und

2.Du sollst nicht töten

12.01.2018

Wie im ersten Teil gesehen, hat Jesus die Themenbereiche: „Töten, Ehebruch, Scheidung, Schwören, Vergelten und Feindesliebe“, als konkrete Beispiele herangezogen, um den Unterschied zwischen den Fehldeutungen der Schriftgelehrten und Pharisäer, in den Gegensatz zu Seiner Auslegung des Gesetzes zu stellen. Während die Einführung auf das Gesamtbild der Lehraussage gerichtet war, soll es, wie bereits angekündigt, in den weiteren Teilen um eine Vertiefung der unterschiedlichen Themenbereiche gehen. Doch ehe wir damit einsteigen, gilt es vorab noch etwas Grundsätzliches zu beachten, und das ist die bemerkenswerte Aussage, die Jesus diesen sechs exemplarischen Beispielen voranstellt, und diese lautet: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Reich der Himmel eingehen!“ (Mt 5,20).

Diese Worte sind meines Erachtens ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis dieses Abschnitts, weil sie uns bei genauem Betrachten, den Hinweis auf das Ziel der darin enthaltenen Lehre geben. Worauf unser HERR letztlich abzielt, ist, dass auch wirklich dem letzten bewusst wird, dass er niemals in der Lage sein wird, die Rechtsforderungen des Gesetzes im vollkommenen Umfang einzuhalten. Gerade dies war der grundsätzliche Irrtum der Pharisäer und entspricht auch dem Trugschluss religiöser Menschen im Allgemeinen. Sie leben mehr oder weniger in fester Überzeugung, aus eigener Kraft in der Lage zu sein, die heiligen Forderungen von Gottes Gesetz einhalten und erfüllen zu können. Für sie ist alles im Bereich des menschlich Machbaren. Die Einhaltung der göttlichen Ordnungen sehen sie mehr oder weniger als eine reine Frage der Selbstdisziplin, verstehen aber nicht, dass es im Kern des Gesetzes nicht nur um äußerliche Handlungen geht, sondern um unser Herz. Genau diesem Irrtum ist Jesus begegnet, indem ER diese falsche Sichtweise aufgedeckt hat, um sie anhand Seiner klaren Auslegung zu widerlegen. Der Grundsatz, den wir hier festhalten können, lautet: Was zählt, ist nicht allein der Buchstabe, sondern auch der Geist des Gesetzes. Wir müssen also immer das Prinzip sehen, das hinter dem Gesetz steht, um wirklich die ganze Tiefe und Tragweite zu erfassen. Ansonsten bleiben wir an der Oberfläche stehen, und kommen viel zu voreilig zu dem falschen Schluss, den der reiche Jüngling vorschnell gezogen hatte, als er sprach: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf (Lk 18,21). Diesem Trugschluss begegnet Jesus, indem ER die falschen Auslegungen der Rabbiner widerlegt, und uns einen Einblick in den Geist der göttlichen Gebote gibt. Das erste konkrete Beispiel das er hierzu anführt, ist das Gebot: Du sollst nicht töten. Betrachten wir dazu nun, was unser HERR diesbezüglich gelehrt hat:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr!, der Hölle des Feuers verfallen sein wird. Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar! Komm deinem Gegner schnell entgegen, während du mit ihm auf dem Weg bist! Damit nicht etwa der Gegner dich dem Richter überliefert und der Richter dem Diener und du ins Gefängnis geworfen wirst. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast (Matthäus 5,21-26).

Mehrfach habe ich betont, dass Jesus hier keine neue Lehre aufstellt, und wir diesen Abschnitt keinesfalls so verstehen dürfen, als hätte Jesus das Alte Testament für ungültig erklärt. Der Christ lebt zwar nicht mehr unter dem Alten Bund, dennoch ist es ein Fehlschluss, wenn man damit die Moralgesetze Gottes unter den Teppich kehren will. Darum sei es noch einmal gesagt: Jesus stellt nicht die Bedeutung der Schrift infrage, vielmehr ist dieser Textabschnitt ein Beispiel das uns veranschaulicht, wie Jesus falsche Auslegungen und falsche Lehren widerlegt hat, um dann den wahren Sinn des Gesetzes, zu erläutern. Betrachtet man nun dieses erste Beispiel, ist dies auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich. Denn die Frage ist, was hatte Jesus an der Lehre der Pharisäer auszusetzen? „Du sollst nicht töten“, ist doch Bestandteil der 10 Gebote, und die Konsequenz, „wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein“, entspricht auch der Lehre des Gesetzes. Was also, ist hier der Kritikpunkt? Meines Erachtens ist es ein zweifacher:

