und

2. Verwischte Grenzlinien II

Der geistliche Verfall des Fuller Seminars

09.08.2016

 

Fuller und die Irrtumslosigkeit der Schrift

Im Vorwort zur Chicago-Erklärung zur biblischen Irrtumslosigkeit vom Herbst 1978 heißt es: „Die Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklichkeit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber Gottes geschriebenem Wort zu erweisen. In Glauben oder Leben von der Schrift abzuirren, ist Untreue unserem Herrn gegenüber. Die Anerkennung der völligen Wahrheit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein völliges Erfassen und angemessenes Bekenntnis ihrer Autorität unerlässlich.“ 5

   Die Lehre der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift war seit dem Zeitalter der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts stetigen Angriffen ausgesetzt. Nach Immanuel Kant sollte der Mensch seine Unmündigkeit verlassen und sein Leben und Denken selbst bestimmen. Der aufkommende Humanismus und Rationalismus führte im Protestantismus dazu, dass man das reformatorische Schriftprinzip aufgab, an dessen Stelle die liberale Bibelkritik trat. Für Evangelikale blieb zunächst in allen Fragen des Glaubens nur die Bibel maßgeblich. Auch das Fuller Seminar war mit einem klaren Bekenntnis zur uneingeschränkten Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift angetreten.

   Das sollte sich ändern, als Dan Fuller, der Sohn von Charles E. Fuller, nach dreieinhalb Jahren theologischer Ausbildung in Deutschland an das Fuller Seminar zurückkehrte, um 1962 die Position des Rektors des Seminars zu übernehmen. 15 Jahre nach Gründung des Seminars drängten die progressiven Dozenten auf ein neues Glaubensbekenntnis bezüglich der Irrtumslosigkeit der Schrift. Konservative Dozenten hingegen – Dr. Ockenga war einer unter ihnen – sahen keinen Grund für ein neues Bekenntnis.
Dan Fuller war nach eigenen Worten während seiner theologischen Ausbildung in Deutschland stark von Karl Barth und seiner neoorthodoxen Theologie beeindruckt worden und gehörte zur progressiven Gruppe. George Marsden gibt in seinem Buch den Verlauf des Gesprächs wieder, welches die Kontroverse um die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift zum Inhalt hatte: „Er (Dan Fuller) brachte zum Ausdruck, dass er es als äußerst wichtig ansah, die Definition von Irrtumslosigkeit zu überarbeiten. ‚Dr. Ockenga‘, bekräftigte er vor der ganzen Fakultät und dem Kollegium, ‚es gibt Fehler, welche durch die Originalhandschriften nicht erklärt werden können. Es ist einfach geschichtlich nicht praktikabel, zu sagen, dass diese Irrtümer verschwinden würden, wenn wir im Besitz der Originalhandschriften wären.‘ Dann fuhr er fort, seine ganze Theorie über die Natur 
der biblischen Irrtumslosigkeit aufzuzeigen – sie besteht im Wesentlichen darin, dass die Bibel Irrtumslosigkeit nur für ihre ‚offenbarende‘ Lehre beansprucht, also für jene Dinge, die uns weise machen zur Errettung … Dr. Ockenga erwiderte ihm mit unverhohlener Entrüstung. ‚Nun gut, was machen wir nun? Dan Fuller denkt, dass die Bibel voller Irrtümer ist.‘“ 6

   Äußerlich beugte sich Dan Fuller schließlich dem Druck der Konservativen, zu denen auch sein Vater Charles Fuller gehörte. Dass er und die anderen progressiven Kräfte innerlich ihre neuen theologischen Überzeugungen aufgaben, ist zu bezweifeln. Schon damals verwendeten die Progressiven einfach weiterhin den Begriff „Irrtumslosigkeit“. Doch sie verstanden etwas anderes darunter und füllten ihn mit neuen Inhalten: Irrtumslosigkeit war lediglich auf die Fragen der Moral und des Glaubens der Schrift bezogen, in wissenschaftlichen und historischen Fragen galt, entgegen konservativ-evangelikaler Sicht, die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift nicht mehr. Die Lehre der eingeschränkten Irrtumslosigkeit der Schrift war geboren.

