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Anhang - Das neue Feindbild der Evangelikalen

Rolf Müller

17.08.2016

Das Feindbild der Evangelikalen hat sich gewandelt. Nicht mehr unbiblische Irrlehren, sondern biblische „Fundamentalisten“ werden bekämpft.

Es hängt mit meiner Biographie zusammen, dass ich eine engere innere Verbindung zur Evangelischen Kirche nie hatte. Zwar bin ich getauft und konfirmiert, aber zum lebendigen Glauben an Jesus Christus bin ich in der Landeskirchlichen Gemeinschaft gekommen. Dort ist meine  geistliche Heimat, dort habe ich mich eingebracht und von Anfang an mitgearbeitet. In der Landeskirchlichen Gemeinschaft habe ich Brüder und Schwestern gefunden, mit denen ich im Glauben verbunden bin. Dass die Gemeinschaftsbewegung ein Werk innerhalb der evangelischen Landeskirche ist, habe ich akzeptiert. Allerdings ist das Verhältnis zur Kirche im Lauf der Jahre immer schwieriger geworden. Es gab in den 70er und 80er Jahren eine fortschreitende Aufweichung ethischer Grundsätze. Mit der Liberalisierung des Schriftverständnisses gewannen soziale, politische und ökumenische Themen an Einfluss.  Es kamen dadurch viele neue Probleme von der Kirche her nicht nur auf die Gemeinschaft zu, sondern auch zunehmend in die Landeskirchliche Gemeinschaft hinein.

   Ein reibungsloses Miteinander zwischen Kirche und Gemeinschaft war vielerorts nicht mehr möglich und oft vom jeweiligen Ortspfarrer abhängig. Es gab Spannungen oder im günstigen Fall ein unverbindliches Nebeneinander. Ein Signal setzte 1993 der Siegener Gemeinschaftspräses Willi Quast, der aus der Evangelischen Kirche austrat, weil er den Weg nicht mehr mitgehen konnte und wollte. Das hatte damals für viele Pietisten Signalwirkung.

   Willi Quast nannte folgende Gründe: Die historisch-kritische Bibelauslegung, die Politisierung und Ideologieanfälligkeit der Kirche, Kirchentag, Ökumene und das interreligiöse Gebet von Assisi.  „Die Evangelische Kirche verlässt massiv die göttlich biblischen Maßstäbe und Ordnungen.“ (idea-Dokumentation  16/93, Seite 19).

   Christoph Morgner reagierte in einem Brief an Quast: „Du hast Dich aus der Kirche herausgelöst. Damit hast Du Dich auch des Rechts begeben, künftig auf irgendeine Weise Einfluss zu nehmen. Wer austritt, kann nicht mehr auftreten. (…) Du bist einen Schritt aus der Weite in die Enge gegangen. Wer glaubt, flieht nicht. Mit Weglaufen verändern wir nichts.“ (idea-Dokumentation 16/93, Seite 20).

   Präses Christoph Morgner sah in dem Schritt von Willi Quast eine Gefahr für die Einheit der Gemeinschaftsbewegung. Er warf Quast vor, den „Spaltpilz“ zu fördern und führte sieben Gründe an, in der Kirche zu bleiben:

 

  1. Wir haben für die Kirche noch Hoffnung.
  2. Wir wollen die Gemeinschaftsbewegung nicht zerreißen.
  3. Das Bekenntnis der Kirche ist unser Bekenntnis.
  4. Wir empfangen in der Kirche viele Segnungen.
  5. Wir tragen Verantwortung für die Kirche.
  6. Wir können uns in der Kirche vielfältig einbringen.
  7. Wir freuen uns an Gottes buntem Blumengarten.

 

Aber es gab auch andere Meinungen. Man merkte an, dass die kirchliche Situation vom Wort Gottes her betrachtet und mit früheren Verhältnissen verglichen schlimmer geworden ist. Gespräche und Einsprüche seitens der Gemeinschaften beeinflussen die Fahrtrichtung nicht, die Entwicklung kann nicht aufgehalten werden. Am Kurs des Schiffes ändern wir nichts, ihn bestimmen die, die im Kommandohaus sitzen und auf der Steuerbrücke stehen. Hier sind wir machtlos. (Lienhard Pflaum).

