzigen Samariters, er sprach nicht nur ein Gebet für den verwundeten Mann, sondern er leistete ihm praktische Hilfe. Tatsächlich lehrt Jesus nicht, dass wir unser Selbst hegen, pflegen und streicheln sollen, sondern ruft zur Selbstverleugnung auf. Seine Aufforderung zur Feindesliebe ist nicht umsetzbar, wenn wir nicht bereit sind, uns selbst verleugnen.

Wenn Jesus uns auffordert: „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid“, müssen wir Sein Wort über unsere Gefühle stellen. Wobei es auch zu beachten gilt, dass es nicht darum geht, durch dieses Verhalten zu Kindern Gottes zu werden, sondern vielmehr, dass wir uns dadurch als Kinder unseres himmlischen Vaters erweisen sollen. Wir können dies natürlich nicht aus eigener Kraft, sondern nur in der engen Verbindung mit Jesus. Nur ER kann diese übernatürliche Liebe in uns bewirken. Und es besteht kein Zweifel, wenn wir uns nach dieser Liebe sehnen, wird ER sie uns schenken. Denn wie könnte Gott der Vater mehr geehrt werden, als dass Seine Kinder ihren Mitmenschen diese Liebe erweisen? -Wenn uns dieselben Eigenschaften auszeichnen, die unser himmlischer Vater aufzuweisen hat?

Es ist genau diese unbegreifliche Liebe, die Jesus uns vor Augen stellt, indem ER an das Handeln Gottes mit dem undankbaren Menschengeschlecht erinnert und dabei folgendes festhält: „Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte“. Darauf aufbauend, konfrontiert ER uns mit der logischen Frage: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe?“ Worauf die Aufforderung: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“, folgt. Hier sehen wir nicht nur, dass sich die umfassende Liebe Gottes, selbst über Seine Feinde erstreckt, sondern werden unweigerlich auch daran erinnert, dass wir selbst bereits von IHM geliebt wurden, als wir noch Seine Feinde waren. Römer 5,10 sagt diesbezüglich: Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.

Hätte Gott nicht die Eigenschaft, selbst jene zu lieben, die IHM mit Undankbarkeit und Hass begegnen, hätte ER niemals das Kostbarste gegeben, was ER überhaupt geben konnte, und das war Sein geliebter Sohn. Vor diesem Hintergrund müssen wir das Gebot der Feindesliebe sehen, Gott fordert niemals mehr von uns, als das, wozu ER nicht auch selbst bereit wäre. Ebenso ist es bei unserem HERRN, der für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (vgl. Röm 5,8). Diese unbegreifliche Liebe, durch die wir selbst getragen werden, gilt es mit anderen Menschen zu teilen. Aus diesem Grund sollte unsere Liebe zu unseren Mitmenschen wie folgt beschaffen sein: Selbstlos, unparteiisch und unbeeinflusst von jeder Hoffnung auf Wiederliebe. Sie sollte sich durch Selbstaufopferung und Selbstverleugnung beweisen. Sie sollte Freundlichkeit erweisen und Streit vermeiden, vieles Aufgeben und erdulden. Sie sollte sogar lieber auf Rechte verzichten und dem Übel nicht widerstehen, als zornige Leidenschaften erwecken und Streitigkeiten hervorzurufen.

Und wie bereits gesagt, Jesus fordert von Seinen Nachfolgern nicht mehr, als das was ER selbst für sie getan hat. Vergessen wir nie, was für ein unermessliches Vorrecht es ist, ein Kind Gottes zu sein und machen wir uns immer wieder bewusst, dass wir nicht zu einem Schleuderpreis erkauft wurden, sondern durch das kostbare Blut eines makellosen und unbefleckten Lammes (vgl. 1.Petr 1,19). Alles Geld dieser Welt, kann nicht aufwiegen, was durch dieses unbegreifliche Opfer geschah. Vergessen wir nie, wie reich wir beschenkt wurden und verlieren wir es nie aus dem Blick, dass unser himmlischer Vater ein aufrichtiges Wohlwollen gegenüber allen Seinen Geschöpfen hat, was wir darin sehen, dass ER alle Menschen an Seinen allgemeinen Segnungen teilhaben lässt, selbst die undankbarsten Gotteslästerer, werden jede Sekunde ihres Lebens mit Sauerstoff versorgt, auch sie verdanken jeden einzelnen Atemzug und jede Sekunde ihres Lebens allein der Güte Gottes. Wahrlich es stimmt: Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke (Ps 145,9). Bezüglich dieser unbegreiflichen Güte Gottes, hat J.C. Ryle folgende Zeilen verfasst: Das Ausmaß der nicht erwiderten Barmherzigkeit, die er den Menschenkindern erweist, kann nie berechnet werden. Jedes Jahr gießt er Segnungen auf Millionen von Menschen aus, welche die Hand, aus der sie kommen, nicht ehren oder ihrem Geber dafür danken. Und so schenkt er jedes Jahr weiter diese irdischen Segnungen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1.Mose 8,22). 3

