und

6. Festhalten an Christus

Ich kenne deine Werke und weiß, ... dass du an meinem Namen festhältst und den Glauben an mich nicht verleugnet hast.

Offenbarung 2,13

 

Eine Reihe der Gegner Spurgeons versuchten, die Downgrade Kontroverse als den alten Streit zwischen Calvinisten und Arminianern darzustellen. Doch Spurgeon, der seine calvinistische Lehrüberzeugung nicht verbarg, wies darauf hin, dass es sich nicht um Lehrpositionen unterschiedlicher theologischer Lager handelte, sondern um ewige und grundlegende Wahrheiten, für die er stritt. Spurgeon fühlte sich auch mit den evangelikalen Arminianern verbunden, die diese Wahrheiten verteidigten. Mit denjenigen, die die Bibel lediglich als Makulatur betrachteten und den Tod Christi nicht als stellvertretendes Leiden anerkannten, wollte Spurgeon keine Gemeinschaft pflegen. Ob weitere Prediger den Baptistenbund verlassen würden oder nicht, war nach der anhaltenden Debatte von nun nahezu fast einem Jahr weiterhin ungewiss.

Vertreter des Baptistenbundes unternahmen einen letzten Versuch, Spurgeon zu überzeugen, seinen Austritt zu widerrufen. Spurgeon musste allerdings im Januar 1888 nach einem Treffen mit den baptistischen Vertretern erkennen, dass die Baptist Union nicht bereit war, sich von theologischen Irrtümern zu distanzieren. Eine Woche nach dem Treffen im Januar verurteilte die Baptist Union einen ihrer ehrwürdigsten Prediger, nachdem Spurgeon sich geweigert hatte, alle Namen offenzulegen, die die „neue Theologie“ vertraten. Nur fünf der nahezu einhundert Vertreter der Baptist Union stimmten gegen die Resolution. Spurgeon blieb bei seiner Auffassung, dass es nur zu offenkundig war, wer die Progressiven waren und welche Irrtümer sie vertraten. Selbst die engsten Vertrauten, Clifford, MacLaren, Booth und Culross, die Spurgeon im Lauf der Jahre im Baptistenbund schätzen gelernt hatte und die ihrerseits Spurgeon große Wertschätzung entgegengebracht hatten, wandten sich nun gegen den Fürsten der Prediger. Gerade sie waren es, denen Spurgeon bestimmte Namen offengelegt hatte und von denen er anfänglich viel Zustimmung erfahren hatte. Insbesondere Booth hätte um der Aufrichtigkeit willen, Position für Spurgeon ergreifen und zugeben müssen, dass er Recht hatte.

Spurgeon kam zu dem Schluss, dass das einzige Glaubensbekenntnis des Baptistenbundes „die Erwachsenentaufe des Gläubigen durch Untertauchen“ war, und dass sich Mitgliedschaft in diesem Bund ausschließlich an der Tauffrage entschied. Dies war für Spurgeon zu wenig. Da der Baptistenbund über kein Bekenntnis verfügte, hatte er aus seiner Sicht keine Autorität, auf der Grundlage eines Bekenntnisses, Lehre zu prüfen oder zu verwerfen. In einem Brief an C. M. Longhurst schrieb Spurgeon, dass der Baptistenbund eine „Ansammlung evangelikaler Gemeinden“ war, die „das Untertauchen“ praktizierte, ansonsten aber keine klaren Lehrpositionen bezog.1

 

Die kommende Flut der Falschheit aufhalten

Nachdem die Baptist Union im Januar in aller Öffentlichkeit Spurgeon das Misstrauen ausgesprochen und sich von ihm distanziert hatte, ließ Spurgeons Antwort nicht lange auf sich warten. In der Februarausgabe von The Sword and the Trowel im Jahre 1888 veröffentlichte Spurgeon seinen Artikel The Baptist Union Censure (Die Distanzierung der Baptist Union). Es war seine Antwort auf das Dokument des Baptistenbundes. Darin legte Spurgeon dar: „Die Distanzierung von mir durch die Baptist Union wird von den Treuen abgewogen und in rechter Weise beurteilt werden. Ich habe den Mitgliedern des Gremiums keine Irrtümer vorgelegt, denn sie können lediglich ein Urteil auf Grundlage ihrer Satzung fällen und dieses Dokument enthält keine Lehrgrundlage mit Ausnahme, dass ‚Untertauchen des Gläubigen die einzige christliche Taufe‘ ist. Selbst die Erwähnung einer evangelikalen Gesinnung wurde aus dem geschriebenen Programm entfernt. Nur wer die [Erwachsenen-]Taufe nicht akzeptiert, ist gemäß dieser Satzung andersgläubig. Aus diesem Grund gab es keine Grundlage mehr, auf der man zusammenarbeiten könnte, ganz gleich welche Beweise ich vorlegen würde. Welchen Sinn würde es machen, mich drohenden juristischen Verfahren auszusetzen, wenn ich doch nichts erreichen würde? ... Ich verfüge eher über zu viele als zu wenige Beweise; aber ich werde andere nicht in einen Rechtsstreit hineinziehen, wenn nichts zu erreichen ist.“