   „Die Auseinandersetzung mit den Kirchen lähmt uns in unserem Auftrag und kostet uns viel Zeit und Kraft.(...) Die Ereignisse der letzten Kirchentage haben das Fass zum Überlaufen gebracht. (…) Können wir weiter mit unseren Kirchensteuern bewusst gewollte kirchliche Fehlentwicklungen finanzieren? Werden wir als Gemeinschaftsbewegung nicht selbst unglaubwürdig und machen wir uns nicht mitschuldig an der Irreführung von Menschen, denen wir das Evangelium schuldig sind?“ (Herbert Becker).

   Durch die historisch-kritische Bibelauslegung, die an allen kirchlichen Ausbildungsstätten Pflicht ist, haben Irrlehren und Selbsterlösungs-Ideologien in die Kirche Einzug gehalten. Ein Dammbruch fand statt: Ständig abnehmender Widerstand gegen die Kindstötung im Mutterleib seitens der evangelischen Kirche, Duldung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind normal. Glaubensfundamente werden ausgehöhlt, es gibt keine absolute Wahrheit mehr. Die Heilige Schrift wird der Beliebigkeit preisgegeben.

   Inzwischen ist auch in viele Gemeinschaftskreise die zunehmende Verweltlichung eingebrochen. Über biblische Wahrheiten wie „Sünde“, „Buße“, „Kreuz“ und „Gericht Gottes“ wird immer weniger gepredigt. Stattdessen tritt ein „Unterhaltungs-und Wohlfühlevangelium“, das keinem weh tut, an die Stelle biblischer Verkündigung. Was können wir tun? Sollen wir weiter still halten und die Entwicklung ignorieren? Sollen wir biblische Positionen vertreten? Können wir uns weiter eins machen mit einer Kirche ohne Wahrheit, in der die Beliebigkeit menschlicher Meinungen an die Stelle der absoluten Gültigkeit der Heiligen Schrift getreten ist?

   1997 wurde vom „Forum Kirche“ vom Gnadauer Verband gefordert: Nicht austreten, sondern auftreten! Ich frage mich, wie das aussehen soll. Sogar Christoph Morgner musste feststellen: „Die Zeit bedingungsloser Vasallentreue gegenüber der Kirche ist vorüber (…) In unseren pietistischen Kreisen wächst die Zahl derer, die den Kurs unserer Kirche mit höchsten Bedenken betrachten.“ (idea -Dokumentation 15/93, Seite 4+10).

   Sind die damaligen Bedenken heute ausgeräumt? Ist es nicht vielmehr so, dass die unbiblischen Strömungen jetzt auch die Gemeinschaften unterwandert haben? Wer hat sich wem angepasst? Es ist mir ein Rätsel, was Christoph Morgner mit seiner Warnung bezweckte, das Christentum dürfe nicht als „Buchreligion“ betrachtet werden. Er bezeichnete bibeltreue Christen als „Kritiker von Rechts“. Er hat in seinem letzten Präsesbericht mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

   Man hat mich gefragt, warum ich als Gemeinschaftler so selten den kirchlichen Gottesdienst besuche. Ich komme wieder auf den Anfang zurück. Meine Wurzeln liegen in der Gemeinschaftsbewegung, deshalb setze ich Prioritäten. Theoretisch könnte ich jeden Sonntag im Gottesdienst der Kirche und dann nachmittags in der Gemeinschaftsstunde sein. Als Gemeinschaftschrist bin ich doppelt gefordert. Warum besuche ich nicht jeden Sonntag den Gottesdienst?

