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Eli, ein halbherziger Priester - Georg Walter

22.10.2016

Männer wie der Priester Eli gab es nicht nur zur Zeit des Alten Bundes, sondern es gibt sie zu allen Zeiten. Eli war ein Mann, der viele Kompromisse machte und der nur zögerlich seine Stimme angesichts großer Missstände erhob. Das Ende, das er und sein Haus nahm, sollte allen, die in gleicher Weise handeln, ein warnendes Beispiel sein.

Eli war Zeitgenosse von Elkana und seinen beiden Frauen Hanna und Peninna. Während Peninna mit Nachkommen gesegnet wurde, blieb Hannas Mutterleib anfänglich verschlossen, was ihr viel Herzensleid bereitete. „Sie war in der Seele verbittert, und sie betete zu dem HERRN und weinte sehr“ (1Sam 1,10). Es wird berichtet, dass Hanna lange betete, indem sie ihre Lippen bewegte, ohne einen Laut hervorzubringen. Eli, der ihr Tun beobachtete, sprach zu ihr: „Bis wann willst du dich wie eine Betrunkene gebärden? Tu deinen Wein von dir!“ (1Sam 1,14). Dies erhellt einen der Charakterzüge Elis. Er war nicht in der Lage, das Tun Hannas in rechter Weise einzuschätzen.

Doch Hanna verteidigte sich gegenüber Eli und erwiderte: „Halte deine Magd nicht für eine Tochter Belials“ (1Sam 1,16). Erst nachdem Hanna Eli einen Einblick in ihre Lebensumstände verschafft hatte, sprach Eli zu ihr: „Geh hin in Frieden; und der Gott Israels gewähre deine Bitte, die du von ihm erbeten hast!“ (1Sam 1,17).

Eli war ein Mann, der reagierte, statt zu agieren. Wie viele Elis gibt es heute in unseren Gemeinden, die statt zu agieren, immer nur reagieren. Wer geistliche Prinzipien hat und danach handelt, ist eine Person, die geistlich agiert. Wer hingegen immer nur auf die Anliegen der Personen in der Gemeinde reagiert, ist menschengefällig. Vieles, was Eli tat, spiegelt diesen Mangel, Gott gefallen zu wollen, wider.

Vordergründig war an Elis Segensworten, die er über Hanna aussprach, nichts auszusetzen. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass Gott ihn noch als Werkzeug benutzte, obschon er in seiner Gesinnung längst nicht mehr rein oder klar war. Es könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass Eli zwar die richtigen Worte sagte, aber dies nur aus äußerer Frömmigkeit heraus. Schließlich war er lange genug Priester, um die richtigen Worte formulieren zu können.

Gott greift in die Situation Hannas ein. Sie gebar Samuel und brachte ihn nach der Sitte des jüdischen Volkes vor den Priester Eli mit den Worten: „Um diesen Knaben habe ich gebetet, und der HERR hat mir meine Bitte gewährt, die ich von ihm erbeten habe“ (1Sam 1,27). Diese Worte Hannas mag man als Beweis deuten, dass es nicht der Segen Elis war, der erhört wurde, sondern allein die Gebete Hannas. Wenn dem so ist, dann wären Elis Worte leer und kraftlos gewesen, und Hannas Worte voller Glauben und Kraft. Die Elis in unseren Gemeinden mögen die richtigen Worte aussprechen, und doch mag es ihnen an Kraft ermangeln.

„Und die Söhne Elis waren Söhne Belials, sie kannten den HERRN nicht“ (1Sam 2,12). Es scheint fast eine Ironie der Geschichte zu sein, dass ausgerechnet die Söhne Elis als „Söhne Belials“ bezeichnet werden, war es doch Eli, der Hanna für „eine Tochter Belials“ gehalten hatte. Die Söhne Elis handelten nicht nach den Vorschriften, wie sie Mose überliefert hatte. Sie handelten mit den Opfergaben, die die Israeliten ihnen brachten, nach ihrem eigenen Gutdünken und bereicherten sich selbst.