Auf die Frage, ob das Dokument der Baptist Union die Meinung aller Mitglieder widerspiegele, antwortet Spurgeon: „Dies mag möglich sein. Es mag sein, dass das Gremium ziemlich repräsentativ ist. Es mag sein, dass die Gemeinden das Verhalten ihrer führenden Männer bewundern. Mir als Außenstehendem steht es nicht zu, diese Frage zu stellen; aber gewiss wird es Mitglieder des Bundes geben, die diese Frage erläutern und entsprechend handeln werden. Ich habe in einfacher brüderlicher Freundlichkeit einen Rat erteilt, der von mir erbeten wurde; aber hätte ich die geheimen Ziele der Vertreter des Gremiums gekannt, hätte ich ihnen keinen einzigen Rat gegeben. Diese Herren kamen erklärtermaßen zu mir, um sich mit mir über ‚Einheit in der Wahrheit und Liebe und in guten Werken‘ zu beraten, aber ihre wahre Absicht wurde nicht offen ausgesprochen. Welches Ziel sie verfolgten, zeigen die Fakten“ (Sword & Trowel, Februar 1888).

Aus der Sicht Spurgeons war es von vorneherein die Absicht seiner Gesprächspartner gewesen, ihn wieder zum Eintritt in den Bund zu bewegen oder andernfalls sich von ihm zu distanzieren. Der Weigerung von Seiten des Bundes, ein Glaubensbekenntnis zu formulieren, setzte Spurgeon entgegen: „Wenn Sprache so verwendet wird, dass sie eine Absicht verbirgt, statt ihr Ausdruck zu verleihen, dann ist es schrecklich zweifelhaft, ob irgendeine Form von Lehre so in Worte gefasst werden kann, dass sie von geringsten Nutzen ist. Nichtsdestotrotz  will ich alle Christen wissen lassen, dass alles, was ich vom Bund verlangte, die Formulierung einer schriftgemäßen Grundlage war; es war nie meine Absicht, dem Bund ein calvinistisches oder anderes persönliches Glaubensbekenntnis aufzuzwingen, sondern lediglich ein Bekenntnis, das seit vielen Jahren von der Evangelical Alliance akzeptiert wird, die über Mitglieder nahezu aller christlichen Gemeinschaften verfügt“ (ebd.).

Der Baptistenbund wandte sich gegen die Abfassung eines schriftlichen Glaubensbekenntnisses, wie es in der langen Tradition der Baptisten üblich war. Nahezu alle Gemeinden, die dem Baptistenbund angehörten, hatten ein Glaubensbekenntnis. Selbstverständlich wurde von allen, die einen Dienst in einer Gemeinde des Baptistenbundes taten, erwartet, dass sie gewisse Grundwahrheiten vertraten. Dass eine Reihe von Gemeinden bereits Unitarier [Unitarier leugnen die Trinitätslehre] ausgeschlossen hatten, zeigte laut Spurgeon doch nur sehr deutlich, dass diese Gemeinden über ein trinitarisches Glaubensbekenntnis verfügten, obschon dies nicht in schriftlicher Form vorlag. Spurgeon führt aus: „Warum es nicht drucken lassen? Möglicherweise hat das ‚moderne Denken‘ einen Weg ohne dies gefunden, was sich meinem schlichten Denken verschließt. Zu sagen, dass ein ‚Bekenntnis zwischen Gott und den Menschen treten kann‘, legt die Vermutung nahe, es sei nicht wahr; aber Wahrheit, wie genau diese auch immer definiert wird, trennt einen Gläubigen niemals vom Herrn. Was mich angeht, ich schäme mich nicht, das, was ich glaube, in einer so klaren Sprache wie möglich schriftlich niederzulegen; und die Wahrheit, für die ich stehe, vertrete ich, denn ich glaube, dass es sich um das Wesen Gottes handelt, das in seinem unfehlbaren Wort geoffenbart wurde. Wie kann dies mich von Gott trennen, der es geoffenbart hat? Es ist ein Mittel der Kommunikation mit meinem Herrn; ich empfange seine Worte, ebenso wie ich ihn angenommen habe, und ich unterstelle meinen Verstand dem, was er gelehrt hat. Er mag sagen, was er will, ich akzeptiere es, weil er es sagt, und dadurch bete ich ihn demütig in meinem Innersten an“ (ebd.).