   Ich glaube, dass die Bibel das unfehlbare Wort Gottes ist, dem ich im Leben und im Sterben vertrauen kann. Das wird mir in der Kirche so nicht vermittelt. Ich glaube, dass man als Christ eine Bekehrung und Wiedergeburt erleben muss, um gerettet zu werden und dass nicht die Taufe einem Menschen das Heil vermittelt. Das wird in der Kirche anders gesehen. Ich glaube der Bibel auch in Bezug auf den Schöpfungsbericht. Er ist für mich nicht ein Mythos oder Hymnus oder eine Symbolik. Davon erfahre ich in der Kirche wenig. Ich glaube im Gegensatz zu vielen Bischöfen, Pfarrern und Theologen an die Jungfrauengeburt Jesu, an seine Menschwerdung, seine Wunder, seinen Sühnetod am Kreuz, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und seine Wiederkunft. Ich bekenne  wie der Apostel Paulus: „Ich glaube allem, was geschrieben steht.“ Aus welchem Grund sollte ich mich Sonntag für Sonntag den Lehren einer glaubenszerstörenden  Bibelkritik aussetzen? Dadurch wachse ich nicht im Glauben und in der Gnade und ich weiß nicht, wie lange ich noch Zeit habe.

   Auch in der Gemeinschaft ist nicht alles reine biblische Lehre, was verkündigt wird. Aber durch die Vielfalt des Dienstplans ist die Gefahr der Einseitigkeit geringer. Warum besuche ich die Gemeinschaftsstunden, wenn auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt? Warum gehe ich Kompromisse ein? Was veranlasst mich zu einer Gratwanderung zwischen Anpassung und Absonderung? Ich glaube, dass ich in der Leitung des Gnadauer Verbandes genau so wenig bewirken oder verändern kann wie in der Evangelischen Landeskirche. Der Kurs der unbedingten Kirchenabhängigkeit wird als Dogma festgehalten. Christoph Morgner, Michael Diener sind sich da völlig einig. Aber an der Basis gibt es viele Glaubensgeschwister, die am Wort Gottes als Autorität und Richtschnur für ihr Leben festhalten. Mit denen weiß ich mich zum Teil seit vielen Jahrzehnten verbunden.

   Eine in allen Stücken ideale Gemeinde wird es hier auf Erden nicht geben. Aber als Christ kann man nicht allein bestehen, wir brauchen die Brüder und Schwestern. Unser Herr hat versprochen, dass die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht überwältigen werden. Ich wüsste nicht, welche Gemeinde in meiner Umgebung als Alternative zur Gemeinschaft in Frage käme. Methodisten, Baptisten, Brüdergemeinden, Charismatische Freie Gemeinden? Wäre nicht auch da nach einiger Zeit Enttäuschung vorprogrammiert?

   Nachdem 1996 die sogenannte „Kasseler Erklärung“ zwischen der Deutschen Evangelischen Allianz und dem Bund freier Pfingstgemeinden die „Berliner Erklärung“ faktisch außer Kraft gesetzt hat und das als „Jahrhundertereignis“ gefeiert wurde, hat Gnadau mit der „Gemeinsamen Erklärung“ zwischen dem Gnadauer Verband und Mülheim 2009 einen weiteren Schritt in die falsche Richtung getan.

   Der Vorsitzende des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes, Prof. Johannes Berthold, hat diese Erklärung als Dokument eines gelungenen Dialogs bezeichnet. Er bringt damit zum Ausdruck, dass die Einschätzung der „Berliner Erklärung“, dass in der Pfingstbewegung ein falscher Geist wirkt, ein Irrtum war. Es war doch der Heilige Geist. „Wir wissen, dass in der jeweils anderen Bewegung der Geist Jesu Christi wirkt.“ (Johannes Berthold). Woher wissen wir das? „Seit den 70er Jahren fanden immer wieder wechselseitige Gespräche statt, in denen eine wachsende inhaltliche Annäherung erkennbar wurde.“ Sprechen heute Gnadauer und Mülheimer Verband wirklich mit einer Stimme? Genügt es wirklich, wenn die „Gemeinsame Erklärung“ am Anfang und am Ende „in Schriftworte gerahmt ist“?

