und

7. Her zu mir, wer dem Herrn angehört

Da stellte sich Mose im Tor des Lagers auf und sprach: Her zu mir, wer dem Herrn angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levis.

2.Mose 32,26

 

Progressive Theologie

Im April 1888 erschien in The Sword and the Trowel Spurgeons Artikel Progressive Theology (Progressive Theologie). Spurgeon schrieb: „In dieser progressiven Zeit bewegen sich die theologischen Meinungen so schnell wie die Eisenbahn. In den letzten Wochen haben viele in besonderer Weise offen einen Vorstoß unternommen; wir sprechen von einem offenen Vorstoß, denn wir vermuten, dass sie seit langem diese Irrtümer im Geheimen vertreten, die sie nun öffentlich machen. Und was für eine Offenbarung ist dies! Hier sehen wir einen ‚Moderaten‘, der sich unverzagt einem ‚anderen Evangelium‘ zugewandt hat; und eine weitere Person, die für ihre angebliche Liebe zur Wahrheit geschätzt wurde, die der Wahrheit den Todesstoß versetzte in einer subtilen Weise, wie es nur hinterhältigste Feinde tun. Während eine Reihe von verdrehtesten Personen sich weiterhin in listigster Weise bemühen, als rechtgläubig zu erscheinen, gibt es andere, die ein mutigeres Wesen aufweisen und klar Farbe bekennen, indem sie uns mit ihrer offenkundigen Häresie in Erstaunen versetzen.“ Wie Spurgeon vermutet hatte, kam allmählich das ganze Ausmaß des Niedergangs zum Vorschein. Dies war aus seiner Sicht nur zu begrüßen, weil dadurch die Frontlinien deutlich sichtbar wurden. Von nun an war klar, wo sich jeder positionierte und mit wem man in Einheit sein konnte.

„Die Vorstellung eines progressiven Evangeliums scheint Faszination auf viele auszuüben. Für uns handelt es sich hierbei um eine Mischung aus Torheit und Blasphemie. Nachdem sich das Evangelium in der ewigen Errettung unzähliger Menschen als kraftvoll erwiesen hat, kommt der Wunsch nach Veränderung sehr spät. Da es sich beim Evangelium um die Offenbarung des allweisen und unveränderlichen Gottes handelt, erscheint es dreist, es verbessern zu wollen. Wenn wir uns die Herren vorstellen, die sich an dieses anmaßende Werk gemacht haben, könnten wir fast geneigt sein zu lachen; dies ist gewissermaßen so, als ob Maulwürfe den Vorschlag machen, das Licht der Sonne zu verbessern. Ihre gigantischen Hirne brüten die Bedeutung des Unendlichen aus! Sie brüten über verborgene Wahrheiten, und mit Hilfe ihrer hohen Genialität erschließen sie diese! Bis jetzt haben sie noch nichts ausgebrütet, was es wert wäre, großzuziehen. Ihre Hühnchen sind so sehr katholischer Natur, dass wir manchmal ernsthaft vermuten, dass jesuitisches Geschick die Grundlage all dieses ‚modernen Denkens‘ ist. Es ist bemerkenswert, dass Männer auf dem Weg des freien Denkens zum gleichen Ziel gelangen wie diejenigen, die den Pfad des Aberglaubens eingeschlagen haben. Errettung durch Werke ist eine der charakteristischen Lehren des neuen Evangeliums: in vielerlei Form wird dies vertreten und groß gemacht – vielleicht nicht mit eindeutigen Worten, aber in Erklärungen, die ziemlich unmissverständlich sind. Die Häresie der Galater ist wieder unter uns: im Namen der Tugend und Moral wird Rechtfertigung aus freier Gnade erbittert angegriffen. Ebenso ein Kind der Finsternis ist die Lehre über das ‚Neue Fegefeuer‘. Es wird gelehrt, dass Menschen der ewigen Verdammnis entrinnen können, wenn sie das Heil nicht annehmen... Immer wieder hören wir von einer ‚Nacht des Gebets für die Toten‘ unter gewissen Priestern des Establishments. Dies tritt nicht nur unter oder vor allem unter Ritualisten [=Katholiken] auf, sondern kürzlich betete ein angesehener Gläubiger von ganzem Herzen für den Teufel; und sein Gebet, das sich auf die Wiederherstellung aller Sünder [Allversöhnung, Universalismus] gründete, war nur folgerichtig. Gebete für die Toten und Gebete für den Teufel! Knox und Latimer, wo seid ihr?“, wehklagte Spurgeon und erinnerte an die feurigen Reformatoren vergangener Tage (Sword & Trowel, April 1888).