1) Erstens, die religiösen Führer haben zwei Textpassagen miteinander verbunden, die zwar thematisch im Zusammenhang stehen, aber zwischen denen noch sehr viele Aussagen stehen, die sie einfach ausgeblendet haben. Durch diese Abkürzung haben sie die Schrift ihrer Schärfe beraubt, um dieses Gebot schnell übergehen zu können. Ihre Auslegung zielte darauf ab, selbst gut dazustehen. Mit anderen Worten, sie gaben nicht das weiter, was dem ursprünglichen Befehl Gottes entsprach, sondern eine Auslegung, die darauf ausgerichtet war, selbst immer gut dazustehen und die Schuld nur bei den anderen zu sehen. Damit verfehlten sie sowohl den geistlichen Sinn, als auch die eigentliche Absicht des Gesetzes. Ihre Lehre war nicht darauf ausgerichtet, Gott zu gefallen, vielmehr war sie lediglich auf Vorschriften reduziert, durch deren Einhaltung sie sich von anderen abheben konnten. Es war dieser religiöse Hintergrund, der letztlich nur ein Zerrbild dessen war, was dem Willen Gottes entsprach, dem sich Jesus gegenübersah. Wäre Jesus der gewesen, als den man IHIN heute gerne darstellt, hätte ER großzügig über diese Missstände hinweggesehen, doch weil ER als Zeuge der Wahrheit gekommen war, und ein Volk vor sich sah, deren geistliche Hirten nur darauf bedacht waren, sich selbst zu weiden (vgl. Hes 34,2), musste ER sich der anerkannten religiösen Instanz entgegenstellen, um deren selbstgefällige Lehren zu widerlegen. ER, der sie als blinde Lehrer, der Blinden entlarvt hatte, hatte durchschaut, dass diese religiösen Führer nur darauf ausgerichtet waren, sich selbst in einem guten Licht präsentieren zu können (vgl. Mt 15,14, Mk 12,39). Sowohl ihre Lehre als auch ihre Praxis schwächten die wahre Bedeutung des Wortes, indem sie es lediglich auf ein paar äußerliche Normen und Menschengebote reduzierten (vgl. Mt 23,23-28). Alles war letztlich darauf ausgerichtet, stolz von sich behaupten zu können, alle Anforderungen erfüllt zu haben. Sie wollten, dass die Menschen zu ihnen aufschauen, sie wollten geehrte werden und sich deutlich vom gewöhnlichen Volk abheben. Es gab ihnen ein gutes Gefühl, von sich sagen zu können: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner“ (Lk 18,11). Einen Blick für ihre eigene Sündhaftigkeit hatten sie nicht, weil sie eine völlig falsche Vorstellung von der Gerechtigkeit des Gesetzes hatten.

Natürlich dürfen wir hier nicht bei den Schriftgelehrten und Pharisäern stehen bleiben, so als sei dies nur aufgezeichnet, damit wir in ihnen die Schuldigen ausfindig machen. Nein, wenn wir so denken, dann haben wir diesen Text völlig missverstanden, es geht nicht darum, die Schuld bei anderen zu sehen, sondern gerade um eine Warnung vor dieser Haltung. Diese Lehre ist nicht dazu gedacht, dass wir sie auf das Leben der anderen, sondern auf unser eigenes Leben anwenden. Bleiben wir also nicht bei dem stehen, was Jesus hier bei den Pharisäern und Schriftgelehrten aufgedeckt hat, sondern prüfen wir uns diesbezüglich, ob nicht auch wir dazu neigen, so mit dem Wort Gottes umzugehen? Stehen nicht auch wir in der Gefahr den Sinn und die Forderungen des Gesetzes abzumildern, um selbst gut dazustehen? Statt uns von der Schrift korrigieren und überführen zu lassen, tendieren wir dazu, die Schrift an unser Leben anzupassen. Genau das ist auch das Wesen selbsterdachter Religion, sie zielt mehr auf Selbstbestätigung ab, als darauf Gott zu gefallen. Das Ziel besteht also nicht darin, das Leben nach dem Willen Gottes auszurichten, sondern den Willen Gottes so zu interpretieren, dass er zum eigenen Leben passt. Wie schnell ist man doch dabei, sich als einen guten Menschen zu sehen, nur weil man noch niemand ermordet hat?