Wenn wir uns als Seine Kinder erweisen wollen, dann, so Jesus, müssen wir uns an unserem himmlischen Vater orientierten, der Seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Die praktische Umsetzung dessen, ist, dass wir uns nicht am Maßstab dieser Welt orientieren, wo Böses mit Bösen vergolten wird, sondern unser Leben am Wort Gottes ausrichten, das uns lehrt, selbst unsere Feinde zu lieben, indem wir ihnen Gutes erweisen. „Bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid!“, lautet das Argument unseres HERRN. Nur so können wir uns von der Welt abheben, nur so kann sichtbar werden, dass wirklich Gottes Geist in unserem Herzen regiert. Alles andere entspricht dem Geist dieser Welt, wo das Prinzip: „Wie du mir, so ich dir!“ im Positiven wie im Negativen gilt. Für Gläubige hingegen, gilt die goldene Regel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). Wir sollen also nicht das Verhalten anderer zum Maßstab nehmen, sondern uns ihnen gegenüber so verhalten, wie wir selbst es uns wünschen würden. Martyn Lloyd-Jones erklärt: Das ganze Geheimnis, ein solches Leben zu leben, ist, völlig distanziert zu sein, und zwar distanziert in dem Sinne, dass man nicht mehr von dem bestimmt wird, was anderes tun. Was aber noch wichtiger ist, man muss sich sogar von sich selbst distanzieren, denn solange wir uns nicht von uns selber gelöst haben, werden wir auch immer von dem bestimmt werden, was uns von anderen widerfährt. Solange ein Mensch nur für sich selbst lebt, ist er empfindlich, ängstlich und eifersüchtig; er ist neidisch und reagiert daher sofort auf das, was andere ihm antun. 3

Entsprechend fordert Jesus von uns, Nachsicht und Geduld, selbst mit unseren Feinden, was wie eingangs gesehen, selbst das Erdulden von Beleidigungen und Verletzungen beinhaltet. Anstatt mit aller Gewalt auf das eigene Recht zu pochen, besagt die Lehre der Schrift, dass wir lieber auf unsere legitimen Rechte verzichten sollen. Diese Lektion finden wir auch im Römerbrief, wo der Apostel Paulus folgendes schreibt: Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid auf das bedacht, was in den Augen aller Menschen gut ist. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn [Gottes]; denn es steht geschrieben: »Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr«. »Wenn nun dein Feind Hunger hat, so gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, dann gib ihm zu trinken! Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.« Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute! (Röm 12,17-21).

Kommen wir nun zur Anwendung dieser Lehre und somit zur Frage führt, wie wir dies in unserem Leben umsetzen können? Der entscheidende Punkt hierbei ist, dass sich diese Lehre, wie bereits erwähnt, völlig gegen unsere menschliche Natur und somit gegen unser Ich richtet. Die Summe dessen, was Jesus in diesem kurzen Abschnitt lehrt, ist Selbstverleugnung. Wenn wir das wahrnehmen, ist klar wo wir beginnen müssen. Wir müssen darauf achten, dass unser HERR im Zentrum unseres Lebens ist. Anstatt zuzulassen, dass unsere Gedanken ständig um uns selbst und somit um unsere eigene Ehre kreisen, müssen wir sie vom Geist Gottes prägen und bestimmen lassen. Konkret fängt es damit an, dass wir uns dem Problem der Selbstsucht und Ichbezogenheit stellen müssen. Unsere Schwierigkeit ist unser Ego und der ständige Drang, unter allen Umständen, gut dastehen zu wollen. Ich möchte dazu ein Zitat von Martyn Lloyd-Jones weitergeben, der hierzu folgenden Rat erteilt hat: Immer dann, wenn sich ein Geist der Selbstverteidigung regt oder Ärger in uns hochsteigt oder ich meine, mich beklagen zu müssen, weil ich verletzt wurde und mir Unrecht zugefügt wurde und ich dann diesen natürlichen Verteidigungstrieb in mir verspüre, dann muss ich mich ehrlich folgenden Fragen stellen: Geht es mir nur um mich selbst? Regt sich da mal wieder diese schreckliche, miese Ichbezogenheit, dieses Um-Sich-Selbst-Drehen? Ist es dieser krankhafte Zustand, in den ich geraten bin? Ist es vielleicht nur ungesunder und unerquicklicher Hochmut? 4