Dies führte dazu, dass „die Sünde der Jünglinge vor dem HERRN sehr groß war; denn die Leute verachteten die Opfergabe des HERRN“ (1Sam 2,17). Priester waren Vorbilder des Volkes, und verhielten sie sich lässig in Bezug auf die Opfer und das Wort des Herrn, folgte das Volk ihrem Beispiel und versündigte sich ebenfalls. Besonders in Gemeinden, die von Familienverbänden geleitet werden, ist diese Gefahr groß. Wenn die Elis und ihre Söhne in solchen Gemeinden das Opfer Christi und Gottes heiliges Wort geringschätzen, schaden sie nicht nur sich selbst, sondern sie reißen die Glieder der Gemeinde mit sich.

Dennoch bereitete sich Gott inmitten all diesen Verfalls Samuel zu. „Und Samuel diente vor dem Herrn“ (1Sam 2,18). Diese Worte sind tröstend, denn sie zeigen, dass Gott selbst im religiösen Abfall stets Männer und Frauen Gottes zubereitet und sendet, die Gottes Wort ohne Kompromisse und Gottes Wahrheit in Treue verkünden.

Die Schrift berichtet in erschütternder Weise, was aus Eli und seinen Söhnen wurde. „Und Eli war sehr alt; und er hörte alles, was seine Söhne ganz Israel taten, und dass sie bei den Frauen lagen, die sich scharten am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft“ (1Sam 2,22). Eli tadelt seine Söhne, und wir erinnern uns, dass die Schrift davon spricht, dass Eli „sehr alt war“. Zu lange hatte er mit seinem Tadel gewartet. Dass die Situation mittlerweile aussichtslos geworden war, zeigen die folgenden Worte: „Aber sie hörten nicht auf die Stimme ihres Vaters, denn der HERR war willens, sie zu töten“ (1Sam 2,25). Während die Bosheit unter den Söhnen Elis und dem Volk zunahm und das drohende Gericht nahte, rüstete Gott Samuel zu seinem Dienst zu. „Und der Knabe Samuel wurde immer größer und angenehmer, sowohl bei dem HERRN als auch bei den Menschen“ (1Sam 2,26).

Wie so oft in der Geschichte Israels sendet Gott seinen Propheten, der Eli Gottes Botschaft überbrachte: „Siehe, Tage kommen, da werde ich deinen Arm und den Arm des Hauses deines Vaters abhauen, dass es keinen Greis mehr in deinem Haus geben wird. Und du wirst einen Bedränger in der Wohnung1 sehen, in allem, was er Gutes tun wird an Israel; und es wird keinen Greis mehr in deinem Haus geben alle Tage. Und der Mann, den ich dir nicht ausrotten werde von meinem Altar, wird zum Erlöschen deiner Augen und zum Verschmachten deiner Seele sein; und aller Nachwuchs deines Hauses, sie sollen als Männer sterben. Und dies soll dir das Zeichen sein, das über deine beiden Söhne kommen wird, über Hophni und Pinehas: An einem Tag sollen sie beide sterben“ (1Sam 2,31-34).

„Und das Wort des HERRN war selten in jenen Tagen“ (1Sam 3,1). Leben wir heute nicht wieder in solchen Tagen, in denen das wahre Evangelium selten geworden ist? Wenn Menschen nur noch das Wohlstandsevangelium hören wollen, statt das Wort des HERRN, dann ist es an der Zeit, dass die Samuels aufstehen und im Namen des lebendigen Gottes den ganzen Ratschluss des Herrn herolden. Von Eli heißt es, dass „seine Augen aber begonnen hatten, schwach zu werden, er konnte nicht sehen“ (1Sam 3,2). Es mag sein, dass die Schrift von den äußeren Augen spricht. Doch waren nicht auch die inneren Augen des Herzens schon lange in einem Prozess, in dem Eli seine geistliche Sehkraft einbüßte?