   Wie sehr sich die Studenten des Fuller Seminars in den kommenden Jahren von der konservativen Lehre der uneingeschränkten Irrtumslosigkeit entfernten, zeigen die Umfrageergebnisse von G. Marsden am Fuller Seminar. Bereits 1952 vertraten nur noch 61% der Studienabgänger die konservative Lehre der Irrtumslosigkeit der Bibel, und 1967 war der Anteil der Studienabgänger mit dieser Überzeugung sogar auf 25% gefallen. 7 Der Anteil der Studienabgänger, die an eine eingeschränkte Irrtumslosigkeit glaubten, also daran, dass die Bibel nicht in allen Teilen irrtumslos ist, lag 1952 bei nur 37% und stieg bis ins Jahr 1967 auf 72% an. 8 Zwei Drittel der neoevangelikalen Studienabgänger glaubten folglich in den 1970er Jahren nicht mehr daran, dass Gottes Wort uneingeschränkt irrtumslos sei.

   Das Fuller Seminar widersetzte sich zwar der neoorthodoxen Theologie Karl Barths, doch Anpassung an liberale Standpunkte war unverkennbar. Wo ein solcher Kurs, der einmal eingeschlagen wird, endet, zeigt der ausgewiesene Kenner der evangelikalen Geschichte, George Marsden, wenn er schreibt: „Die Mehrzahl der größten akademischen Institutionen Amerikas war von konservativen bibelgläubigen Evangelikalen gegründet worden. Aber fast jede dieser Schulen ist schließlich den Angriffen des theologischen Liberalismus zum Opfer gefallen und mündete zuletzt ganz offen im Säkularismus.“ 9

 

Fuller und ewige Verdammnis

Ehemalige Studenten des Fuller Seminars wurden befragt, ob es ihrer Meinung nach die Hölle als einen Ort ewiger Qual für all jene gibt, die nicht an Jesus Christus glauben. Nach Marsdens Umfrage im Jahre 1950 glaubten 96% der Studienanfänger am Fuller Seminar, dass es eine Hölle gibt, und immerhin noch 90% dieses Studienjahrgangs glaubten auch noch 1985 an die Existenz der Hölle. Fünfzehn Jahre später schrieben sich die Studenten des Studienjahrgangs 1965-67 am Fuller Seminar ein. Als diese 1985 zu diesem Thema befragt wurden, glaubten lediglich noch 71% an die Realität der Hölle. 10 Bereits nach etwas mehr als drei Jahrzehnten nach Gründung des Seminars war demnach ein Drittel der Studienabgänger aus dem Jahre 1967 nicht mehr überzeugt, dass die Hölle existiert. Berücksichtigt man, dass sich derartige Trends in der Regel fortsetzen, kann man davon ausgehen, dass der Anteil derer, die die biblische Lehre über die Hölle leugnen, heute weitaus höher liegt.

 

Fuller und die Ökumene

Es versteht sich von selbst, dass das Fuller Seminar den ökumenischen Dialog sucht und pflegt. „Um die globale Vision Fullers zu erfüllen, betont Howard Loewen (Dekan der Theologischen Fakultät) die Wichtigkeit der Verbindungen zwischen dem Seminar und der Kirche in allen ihren Formen – den traditionellen wie den nichttraditionellen. Das Seminar muss die Einheit der Kirche bewahren, sagt er, was ihre Ethik, ihren Missionsauftrag und ihre Grundlagen biblischer Überlieferung angeht.“ 11

   Die antiökumenische Front der Evangelikalen begann in den 1970er-Jahren zu bröckeln. Billy Graham sagte im Zusammenhang mit der internationalen Missionskonferenz (International Conference for Itinerant Evangelists) in Amsterdam im Jahre 1984, die für 21 Millionen Dollar von der Billy Graham Evangelistic Association organisiert wurde und an der 12000 christliche Leiter aus allen Kirchen und Denominationen weltweit teilnahmen, unverhohlen, dass Weltmission nur unter dem Schirm der Ökumene gelingen könne. Es waren solche Signale, die global nicht ungehört verhallten und viele Evangelikale darin bestärkte, einen ökumenischen Kurs einzuschlagen oder voranzutreiben.