2. Der zweite Kritikpunkt, ist darin zu sehen, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten dieses Gebot nur auf das Irdische angewendet haben. „Wer jemand tötet, kommt vor Gericht!“ Das ist auch in unserer Gesetzgebung so. Fliegt man schnell über den Text, fragt man sich, was Jesus an der Lehre der Pharisäer auszusetzen hatte. Nun, ganz gewiss nicht, dass es irdische Konsequenzen hat. Es steht natürlich außer Frage, dass Mord ein abscheuliches, furchtbares Verbrechen ist. Es ist völlig richtig, wenn darauf Bestrafung folgt; dies soll keinesfalls infrage gestellt werden, im Gegenteil, die Schrift bezeugt, dass die Regierung dazu eingesetzt ist, dieses Gericht auszuüben (vgl. Röm 13,4). Was jedoch bei dieser rein irdischen Betrachtungsweise fehlt, ist die Anwendung auf unsere Beziehung zu Gott. Das Versäumnis der Schriftgelehrten und Pharisäer lag darin, dass ihre Auslegung sich nur auf das Irdische und Zeitliche Bezog. Was sie dabei ausgeblendet haben, ist das göttliche Gericht das noch viel weitreichendere Konsequenzen hat, als alle irdischen Strafen. Die Frage ist, was mit der Seele eines Mörders geschieht? Die Offenbarung, die uns einen Einblick in die Zukunft gewährt, gibt uns Aufschluss. Mögen noch viele glauben, dass alle Menschen in das zukünftige Himmelreich eingehen werden, Gottes Wort sagt etwas anderes, es sagt uns: Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut (Offb 22,15). Somit geht es also nicht nur um die Verantwortung, vor einem irdischen Gericht, sondern darum, dass sich eines Tages jeder Mensch vor dem Richter dieser Welt verantworten muss, und das ist Gott (vgl. Hebr 9,27). Gerade in unserer Zeit, ist es nahezu tabu, dieses Thema anzusprechen, Sünde, Gericht und Hölle werden aus den modernen Predigten verbannt, weil man, wie schon erwähnt, nur noch Positives und Angenehmes verkündigen will. Bereits im ersten Teil habe ich hierzu Zitate bekannter Bibellehrer und Autoren weitergegeben, obwohl man hierzu unzählige weitere anführen könnte, möchte ich es bei den Worten von Dave Hunt belassen, der sich diesbezüglich wie folgt geäußert hat: Zwei Dinge dürfen wir nie miteinander verwechseln: Unseren Wunsch, dass Menschen das Evangelium annehmen; und die Schaffung eines neuen Evangeliums, das für die Menschen annehmbar ist. Heute hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass das Positive notwendigerweise gut und das Negative entsprechend schlecht ist. Man sagt, man muss betonen, was positiv in der Heiligen Schrift ist – das, was tröstet und aufrichtet – und man soll alles vermeiden, was negativ klingt. Wenn man eine solche Unterscheidung trifft, ist man aber weit entfernt vom biblischen Glauben. Man meint mit „positiv“, was günstig und angenehm ist, und alles, was einem nicht gefällt, heißt dann „negativ“. Worauf es ankommt, ist eben nicht, ob etwas positiv ist oder nicht, sondern ob es wahr oder falsch, biblisch oder unbiblisch ist.1

Entsprechend dieser fehlgeleiteten Entwicklung, gibt es innerhalb der evangelikalen Szene nicht wenige, die den Reformatoren vorgehalten, sie hätten entgegen der Lehre Jesu, die paulinische Lehre von der Verderbtheit des Menschen in den Mittelpunkt gerückt. Wie man eine solche Sichtweise vertreten kann, ist mir ein Rätsel; Jesus hat weder die sündhafte Natur des Menschen, noch die Realität der ewigen Verdammnis aus Seiner Verkündigung ausgeklammert. Im Gegenteil, in aller Deutlichkeit warnt ER: Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr!, der Hölle des Feuers verfallen sein wird.