Es ist wichtig, dass wir uns an diesem Punkt prüfen, weil wir nicht zulassen dürfen, dass wir von unserem ICH beherrscht und kontrolliert werden. Wenn wir unser Leben diesbezüglich durchleuchten, werden wir bei vielen Motiven und Beweggründen erkennen, dass unser Tun und Handeln darauf ausgerichtet ist, andere zu beeindrucken. Genau wie damals die Schriftgelehrten und Pharisäer, wollen auch wir unter allen Umständen vor anderen gut dastehen und haben fast schon den zwanghaften drang, uns ständig rechtfertigen und verteidigen zu müssen. Unter keinen Umständen darf uns ein Zacken aus der Krone fallen, wehe wir werden einmal nicht gegrüßt oder ausreichend beachtet. Hätten wir nur halb so viel Eifer für die Ehre Gottes, als für unsere eigene Ehre, wie eifrig und leidenschaftlich würden wir wohl das Evangelium verteidigen? Bei all der Besorgnis, dass uns auch ja von allen die Ehre und Aufmerksam zuteilwird, von der wir glauben, dass sie uns zusteht, nehmen wir nicht wahr, dass unsere Gedanken dabei ständig um unser Ich kreisen und merken nicht, dass sich genau darin unser größtes Problem verbirgt. Einmal mehr möchte ich auf wertvolle Gedanken von Martyn Lloyd-Jones zurückgreifen, wodurch uns folgende Überlegung nahelegt wird: Überdenken Sie nur die Vergangene Woche. Rufen sie sich die Dinge ins Bewusstsein zurück, die Augenblicke des Unglücklichseins und der Spannung, die Reizbarkeit und die schlechte Laune, die sie getan und gesagt haben und derer Sie sich jetzt schämen, das, was sie beunruhigt und aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Betrachten Sie einen Umstand nach dem anderen. Sie werden überrascht sein, wie sich fast alles auf diesen einen Nenner bringen lässt: das ICH und dessen Empfindlichkeit und sein Drang, beachtet zu werden. Das alles steht außer Frage, Das eigene Ich ist die Hauptursache für allen Kummer im Leben. 5

Wenn wir vor diesem Hintergrund die Einladung aus Matthäus 11,29 sehen, wo unser HERR sprach: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,29), erkennen wir, dass unsere Seele weder durch Verletzlichkeit, Reizbarkeit, Groll oder Bitterkeit zur Ruhe findet, sondern durch Sanftmut und Demut. Lassen wir also nicht zu, dass unser Herz von Bitterkeit und Rachsucht regiert wird (vgl. Hebr 12,15; Röm 12,19), machen wir uns nicht selbst zum Richter über unsere Feinde, sondern überlassen wir das Gericht unserem himmlischen Vater. Seien wir hierin getrost, wie einst Jeremia, der zum HERRN sagte: „Du hast, Herr, meinen Rechtsstreit geführt, hast mein Leben erlöst“ (Kla 3,58), und vergessen wir nie, dass wir die Erlösten des HERRN sind, denen nicht aufgetragen wurde, andere zu verwünschen oder zu verfluchen, sondern denen gesagt ist: „Segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen“. Denken wir dabei immer an unseren HERRN, der unter den qualvollen Schmerzen, die ER am Kreuz zu erdulden hatte, für Seine Peiniger gebetet hat: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Möge diese Gesinnung in uns sein, denn je mehr dies der Fall ist, kommen wir dem Endziel der christlichen Lehre (vgl. Röm,13,10; 1.Tim 1,5) und somit dem Ziel unseres Glaubens näher, das darin besteht, mehr und mehr in das Bild unseres HERRN verwandelt zu werden (vgl. Phil 3,10; 2.Kor 3,18). 

 

Quellangaben
1. John MacArthur – Studienbibel, S.1314
2. J.C. Ryle - Lukas Band 2, S. 22
3. Martyn Lloyd-Jones – Bergpredigt Band 1. S.361
4. Ebd. S.350
5. Ebd. S.351

 


 

Dies war ein Auszug aus einer mehrteiligen Wortbetrachtung über Matthäus 5,20-48. Wer Interesse hat, findet nachfolgend den Link zum Download des kompletten Beitrags:

 

 

www.evangeliums-botschaft.de

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