und

Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir

John Charles Ryle (1817-1900)

23.09.2016

Zu derselben Stunde frohlockte Jesus im Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast. Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Und zu den Jüngern gewandt sagte er: Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und wer der Vater ist, [weiß niemand] als nur der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will (Lk 10,21-22).

Es gibt in diesen Versen vier bemerkenswerte Punkte, welche die Aufmerksamkeit all derer verdienen, die besser unterwiesene Christen sein möchten. Last uns jeden einzelnen dieser Punkte der Reihe nach betrachten.

Erstens sollten wir beachten, dass wir hier das einige Mal finden, dass unser Herr frohlockte. Wir lesen in Vers 21: „Zu derselben Stunde frohlockte Jesus im Geist.“ Dreimal wird uns in den Evangelien berichtet, dass unser Herr Jesus Christus weinte. Nur einmal erfahren wir, dass er frohlockte.
Und was war die Ursache der Freude unseres Herrn? Es war die Bekehrung von Seelen. Es war die Aufnahme des Evangeliums durch die Schwachen und Geringen unter den Juden, während die „Weisen und Klugen“ (Vers 21) auf allen Seiten es verwarfen. Unser gepriesener Herr sah zweifellos vieles in dieser Welt, was ihn betrübte. Er sah die hartnäckige Blindheit und den Unglauben der überwiegenden Mehrheit der Menschen, unter denen er seinen Dienst ausübte. Doch als er ein paar arme Männer und Frauen die frohe Botschaft vom Heil annehmen sah, wurde sogar sein Herz erquickt. Er sah es und frohlockte darüber.
Mögen alle Christen das Verhalten des Herrn in dieser Sache beachten und seinem Vorbild nachfolgen. Sie finden nur weniges in der Welt, was sie fröhlich werden lässt. Sie sehen um sich her eine riesige Menge, die sorglos, verhärtet und ungläubig auf dem breiten Weg wandelt, der zum Verderben führt. Sie sehen ein paar hier und da, und zwar nur ein paar, die da glauben zur Errettung ihrer Seele. Aber möge diese Sicht sie dankbar machen. Mögen sie Gott dafür preisen, dass überhaupt Seelen bekehrt werden und dass überhaupt Menschen an das Evangelium glauben. Wir erfassen die Sündhaftigkeit des Menschen nicht hinreichend. Wir denken nicht darüber nach, dass die Bekehrung einer Seele ein Wunder ist, ein Wunder, das ebenso groß ist wie die Auferweckung des Lazarus von den Toten. Lasst uns von unserem gepriesenen Herrn lernen, dankbar zu sein. Es gibt immer auch irgendwo blauen Himmel neben den schwarzen Wolken, wenn wir nur Ausschau halten wollen. Obgleich nur wenige errettet werden, sollten wir darin einen Grund zum Frohlocken finden. Nur durch die freie Gnade und unverdiente Güte Gottes werden überhaut Seelen errettet.

Zweitens sollten wir die Souveränität Gottes in der Errettung von Sündern beachten. Wir lesen, dass unser Herr zu seinem Vater sprach: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast“ (Vers 21a).
Der Sinn dieser Worte ist klar und deutlich ersichtlich. Es gibt einige, vor denen das Heil „verborgen“ wird. Es gibt andere, denen das Heil „geoffenbart“ wird.
Diese hier niedergelegte Wahrheit ist tief und geheimnisvoll. „Sie ist so hoch wie der der Himmel: Was können wir tun? Sie ist so tief wie die Hölle: Was wissen wir darüber?“ Warum einige um uns her bekehrt werden und andere tot in ihren Sünden bleiben, können wir unmöglich erklären. Warum England ein christliches Land ist und China im Götzendienst begraben liegt, ist ein Problem, welches wir nicht lösen können. Wir wissen nur, dass es so ist. Wir können nur anerkennen, dass die Worte des Herrn Jesus Christus uns die einzige Antwort liefern, die sterbliche Menschen geben sollten: „Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir“ (Vers 21b).
Lasst uns jedoch nie vergessen, dass die Souveränität Gottes nicht die menschliche Verantwortung zunichte macht. Derselbe Gott, „der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willen“ (Eph 2,11), spricht uns immer als verantwortliche Geschöpfe an, als Wesen, deren Blut auf ihrem eigenen Haupt sein wird, wenn sie verloren gehen. Wir können nicht alle Wege verstehen. Wir sehen stückweise, und wir erkennen stückweise. Lasst uns in der Überzeugung ruhen, dass der Gerichtstag alles aufklären wird und dass der Richter aller zweifelsohne gerecht handeln wird. Lasst uns in der Zwischenzeit daran denken, dass Gottes Heilsangebote kostenlos, weitreichend, umfassend und unbegrenzt sind. Im Artikel 17 der 39 Artikel der Kirche von England heißt es dazu: „Gottes Wille muss in unserem Leben so befolgt werden wie wir ihn im Worte Gottes ausdrücklich geoffenbart vor uns haben.“
Wenn die Wahrheit von einigen verborgen und anderen geoffenbart wird, so dürfen wir sicher sein, dass es einen Grund dafür gibt.