Der Text zeigt jedoch noch mehr, er ist nicht nur ein Beleg dafür, dass Jesus vor der Hölle gewarnt hat, sondern macht etwas deutlich, das uns noch viel mehr aufhorchen lassen sollte, und das ist die Tatsache, dass sich dieses Gebot nicht nur auf realen, physischen Mord bezieht, sondern auch auf grundlosen Zorn, den wir gegen Glaubensgeschwister hegen. Wer bei dem Gebot: „Du sollst nicht töten“, nur den reinen Buchstaben betrachtet, bleibt bei der Oberfläche stehen, indem er sich sagt, „solange ich noch kein Mörder bin, habe ich nichts Verwerfliches getan“; wer jedoch auf den Geist des Gesetzes achtet, nimmt wahr, dass das göttliche Gesetz bereits bei der Entstehung der Sünde ansetzt, indem es der Ursache auf den Grund geht. Wie uns die Auslegung des HERRN zeigt, machen wir uns nicht erst schuldig, wenn die Tat ausgeführt wird, sondern bereits, wenn wir jemand anderen den Tod wünschen, indem wir in unserem Herzen Hass und Groll gegen diese Person hegen. Aber es geht, wie Jesus uns hier aufzeigt, sogar noch weiter, nicht nur grundloser Hass, wird von IHM verurteilt, sondern jegliche Form von Verachtung gegenüber unserem Nächsten. Jeder böse Gedanke den wir in unserem Herzen hegen, jedes Gefühl der Verachtung, jede Art von Hohn und Spott gegenüber unserem Nächsten entsprechen dem, was in letzter Konsequenz zum Mord führt. Mit anderen Worten, wenn unser Herz von solchen Gefühlen beherrscht wird, ist es so, als würden wir diesen Menschen in unserem Herzen ermorden. Wir müssen uns also vor Hass und Bitterkeit hüten, und dazu ist es auch sehr wichtig, dass wir es lernen, zwischen einer Person und der Sünde zu unterscheiden. Jede Art des Bösen sollen wir hassen, somit auch die Sünde, doch dieser Hass darf sich nicht gegen die Person des Sünders richten. Beachten wir, was Martyn Lloyd-Jones hierzu festgehalten hat: Je heiliger wir werden, umso größeren Zorn werden wir der Sünde gegenüber spüren. Wir dürfen aber niemals zornig auf die Person des Sünders sein. Wir dürfen nie auf die Person an sich zornig sein. Wir müssen zwischen der Person und dem, was sie tut, eine klare Unterscheidung treffen. Wir dürfen niemals eines Gefühls der Verachtung und Verabscheuung oder durch diffamierende Ausdrücke schuldig werden.2

So möchte ich zusammenfassend festhalten: Wenn wir nur den Buchstaben sehen, aber den Sinn und die Absicht, die dahinter stecken, ausblenden, dann werden wir uns gerecht vorkommen, verstehen wir jedoch den Geist des Gesetzes- den wahren Inhalt und die Absicht – dann wird uns das Gesetz von Sünde überführen, und genau das ist letztlich auch das Ziel. Das Gesetz macht uns nicht zu besseren Menschen, sondern zeigt auf, dass wir eine sündhafte Natur haben. Auch wenn dies eine unschöne Erkenntnis ist, so ist sie doch unverzichtbar, um an den Punkt zu kommen, an dem wir uns so sehen, wie Gott uns sieht, nämlich als verloren. Wir müssen unsere hoffnungslose Lage wahrnehmen, ehe wir verzweifelt ausrufen: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ (Apg 16,30). Die Antwort darauf lautet: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst gerettet werden“ (Apg 16,31). Diese Zusage hat immer noch Gültigkeit, doch wir müssen beachten, dass der Fragesteller völlig zerbrochen und verzweifelt war. Heute meint man, man müsse den Leuten gute Unterhaltung bieten, um sie am Ende einer Veranstaltung, mit Jesus vertraut zu machen. Selten nehmen die Menschen dabei wirklich wahr, dass sie überhaupt verloren sind, selten realisieren sie wirklich, dass es um die Rettung ihrer Seele geht; vielmehr wird ihnen vermittelt, dass der christliche Glaube eine Art Zusatzoption für ein besseres Leben sei. Wenn es dann nicht besser wird, wenden sie sich enttäuscht ab. Daher müssen wir zu aller erst realisieren, dass es beim Evangelium nicht um Lebensverbesserung, sondern um Errettung geht.