   Im Gefolge dieser Entwicklung verwischten die Konturen biblisch-evangelikaler Lehrüberzeugungen immer mehr. Die reformatorische Lehre des Heils allein durch Glauben ist nicht weiter Kontrapunkt zur katholischen Lehre der Errettung durch Werke und Sakramente. Der katholische Marienkult, aus Sicht der Reformatoren Götzendienst, und das katholische Dogma der sündlosen Maria als Fürsprecherin der Menschen vor Gott, von den Reformatoren als Irrlehre bezeichnet, erregt kaum noch evangelikale Gemüter. Man spricht mittlerweile von „evangelikalen Katholiken“ – eine Wortkombination aus einander widersprechenden und sich gegenseitig ausschließenden Begriffen!

 

Fuller und der interreligiöse Dialog

2003 sorgten Vertreter des Fuller Seminars für großes Aufsehen in der evangelikalen Welt, als sie das Dokument Interfaith Ethics Code unterschrieben. In diesem Dokument heißt es wortwörtlich, dass Christen und Moslems „den gleichen Gott anbeten.“ In einer Stellungnahme des Fuller Seminars wurde versucht, diesen Satz des Dokuments zu entkräften und zu relativieren. Das Fuller Seminar erkläre sich bereit, in einen gegenseitigen Dialog mit den Moslems zu treten und verpflichtete sich, keine Jünger der moslemischen Glaubensrichtung abzuwerben. 12 Selbstverständlich dürfen Evangelikale mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen oder Religionen Gespräche führen. Doch die Aussage, Christen und Moslems beten denselben Gott an, widerspricht klassischen evangelikalen Grundüberzeugungen. Der Missionsbefehl des Herrn muss höhere Priorität haben als gegenseitige Verpflichtungen, keine Jünger für den eigenen Glauben zu machen.

 

Fuller und christliche Psychologie: Näher an Freud und Jung als an Jonathan Edwards

1965 gründete das Fuller Seminar die Fakultät für Psychologie (Graduate School of Psychology)Integration war das Schlagwort, unter welchem man die Psychologie und Theologie zusammenführen wollte. Die Spannungen zwischen Theologie und Psychologie sah man als künstlich an. So sollte beispielsweise in einem aktuellen Symposium aus dem Jahre 2007 aufgezeigt werden, dass man eine christliche Psychologie aus den Schriften des Kirchenvaters Augustinus abzuleiten vermag. Dies jedenfalls wollte Ellen T. Charry am Fuller Seminar (Integration Symposium, Februar 2007) mit ihren Vorlesungen beweisen: „Das klassische Christentum hat eine eigenständige Psychologie, denn es stellt ebenso sehr eine Lebensweise wie eine Ideenwelt dar. Die christliche Psychologie beginnt mit dem heiligen Augustinus von Hippo als Ergebnis seiner Bemühungen, Gott zu erkennen, zu lieben und sich an ihm zu erfreuen.“ 13 Die Autorin ging sogar noch einen Schritt weiter und beabsichtigte, in ihren Vorlesungen darzulegen, wie man die christliche Psychologie aus der Theologie ableiten und nutzbringend einsetzen kann. Dies sei, so Charry, nur dann möglich, wenn man „die moderne Psychologie und benachbarte medizinische Disziplinen zurate zieht.“ 14 Letztlich bedeutet dies, dass erst die Erkenntnisse der modernen Psychologie, Soziologie und Medizin einen vollständigen Zugang zur Heiligen Schrift eröffnen. Folgt man derartigen Thesen, wäre allen Gläubigen, die nicht über das Wissen moderner Wissenschaften verfügten, über Jahrhunderte der Zugang zum Reichtum der Heiligen Schrift verschlossen gewesen.