Die „Verbesserer“, wie Spurgeon die Progressiven auch nannte, verdunkelten die biblische Lehre der Hoffnung auf den Himmel. Verdammnis sollte nur noch ein Zeitalter, nicht jedoch ewiglich dauern. Und manche lehrten sogar, dass selbst die Erlösten des Vaters durch ein Fegefeuer gereinigt werden müssten. Spurgeon urteilte: „Es gibt Stufen, was den Erfindungsreichtum der Theologen des 19. Jahrhunderts angeht. Aber aus unserer Sicht ist es diese Freiheit, selbst in ihrer moderaten Form, die die Wurzel der ganzen Misere ist. Was wird als nächstes gelehrt? Und was als nächstes? Glauben die Leute wirklich, dass es ein Evangelium für jedes Jahrhundert gibt? Oder einen Glauben für alle fünfzig Jahre? Wird es im Himmel errettete Heilige geben, die durch verschiedene Evangelien errettet wurden?“ (ebd.).

Diese sich stets weiterentwickelnde Theologie war nur auf menschlicher Weisheit aufgebaut. Gott könne den Marmor bereitstellen, die fertige Statue aber würde der Mensch schaffen. Es gilt nicht länger die Wahrheit, dass Gott seine Wahrheit vor den Weisen verborgen und sie den Unmündigen geoffenbart hat. Fleischliche Weisheit ist es, die unter den Menschen verherrlicht wird. „Wissenschaftler werden zu den wahren Propheten unter Israel, selbst wenn sie den Gott Israels leugnen. Anstatt dass der Heilige Geist das demütige Herz leitet, werden wir beobachten können, wie der ‚Geist dieses Zeitalters‘ auf den Thron gesetzt wird, was auch immer das bedeuten mag. ‚Die Welt erkannte Gott durch ihre Weisheit nicht‘, sagt der Apostel aus vergangenen Zeiten, aber heute gilt das Gegenteil. Neue Ausgaben des Evangeliums werden durch die Weisheit von Menschen ersonnen, und man soll den ‚vernunftbegabten Predigern‘ folgen, deren Gedanken nicht Gottes Gedanken sind. Wahrhaftig, dies ist die Vergötterung von Menschen“ (ebd.).

Die humanistische Lehre, die Menschheit sei in ihrer Solidarität göttlicher Natur, hatte um sich gegriffen. Und selbst Jesus, so die progressive Theologie, musste wie der erste Mensch Adam herausfinden, er sei Gott. Über diese Verirrungen kommt Spurgeon zu dem Schluss: „Es wird gesagt, es sei reine Heuchelei, wenn man gegen diesen verrückten Geist protestiert, der sich nun offen zeigt. Allumfassende Gleichgültigkeit erhebt sich wie die Flut, wer kann sie aufhalten? Wir alle sollen eins werden, selbst wenn wir in keinem Punkt übereinstimmen. Wer den Irrtum aufdeckt, versündigt sich gegen brüderliche Liebe. Es lebe die heilige Liebe! Schwarz ist weiß, und weiß ist schwarz. Das Falsche ist wahr, und das Wahre ist falsch, und das Wahre und das Falsche sind eins. Wollen wir uns die Hände reichen und niemals wieder diese barbarischen, altmodischen Lehren erwähnen“ (ebd.). Die „progressiven Brüder“ durften nur noch mit Samthandschuhen angefasst werden, und jede Kritik an ihnen musste so verhalten sein, dass sie sogar als Zuspruch gedeutet werden konnte, merkte Spurgeon an.