Während Elis Tage gezählt waren, hielt sich Samuel bei der Bundeslade auf und diente dem Herrn. Alle wahren Diener Gottes verweilen nahe beim Wort und dienen dem Herrn unablässig. Wo war Eli? War er mit seiner frommen Routine zu sehr beschäftigt, um sich Gottes Wort und Gebet zu widmen. „Da sprach der HERR zu Samuel: Siehe, ich will eine Sache tun in Israel, dass jedem, der sie hört, seine beiden Ohren gellen sollen. An jenem Tag werde ich gegen Eli alles ausführen, was ich über sein Haus geredet habe: Ich werde beginnen und vollenden“ (1Sam 3,11-12). Der junge Samuel empfing Gottes Wort und sollte es Eli weitersagen.

Samuel scheut sich zunächst, alle Worte, die der Herr geredet hatte, Eli zu sagen. Doch schließlich ist er gehorsam und sagt Eli alles, was Gott zu ihm gesprochen hatte, und so heißt es dann im Text: „Da teilte ihm Samuel alle Worte mit und verhehlte ihm nichts. Und er sprach: Er ist der HERR; er tue, was gut ist in seinen Augen“ (1Sam 3,18).
Obwohl Eli gegenüber seinen Söhnen nicht konsequent war, muss man ihm zugutehalten, dass er den Bundesgott Israels als uneingeschränkten und absoluten Herrscher über sein Leben anerkannte. Denn erstens bekannte er: „Er ist der HERR“ und zweitens sprach er: „Er tue, was gut ist in seinen Augen.“ Alles, was sich ereignen sollte, war in Gottes Hand und Eli war bereit sich darunter zu stellen. Selbst vor dem drohenden Gericht über sein eigenes Haus konnte er sich beugen.
Dies lässt den Schluss zu, dass er dem Gesetz des Herrn von Herzen zustimmte, sein Problem war, dass er nicht
mit ungeteiltem Herzen danach lebte. Genau dieses Dilemma beschreibt der Apostel Paulus mit folgenden Worten: Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist (Röm 7,23-24).

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Als sich die Philister aufmachten, um gegen Israel zu kämpfen, erging das Wort Samuels an ganz Israel. Israel zog in den Kampf und wurde von den Philistern geschlagen. Hatte Samuel versagt? Nein, es war nicht das Versagen Samuels, sondern des Volkes Israel, denn „die Leute verachteten die Opfergabe des HERRN“ (1Sam 2,17). Und sie machten einen weiteren Fehler. Statt dass sie sich demütigten und auf die Stimme des Herrn, ihres Gottes, hörten, schmiedeten sie eigene Pläne: „Lasst uns von Silo die Lade des Bundes des HERRN zu uns holen, damit sie in unsere Mitte komme und uns rette aus der Hand unserer Feinde“ (1Sam 4,3).

Auch dies ist ein Bild für den Zustand vieler Gemeinden. Eli hat längst nicht mehr die Kraft, gestaltend zu wirken. Zu schwach und ohne Sehkraft wartet er nur noch auf sein Ende. Wenn Elis zu schwach geworden sind in Gemeinden, dann breitet sich Anarchie aus. Jeder tut, was er will. Einst bibeltreue Gemeinden verkommen so zu einem Ort, an welchem sich jeder geistlich selbstverwirklicht. Statt Gaben und Dienste vom Herrn, dem wahren Geber der Gaben und Dienste, zu empfangen, empfiehlt ein jeder sich selbst zum Predigtdienst, zum Evangelisten, zum Seelsorger oder zum selbst ernannten Leiter.