 

Fuller und das soziale Evangelium

Das Fuller Seminar verfügt neben den Fakultäten für Psychologie und Theologie auch über den Fachbereich Interkulturelle Studien. In dieser Fachrichtung werden Vorlesungen zu Gemeindewachstum, Mission und interkulturellen Studien angeboten. Im Jahre 2006 stieß Bryant Myers, Professor für „transformationale Entwicklung“ (transformational development), als Dozent zu diesem Fachbereich des Fuller Seminars. Er arbeitete dreißig Jahre lang für WVI (World Vision International), eine christliche Hilfsorganisation, die Entwicklungshilfeprojekte unterstützt und soziale Gerechtigkeit anstrebt. Die Webseite von WVI definiert ihre Ziele: »Transformationale Entwicklung strebt die Wiederherstellung und Schaffung eines ganzheitlichen Lebens in Würde, Gerechtigkeit, Frieden und Hoffnung für alle Mädchen, Jungen, Frauen, Männer, Familien und ihre jeweilige Gesellschaft an.“ 15 Weiter heißt es bezüglich der Mission von WVI: „World Vision ist ein internationaler Zusammenschluss von Christen, deren Mission es ist, unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus zu folgen, indem wir uns für die Armen und Unterdrückten einsetzen, um die Transformation der Menschheit und Gerechtigkeit zu erreichen und um die Gute Botschaft des Reiches Gottes zu bezeugen.“ 16 Hauptanliegen der transformationalen Entwicklung ist demnach die Schaffung sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen. Myers verwendet Begriffe wie „holistisch“ und „Transformation“, welche zum Grundwortschatz eines jeden New-Agers gehören. Die New-Age-Bewegung definiert „Holismus“ als eine organische Einheit, die im Universum alles organisch miteinander verbindet. Unter „Transformation“ wird die persönliche Selbstverwirklichung aller Menschen mit dem Ziel einer globalen Brüderlichkeit verstanden. Ein soziales Evangelium ohne klares biblisches Profil wird unter Evangelikalen zur neuen Alternative erhoben.

 

Fuller und Extremcharismatik

C. Peter Wagner wurde 1971 an die Schule für Weltmission (School of World Mission) des Fuller Seminars berufen. Er konzentrierte sich auf Studien des Gemeindewachstums und galt neben McGavran als maßgeblicher Kopf dieser Bewegung. Stark beeinflusst von dem Charismatiker John Wimber und dem Wachstum der charismatischen Gemeinden näherte er sich immer mehr der charismatischen Bewegung an. Peter Wagner prägte den Begriff Dritte Welle für das Wirken des Heiligen Geistes, das er unter den Vineyard-Gemeinden Wimbers beobachtete. Kennzeichen dieser Dritten Welle des Heiligen Geistes sind der Wunsch nach Einheit unter Christen, Evangelisation durch Zeichen und Wunder und geistlicher Kampf mit „territorialen Mächten“, dämonischen Geistern, welche ganze geografische Gebiete „beherrschen“ und durch Gebetstechniken „weggebetet“ werden können.

   Selbst Pfingstlern und Charismatikern gilt diese Bewegung als umstritten. Der Pfingsttheologe Paul Hawkes charakterisiert die Dritte Welle des Heiligen Geistes (und die später folgende Vierte Welle) der Charismatiker mit folgenden Worten: „… das Verständnis der Autorität der Heiligen Schrift wurde aufgegeben, und man wendet sich Erfahrungen zu, die man über die Heilige Schrift stellt … Fast alle Autoren dieser Welle legen die Schrift nicht mehr aus (Exegese), sondern sie lesen ihre Erfahrungen in die Schrift hinein (Eisegese).“ 17

   Wider aller gesunden biblischen Lehre war es bedauerlicherweise Billy Graham, der sich für Extremcharismatiker wie Oral Roberts (Wohlstandsevangelium) oder den umstrittenen koreanischen Extrempfingstler Yonggi Cho öffentlich einsetzte und sie als „gesegnete Brüder“ bezeichnete.