Wenn wir uns nun diesbezüglich fragen, warum Jesus dann das Gesetz gepredigt hat, obwohl ER doch wusste, dass kein Mensch in der Lage ist, es vollkommen zu erfüllen, dann kann es doch nur einen Grund geben, unser HERR hat das Gesetz genau dafür angewendet, wofür es auch vorgesehen ist, und das ist die Überführung von Sünde. Treffend hat es der Apostel Paulus formuliert: So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden (Gal 3,24). Solange wir von unserer eigenen Gerechtigkeit überzeugt sind, werden wir nicht wirklich zu Christus kommen. Denken wir an den Apostel Paulus, er war sehr eifrig, sehr religiös und äußerst bemüht, nach dem Gesetz zu leben. Wie kam es zu seinem Sinneswandel? Wie kam ausgerechnet er, der eine so steile religiöse Karriere hingelegt hatte, zu der Erkenntnis: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt!“ (Röm 7,18)? Was war es, das ihn davon überzeugen konnte, dass ausgerechnet er einen Erlöser nötig hatte? Ein Zitat von Jerry Bridges gibt uns die Antwort: Der Apostel Paulus, der als Pharisäer von sich sagte, alle Gesetze bis in die Einzelheiten erfüllt zu haben (Phil 3,6), wird schließlich doch durch das Gebot: „Du sollst nicht begehren“ (Römer 7,7-8) als Sünder entlarvt.3  Und genau das ist auch die Anwendung für diesen Textabschnitt, wenn Jesus lehrt: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Reich der Himmel eingehen!“, wenn ER zudem aufzeigt, dass Mord nicht erst beginnt, wenn die Tat vollzogen ist, sondern bereits wenn wir Hass, Groll und Verachtung gegen eine Person im Herz hegen, wer von uns kann dann auftreten und sagen: „Das habe ich alles gehalten von Jugend auf (Lk 18,21)? Ich kann es nicht, darum bin ich dankbar, dass Jesus gekommen ist, um Sünder selig zu machen.

Ein weiterer Punkt, mit dem wir in diesem Textabschnitt konfrontiert werden, ist darin zu sehen, dass unsere Beziehung zu Gott immer in Abhängigkeit zu unseren Mitmenschen, und hier insbesondre zu unseren Glaubensgeschwistern, steht. Wie widersprüchlich die Behauptung, Gott zu lieben und zugleich einen Glaubensbruder zu hassen, ist, macht 1.Johannes 4,20 deutlich, indem gesagt wird: Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat. Genau diesen Selbstbetrug deckt Jesus auf. Überlegen wir, die Schriftgelehrten und Pharisäer hielten sich für gerechte Leute, weil sie ihre Religion peinlichst genau ausgeführt haben. In Matthäus 23,23 konfrontiert sie unser HERR diesbezüglich mit dem Tadel: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!“. Die religiösen Führen dachten, Opfergaben seien das Entscheidende, um Gott zu gefallen. Ähnlich dachte einst auch König Saul, doch der Prophet Samuel musste ihn im Auftrag Gottes korrigieren, indem er folgende Botschaft überbrachte: „Hat der HERR dasselbe Wohlgefallen an Schlachtopfern und Brandopfern wie daran, dass man der Stimme des HERRN gehorcht? Siehe, Gehorsam ist besser als Schlachtopfer und Folgsamkeit besser als das Fett von Widdern!“ (1.Sam 15,22). Ebenso korrigiert Jesus an dieser Stelle unser Denken, indem ER sagt: „Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar!“

Solange wir in Streit und Unversöhnlichkeit leben, solange wir im Herzen Groll und Bitterkeit gegen Glaubensgeschwister hegen, ist unser Gottesdienst vergeblich; ob wir Geld spenden, fasten oder beten, unser Vater im Himmel nimmt dies nicht an, solange wir nicht bereits sind, einander zu vergeben. Gerade als Christen, müssen wir uns immer wieder bewusst machen, was in Psalm 103, 10-11 geschrieben steht: Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. Angesichts dessen, können wir, egal wie viel Unrecht uns widerfahren ist, nicht ernsthaft glauben, dass unser himmlischer Vater uns nicht eine viel größere Schuld vergeben hat. Um zu belegen, dass dies nicht nur meiner persönlichen Auffassung, sondern der Lehre unseres HERRN, entspricht, möchte diesen Punkt, mit dem Gleichnis vom Schalksknecht abschließen. Jesus lehrte dieses Gleichnis, nach dem Petrus gefragt hatte, wie oft er seinem Bruder, der gegen ihn sündigt, vergeben müsse.

Deswegen ist es mit dem Reich der Himmel wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. Da er aber nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Der Knecht nun fiel nieder, bat ihn kniefällig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Darlehen. Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist! Sein Mitknecht nun fiel nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe. Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war. Da rief ihn sein Herr herbei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmt haben, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Folterknechten, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt (Matthäus 18,24-35).

 

 

Quellangaben:
1. http://l-gassmann.de/christenheit-heute
2. Lloyd-Jones - Bergpredigt Band 1, S.269
3.Jerry Bridges – Gott vertrauen, S.51


 

www.evangeliums-botschaft.de

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