 

Eines Christen Pflicht

Auf die Frage, was zu tun wäre, wenn Protest keine Wirkung zeige, antwortete Spurgeon knapp: „Nun, dann werden wir wenigstens unsere Pflicht erfüllt haben. Wir sind nicht verantwortlich für den Erfolg. Können wir eine Plage nicht aufhalten, können wir zumindest bei dem Versuch, sie zu besiegen, unser Leben geben“ (ebd.). Selbst wenn das Zeugnis der Treuen schwach ist und „lächerlich gemacht wird“, ist der Herr auf der Seite der Schwachen. Die subtilen theologischen Äußerungen der Progressiven war im Kampf um die Wahrheit wie „ein Sack Wolle“, den das Schwert des Geistes oft keine Angriffsfläche bot. Doch die Wahrheit werde am Ende siegen, und Diplomatie würde am Ende verstummen, so Spurgeon. Es war nicht ein Kampf gegen ein Gremium, einen Bund oder eine Person, der von jenen geführt wurde, die das alte Evangelium lieben, sondern es war der Kampf „gegen den gesamten Leib des Unglaubens, der sich einen christlichen Namen gibt und versucht, sich auf christlichem Territorium niederzulassen. Dieser Geist ist mehr oder weniger in allen Gemeinden“ (ebd.).

Wenn Spurgeon auf die Geschichte der Baptisten zurückblickte, konnte er sie dafür loben, dass sie die Wahrheit verkündigten. Doch die gegenwärtigen Baptisten, die weder über ein klares Glaubensbekenntnis noch über klar formulierte theologische Lehrsätze verfügten, vergleicht Spurgeon mit einem Haus mit offenen Türen, die unreine Geister dazu einladen, einzutreten und Wohnung zu nehmen. Und erneut mahnt Spurgeon an, der Baptistenbund möge doch ein evangelikales Glaubensbekenntnis verfassen, über das viele Gemeinden oder die Evangelical Alliance ohnehin schon verfügten. Noch immer hoffte Spurgeon auf ein Einlenken des Baptistenbundes, obwohl er wusste, dass dies Zeit erfordern würde: „Es mag sein, dass der Reinigungsprozess in der baptistischen Denomination lang und schmerzlich sein wird“ (ebd.). Die Zukunft anderer Denominationen betrachtete Spurgeon durchaus düsterer: „Wir befürchten, dass die Aussichten für gewisse andere Denominationen nicht so hoffnungsvoll ist“ (ebd.).

Spurgeons Schlusssatz war gleichwohl hoffnungsvoll: „Die Mächte der Falschheit können überwunden werden, da die Schlacht des Herrn Sache ist“ (ebd.). Wie einst Mose rief Spurgeon die Treuen im Herrn an seine Seite: „Her zu mir, wer dem Herrn angehört!“ Am 23. April 1888 hatte die Baptist Union ein Treffen anberaumt, das die von Spurgeon immer wieder angemahnte Forderung nach einem Glaubensbekenntnis besprechen sollte. Der Baptistenbund verabschiedete bei diesem Treffen tatsächlich ein Bekenntnis, doch die Formulierungen waren von Zweideutigkeit und einem gravierenden Mangel an Klarheit charakterisiert. Das Dokument war in der Hauptsache von John Clifford, dem Präses des Bundes, mit der Absicht verfasst worden, den Text so ambivalent und mehrdeutig abzufassen, dass alle Mitglieder des Bundes ihn unterschreiben konnten. Clifford gelang es endgültig im Herbst des Jahres 1888 auf der Hauptversammlung der Baptist Union, die widerstreitenden theologischen Flügel zu befrieden. Mit überwältigender Mehrheit stimmten 2000 Delegierte für dieses Glaubensbekenntnis; nur 7 Delegierte stimmten mit Nein. Selbst viele Anhänger und Befürworter Spurgeons stimmten mit Ja. Dieses Abstimmungsergebnis, das von nun an Konservative, Progressive und Liberale äußerlich einte, war im Grunde paradox. Iain Murray kommt in seiner Aufarbeitung der Ereignisse zu dem Schluss: „... eine Anzahl Evangelikaler, die an der Abstimmung teilgenommen hatten, konnten nicht verstanden haben, worüber sie abgestimmt haben.“ 1