 

Fazit

Dieser kurze Überblick verdeutlicht eindrücklich, wie das Fuller Seminar, einst mit bibeltreuen Überzeugungen des klassischen Evangelikalismus angetreten, sich einer schrittweisen Aushöhlung zentraler Fundamente biblischer Rechtgläubigkeit nicht entziehen konnte. Ökumenisches, liberales und charismatisches Gedankengut konnte ungehindert an diesem Bildungsinstitut Fuß fassen. Selbst Berührungspunkte zur New-Age-Philosophie und zur rein säkularen Psychologie, die dem biblischen Menschenbild widerspricht, sind im Fuller Seminar mittlerweile nachweisbar. Die Entwicklung, die das Fuller Seminar durchlief, steht stellvertretend für eine Entwicklung, die den Evangelikalismus weltweit charakterisiert. Der Neoevangelikalismus gibt sich modern und aufgeschlossen. Er signalisiert intellektuelle Weite und Toleranz. Er steht für Pragmatismus, ökumenischen Dialog, betont die Liebe Gottes, integriert Psychologie in die Seelsorge, ohne über die Vereinbarkeit unterschiedlicher Menschenbilder zu reflektieren, und er sieht im Missionsbefehl neben der Verkündigung des Evangeliums soziale und politische Aktivitäten als geboten an.

   Rückblickend verlief die Geschichte des Evangelikalismus der letzten zwei Jahrhunderte in groben Zügen in dieser Weise. Mit dem Aufkommen der Bibelkritik Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts traten Vertreter des klassischen Evangelikalismus entschieden auf und begaben sich auf das Kampffeld um biblische Rechtgläubigkeit. Bis in das Jahr 1947 standen die klassischen Evangelikalen geschlossen zusammen und wehrten liberaltheologische Einflüsse erfolgreich ab. Dies änderte sich jedoch mit Gründung des neoevangelikalen Fuller Seminars, als sich das evangelikale Lager in bibeltreue Fundamentalisten und eher akademisch ausgerichtete Neoevangelikale spaltete. Letztere stellen heute global betrachtet die Mehrheit. In den 1990er Jahren entstand eine weitere Strömung, die Emerging Church Bewegung, die sich ausgehend von den USA berufen sieht, den postmodernen Menschen zu erreichen. Dies, so die Überzeugung ihrer Vertreter, kann nur auf neue und progressive Weise erreicht werden. Die Emerging Church ist vielschichtig und weist starke Tendenzen zur liberalen Theologie und zum Ökumenismus auf. Sie konnte sowohl im Evangelikalismus als auch in den Kirchen des Mainstreams Fuß fassen, wenngleich bislang noch als Randerscheinung. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die evangelikale Bewegung im 20. Jahrhundert seit Mitte des Jahrhunderts bahnbrechende Veränderungen durchgemacht hat und als Ganzes betrachtet liberaler, ökumenischer, charismatischer und seit den 1990er Jahren emergenter geworden ist.

   Der Evangelikalismus ist in der Tat „zu einem bunten Gebilde“ geworden. Die Definition, wer evangelikal ist, hat sich „stark ausgeweitet“, wie Holthaus zutreffend erklärt. Kann der Evangelikalismus zu einer gesunden Theologie zurückfinden? Nochmals sei an dieser Stelle an das Pauluswort „Glauben an die Wahrheit“ (2Thess 2,13) erinnert. Gesunde Theologie, biblischer Glaube, evangelikaler Glaube im Sinne eines evangeliumsgemäßen Glaubens muss sich an der Wahrheit der Schrift orientieren. Die immer weiter ausufernden emergenten, charismatischen, ökumenischen und liberalen Tendenzen scheinen derzeit jedoch ungehindert weiterzuwuchern. Und längst schwimmen die ersten Bibeltreuen konservativster Prägung in dieser trüben Brühe mit.

   Nach dem kurzem historischen Rückblick und einer Bestandsaufnahme des Zustands der evangelikalen Bewegung, wollen wir uns der Frage zuwenden: Was ist ein Evangelikaler? Mit anderen Worten, es geht um die grundsätzliche Frage, wer oder was sich als „evangelikal“ bezeichnen darf. Denn schließlich wird das Wort „evangelikal“ vom Evangelium abgeleitet und will damit zum Ausdruck bringen, dass Evangelikale dem Evangelium folgen.

 

Quellangaben

 

Georg Walter © alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.

 


 

 

 

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