Drittens sollten wir den Charakter der Leute beachten, vor denen die Wahrheit verborgen wird, und den Charakter der Menschen, denen die Wahrheit geoffenbart wird. Wir lesen, dass unser Herr sagt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast“ (Vers 21a).
Wir dürfen aus diesen Worten keine falsche Lektion ableiten. Wir dürfen aus ihnen nicht folgern, dass irgendwelche Menschen auf der Erde von Natur auf Gottes Gnade und sein Heil mehr verdienen würden als andere. Alle sind gleichermaßen Sünder und verdienen nichts als Zorn und Verdammnis. Wir müssen diese Worte einfach als Feststellung einer Tatsache betrachten. Die Weisheit dieser Welt macht Menschen oft hochmütig und verstärkt ihre natürliche Feindschaft gegen das Evangelium Christi. Der Mensch, der sich nicht seiner Erkenntnis oder seiner eingebildeten Sittlichkeit rühmt, auf die er zurückfallen könnte, hat oft die geringsten Schwierigkeiten damit, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Die Zöllner und Sünder sind oftmals die ersten, die in das Reich Gottes eingehen, während die Schriftgelehrten und Pharisäer draußen bleiben.
Lasst uns aus diesen Worten lernen, uns vor der Selbstgerechtigkeit zu hüten. Nicht verblendet die Augen unserer Seele so sehr für die Schönheit des Evangeliums wie die vergebliche, trügerische Vorstellung, dass wir nicht so unwissend und böse seien wie manche und dass wir einen Charakter hätten, der einer näheren Untersuchung standhalten könne. Glückselig ist jener Mensch, der gelernt hat, zu empfinden, dass er „elend und erbärmlich“…, arm, blind und entblößt“ ist (Offb 3,17)- Die Einsicht, dass wir schlecht sind, ist der erste Schritt dahin, wirklich gut zu werden. Das Empfinden, dass wir unwissend sind, ist der erste Anfang aller errettenden Erkenntnis.

Viertens sollten wir die Majestät und die Würde unseres Herrn Jesus Christus beachten. Wir lesen, dass er sagte: „Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und wer der Vater ist, [weiß niemand] als nur der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will“ (Vers 22).
Dies sind die Worte von jemandem, der wahrer Gott vom wahren Gott war und nicht bloß ein Mensch. Wir lesen von keinem Patriarchen oder Propheten oder Apostel oder Heiligen aus allen Zeiten der Heilsgeschichte, der sich je solcher Worte bediente. Sie offenbaren unseren staunenden Augen ein wenig von dem gewaltigen Geheimnis der Natur und Person unseres Herrn. Sie zeigen uns ihn als Haupt über alles und als den König der Könige: „Alles ist mir gegeben worden von meinem Vater.“ Sie zeigen uns ihn als den Sohn, der von dem Vater unterschieden und doch völlig mit ihm eins ist und ihn in einer nicht in Worte zu fassenden Weise erkennt: „Niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und wer der Vater ist, [weiß niemand] als nur der Sohn“. Sie zeigen ihn nicht zuletzt als den mächtigen Offenbarer des Vaters an die Menschensöhne, als den Gott, der Ungerechtigkeit vergibt und Sünder um seines Sohnes willen liebt: Wer der Vater ist, [weiß niemand] als nur der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will“ (Vers 22).

Unsere Seelen sollten in diesem Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus ruhen. Er ist „mächtig zu retten“. So viel und schwerwiegend unsere Sünden auch sein mögen, Christus kann sie alle tragen. So schwierig das Werk unserer Errettung auch ist, Christus ist imstande, es zu vollbringen. Wenn Christus nicht ebenso Gott wie auch Mensch war, könnten unsere Seelen tatsächlich zweifeln. Aber mit solch einem Retter dürfen wir freimütig beginnen  und hoffnungsvoll fortfahren und den Tod und das Gericht ohne Furcht erwarten. Unsere Hilfe ist „auf einen Mächtigen gelegt“ (Ps 89,19; Elbf), Christus, welcher über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit (Röm 9,5; Elbf), wird nicht einen versäumen und verlassen, der sein Vertrauen auf ihn setzt.

 


Quellangabe: J.C. Ryle, Lukas Band 2, Seite 145-148, erschienen im 3L Verlag ©
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Die 3teilige Kommentarreihe von J.C. Ryle zum Lukas Evangelium ist wirklich sehr zu empfehlen. Anbei ein Link zu Band 2: https://www.3lverlag.de/lesekommentar/lukas-band-2.html

 

Nach oben