Gleichwohl gab es eine Reihe von Anhängern Spurgeons, die die Tragweite dieser Ereignisse nicht richtig einschätzte und von einem Sieg Spurgeons sprach. Viele seiner Befürworter waren überzeugt, Spurgeon habe sich durchgesetzt und am Ende Recht behalten. Doch Spurgeon erkannte augenblicklich, dass dies kein Sieg der Rechtgläubigkeit war, sondern ein Sieg der Beliebigkeit. Das Dokument enthielt unter anderem die Anmerkung, dass es Baptisten freigestellt war, die Lehre der ewigen Verdammnis zu akzeptieren und zu verkündigen oder nicht. Dies bedeutete, dass die Lehre der Allversöhnung oder des Universalismus ebenso geduldet wurde wie die biblische Lehre der ewigen Verdammnis. Im Herbst des Jahres 1888 hatte Spurgeon endgültig die Hoffnung aufgegeben, der Baptistenbund könne sich noch reformieren und von seiner liberalen Ausrichtung abwenden. Die Unverbindlichkeit des im Herbst verabschiedeten Glaubensbekenntnisses, das sowohl Liberalen wie Konservativen eine Heimat bot, bestätigte Spurgeons Einschätzung: Es bestand keine Aussicht mehr, eine wahre Reformation des Bundes zu erwarten. Eine Rückkehr der derzeitigen Baptisten zu den klar formulierten Glaubensüberzeugungen ihrer baptistischen Vorväter war in weite Ferne gerückt.

 

Liberaler Treibsand

Der Baptistenbund konnte sich in der Lehrfrage um die Hölle nicht eindeutig positionieren und ließ konservative wie liberale Lehrpositionen nebeneinander stehen. Diese Unentschlossenheit, klare Stellung in Lehrfragen zu beziehen, charakterisierte das gesamte Dokument, das der Baptistenbund verabschiedet hatte. Die Autorität, Irrtumslosigkeit und Inspiration der Schrift wurde auf dem Altar der Beliebigkeit der „neuen Theologie“, die nichts anderes war als die Bibelkritik der Liberalen, ebenso geopfert wie die Lehre des stellvertretenden Sühnetodes Christi. Seinen Bibelschülern am Metropolitan Tabernacle hatte Spurgeon noch im April 1888 vor der entscheidenden Sitzung der Baptist Union, in der Cliffords Glaubensbekenntnis angenommen wurde, gelehrt, was aus seiner Sicht unverzichtbares Fundament des geistlichen Wandels vor dem Herrn war: „Wenn wir nicht irgendwo Unfehlbarkeit haben, ist Glaube unmöglich. Der wahre Glaube lehrt uns Fakten, die nicht in Frage gestellt werden können. Wo kann Glaube entstehen, wenn nicht auf einem Felsen, sonst bliebe uns nur der Treibsand. Was uns angeht, wir stehen für die Unfehlbarkeit in den Schriften des Alten und Neuen Testaments, und unser Wunsch ist es, dass uns der Heilige Geist ihre Bedeutung aufschließt.“ 2

Alle Lehren der “neuen Theologie” konnten somit unter den Baptisten weiterwuchern wie zuvor. Das „Es spricht der Herr“ wurde durch Menschenwort liberaler Theologie verwässert oder gänzlich verworfen. Viele der Brüder im Baptistenbund waren zu „Unmündigen geworden, die hin- und hergeworfen und umhergetrieben wurden von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen“ (Eph 4,14). Seinen Studenten rief Spurgeon dazu auf, treu ihrem Herrn zu folgen: „Gebet verbindet uns mit dem Ewigen, dem Allmächtigen, dem Unendlichen; und daher ist er unsere wichtigste Quelle. Sei entschlossen, dem Herrn zu dienen und seiner Sache treu zu bleiben, denn dann kannst du ihn mutig um Beistand anrufen. Vergewissere dich, dass du mit dem Herrn bist, und dann kannst du sicher sein, dass Gott mit dir ist.“ 3

Her zu mir, wer dem Herrn angehört!

 

Anmerkungen

1 Iain H. Murray, The Forgotten Spurgeon, The Banner of Truth Trust, Edinburgh, 1973, S. 148.
2 Charles H. Spurgeon, An All-Round Ministry, The Banner of Truth Trust, Edinburgh, 1986, S. 285-86.
3 Ebd., S. 314


 

www.evangeliums-botschaft.de

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