   Die „Berliner Erklärung“, so wird behauptet, ist „als historisches Dokument“ nicht zeitlos, sondern nur begrenzt gültig. Ganz so sicher ist man sich dabei aber auch nicht, denn man hält die Vermischung des Heiligen Geistes mit menschlichen und dämonischen Einflüssen immerhin für möglich und fordert auch weiterhin die Prüfung der Geister anhand der Heiligen Schrift. Genau das haben die Väter der „Berliner Erklärung“ 1909 praktiziert. 1924 stellte der Gnadauer Vorstand fest: „Es wird oft gesagt, die Bewegung habe sich gereinigt. Aber der „Geist“ ist derselbe geblieben und offenbart sich auch jetzt noch in „erschreckenden Erscheinungen“.“ Warum hält man heute die warnenden Stimmen der Väter für unnötig?

   Die Gefährlichkeit des „Pfingstgeistes“ besteht damals wie heute darin, dass er Lüge und Wahrheit vermengt und sich perfekt fromm tarnt. Es bleiben einige Fragen. Ist die Pfingstbewegung heute gereinigt? Wie kam die Mülheimer Erklärung zustande? Haben die „Mülheimer“ Zugeständnisse gemacht oder ist ihnen nicht vielmehr „Gnadau“ sehr weit entgegengekommen? Mir fiel auf, dass in dem Dokument gravierende pfingstlerische Sonderlehren wie „Ruhen im Geist“, „Geistestaufe“ und die Austreibung sogenannter „territorialer Geister“ durch „geistliche Kriegsführung“ überhaupt nicht erwähnt werden. Das ist in einer angeblich „theologisch fundierten Arbeit“ ein Unding. Das ist Augenwischerei und soll die Gläubigen beschwichtigen.

   Der Drang nach Einheit wird immer stärker und um einer falschen Einheit willen geht man gefährliche Kompromisse ein. Konfrontation ist nicht gefragt. Man will nicht „richten“, nicht „polarisieren“ und auf gar keinen Fall „spalten“. Die Unterscheidung der Geister geht verloren zum Schaden der Gemeinde. Bibeltreue, Bleiben am Wort und an den Bekenntnissen der Reformation sowie das Hören auf die Stimmen der Väter ist nicht mehr gefragt.

   Christoph Morgner hat in seinem Präsesbericht 2009 versucht, einen Keil zwischen Bibel und Jesus Christus zu treiben. Wer der Bibel vertraue, betreibe Bibelkritik von rechts. Die Bibel sei kein Buch der tausend Richtigkeiten, sondern der Wahrheit. „Pietisten glauben an Jesus, Fundamentalisten an die Bibel.“ Die „Berliner Erklärung“ ist beiseitegelegt und hat heute keine Bedeutung mehr. Würden sich die Gnadauer Väter, wenn sie noch lebten, darüber freuen und über ihren „Jahrhundertirrtum“ Buße tun? Die Pfingstbewegung hat sich meines Wissens bis heute nicht von den damals geschehenen Verirrungen distanziert. Lediglich Gnadau und die Allianz sind zurück gerudert. Wie kam dieser Sinneswandel zustande? Hat theologische Arbeit zu diesem Ergebnis geführt? Ich vermisse in der Gemeinschaftsbewegung Geschichtsbewusstsein. Das ist gefährlich und davor hat auch Christoph Morgner in seinem Präsesbericht 2009 gewarnt. Er vergleicht Geschichtsvergessenheit mit Demenz. Diese Krankheit scheint weit fortgeschritten zu sein. Die Geschichte zeigt, dass die Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben.

   Das Feindbild der Evangelikalen hat sich gewandelt. Nicht mehr unbiblische Irrlehren, sondern biblische „Fundamentalisten“ werden bekämpft. Die Anfeindungen kommen aus den eigenen Reihen. Das Licht des Evangeliums schwindet, die Lampen verlöschen. Das Zeugnis des Evangeliums muss wieder auf den Leuchter gestellt werden. „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort!“

   Theo Lehmann hat es auf den Punkt gebracht:

Der Antichrist kommt nicht aus einer Freimaurerloge, sondern aus der Sakristei. Der Kampf um die Wahrheit bleibt uns nicht erspart. Einheit ist etwas Schönes und Erstrebenswertes und von Jesus gewollt. Aber Einheit mit Irrlehre ist weder schön noch erstrebenswert noch von Jesus gewollt, sondern die Masche des Antichristen.“ (idea 35/2007).

 

 


 

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