Doch die eigenwilligen Pläne des Volkes gehen nicht auf. Die Bundeslade samt den Söhnen Elis wurde aus Silo ins Lager der Israeliten gebracht. „Da jauchzte ganz Israel mit großem Jauchzen, dass die Erde erdröhnte. Und die Philister hörten den Schall des Jauchzens und sprachen: Was bedeutet der Schall dieses großen Jauchzens im Lager der Hebräer? Und sie merkten, dass die Lade des HERRN ins Lager gekommen war. Da fürchteten sich die Philister, denn sie sprachen: Gott ist ins Lager gekommen! Und sie sprachen: Wehe uns! Denn so etwas ist bisher nie geschehen. Wehe uns! Wer wird uns aus der Hand dieser mächtigen Götter erretten? Das sind die Götter, die die Ägypter schlugen mit allerlei Plagen in der Wüste. Fasst Mut und seid Männer, ihr Philister, dass ihr nicht den Hebräern dienen müsst, wie sie euch gedient haben; so seid denn Männer und kämpft!“ (1Sam 3,5-10).

Ein letztes Aufbäumen, eine letzte große Euphorie machte sich auf beiden Seiten breit. Und doch waren es am Ende die Philister, die siegreich aus der Schlacht hervorgingen. Die Israeliten wurden geschlagen, die Söhne Elis dahingerafft, und die Bundeslade wurde von den Philistern erbeutet und abtransportiert. Israel war dem Irrtum verfallen, wenn nur die Bundeslade in ihrer Mitte sei, dann wären sie unbezwingbar. Gottes Wort kann wenig ausrichten, wenn „die Leute die Opfergabe des HERRN verachten“ (1Sam 2,17). Es ist wie das Pendel einer Uhr, das noch ausschwingt, obgleich die Schwungfeder längst kraftlos geworden ist. Das fromme Theater Gemeinde kann lange ohne die Kraft des Geistes weiterspielen. Das Wort ohne das Kreuz ist nur äußere Schale ohne inneren Kern. Es ist die Religion des Fleisches.

„Eli aber war 98 Jahre alt, und seine Augen waren starr, und er konnte nicht sehen“ (1Sam 4,15). Alt, blind und starr war Eli geworden. Elis letzte Worte waren: „Wie stand die Sache, mein Sohn?“ (1Sam 4,16). Josua starb 110-jährig und konnte zu seinem Volk sagen: „Ihr seid Zeugen gegen euch, dass ihr selbst euch den HERRN erwählt habt, um ihm zu dienen“ (Jos 24,22). Eli konnte nur noch in der Vorahnung, dass Gottes Wort eintrifft und sein eigen Fleisch und Blut richtet, eine Frage äußern. Der Bote brachte Eli die vernichtende Botschaft. „Und es geschah, als er die Lade Gottes erwähnte, da fiel Eli rücklings vom Stuhl, an der Seite des Tores, und brach das Genick und starb; denn der Mann war alt und schwer. Und er hatte Israel vierzig Jahre gerichtet“ (1Sam 4,18). Josua hingegen rief am Ende seines Lebens Gottes Volk zum Dienst.

Welch schreckliches Bild. 40 Jahre Dienst des Eli endeten in einer Katastrophe. Das Volk Israel war besiegt. Die Söhne Elis waren tot. Die Bundeslade war in den Händen der Philister. Elis Kompromisse hatten ihm das Genick gebrochen. Wie lange wird der Herr noch dem fleischlichen Treiben einer satt gewordenen Christenheit zuschauen? Die Bundeslade, Symbol für Gottes Wort, ist längst in den Händen säkularer Philister, pragmatischer Kleriker oder pastoraler Manager. Nur wenige Treue gibt es noch im Land. Die Elis, die Kompromisse schließen und menschengefällig über Gemeinden herrschen, sind in der Überzahl. Die Söhne Elis tun, was recht ist in ihren Augen. Niemand fragt mehr nach Gott.

 

Autor: Georg Walter, ursprüngliche Quelle: distomos.blogspot.com

 

 

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