Für Personen, die von sich sagten, sie hätten kein Glaubensbekenntnis, hielt Spurgeon nicht viel und entlarvte ihre Inkonsequenz mit dem Argument, dass jede Person, die ihren Glauben darlegt, einem Bekenntnis Ausdruck gibt. Und selbst Unglaube war in gewisser Weise ein Glaubensbekenntnis – ein Bekenntnis zum Unglauben. Spurgeon erkannte in der Weigerung, ein Glaubensbekenntnis zu verfassen, den Wunsch nach lehrmäßiger Weite. „Was man will, ist ein Bund, der wie die Arche Noah Platz für Reine und Unreine bietet, für kriechende Kreaturen und für Hühner mit Flügeln. Jeder Bund muss auf gewissen Prinzipien stehen, ansonsten ist er reine Fiktion. Wie können wir eins sein, wenn wir nicht einige große gemeinsame Wahrheiten vertreten?“, so Spurgeon (ebd.). Eine Einheit auf einer einzigen Grundlage, der Gläubigentaufe, war substanzlos. Spurgeon vergleicht dies mit dem Versuch, nur das Fundament eines Hauses erneuern zu wollen, was eine schier unlösbare Aufgabe darstellte. In einem solchen Fall müsste das ganze Haus zunächst abgerissen werden, um auf einem erneuerten Fundament wieder errichtet zu werden. Spurgeon war entschlossen: „Aufgrund der Beweise, die mich beständig erreichen und mich bestätigen, und aufgrund der ernsten Überzeugung, dass die Verschwörung gegen die Wahrheit ans Licht gebracht werden muss, werde ich nicht aufhören, den Niedergang in der Lehre ans Licht zu bringen, wo immer ich ihn sehe“ (ebd.).

Dass der Bruch mit dem Baptistenbund rückgängig gemacht werden könnte, verneinte Spurgeon mit deutlichen Worten: „Mit der Baptist Union als solche habe ich nun keine Verbindung mehr, aber was ihre Abkehr von der Wahrheit angeht, wird sie mit meiner Kritik leben müssen, obgleich der Bund mich so freundlich unter dem Vorwand einer Beratung ausgeschlossen hat. Werden diejenigen, die in dieser Auseinandersetzung mit beständigem Gebet zum Herrn, dem ich in dieser Angelegenheit mit Herz und Seele diene, an meiner Seite stehen, an mich denken?“ (ebd.).

Spurgeon informierte seine Leser ferner, dass er einen Brief verfasst und an die christliche Zeitschrift The Baptist gesandt hatte. In diesem Brief, den er in der Februarausgabe abdrucken ließ, erklärte Spurgeon: „Was immer das Gremium [der Baptist Union] tut, es sollte vor allen Dingen die Verwendung von Begriffen meiden, die berechtigterweise zwei Bedeutungen haben, die sich widersprechen. Wir wollen klar und offen sein. Es gibt ernsthafte Differenzen – dies wollen wir offen einräumen. Warum sollte sich jemand deswegen schämen? Diplomatie sollte nicht unser Führer sein, ebenso wenig wie der Wunsch, uns zu der einen oder anderen Partei zu halten. Klarheit bringt Sicherheit, und Kompromisse, indem man zweideutige Begriffe verwendet, werden sich auf lange Sicht nicht als weise bewähren“ (ebd.). Obgleich Spurgeon in Bezug für die Irrtümer, die sich in den Bund eingeschlichen hatten, keine Toleranz oder Kompromissbereitschaft zeigte, war er gleichwohl bereit, alle zu „ehren“ und „finanziell zu unterstützen“, die Bürden um des Herrn willen tragen, ganz gleich, „ob in der Baptist Union oder nicht“ (ebd.). Spurgeon bedauerte es, dass sich selbst eine Reihe von ehemaligen Bibelschülern des Metropolitan Tabernacle der „neuen Theologie“ zugewandt hatte. Aber entmutigen ließ er sich keineswegs: „Oh, dass das College und seine Männer ein großer Damm sein mögen, indem sie die kommende Flut der Falschheit aufhalten!“ (ebd.). Spurgeon hatte viele Briefe von jenen erhalten, die zum Fürsten der Prediger hielten. Diese teilten ihm mit, dass sie das Evangelium umso hingegebener verkündigten und dass sie ihre Gemeinden in beharrliches Gebet geführt hatten. Mitunter bewirkte dies sogar eine Erweckung, und viele Neubekehrte wurden Teil dieser Gemeinden.

 

Anmerkungen

1 G. Holden Pike, Life and Work of Charles Haddon Spurgeon, Vol. VI, Banner of Truth Trust, Edinburgh, 1991, S. 294.

 

© Georg Walter


 

 

 

 

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