und

Wie Gott einen Reformator beruft

Ein Beitrag von Georg Walter


24.02.2017

 

Wenn mir der Herr in seinem Wort begegnet,
Wenn ich die großen Gnadentaten seh,
Wie er das Volk des Eigentums gesegnet.
Wie er’s geliebt, begnadigt je und je,

Dann jauchzt mein Herz dir, großer Herrscher zu
Wie groß bist du, wie groß bist du!
Dann jauchzt mein Herz dir, großer Herrscher zu
Wie groß bist du, wie groß bist du!


Carl Gustaf Boberg

 

 

Als der schwedische Pastor Carl Gustaf Boberg (1859-1940) auf einem Spaziergang war, brach jählings ein Gewitter los, begleitet von heftigen Winden und Donnergrollen. Nachdem sich das Gewitter gelegt hatte und Ruhe eingekehrt war, hörte Boberg in der Ferne die Glocken seiner Kirche läuten. Die Worte „Wie groß bist Du“ wurden in sein Herz gelegt, und daraus entstand das Lied Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte. Gott benutzte ein Unwetter, um das Herz eines Pastors zu bewegen, ein Kirchenlied zu dichten, das bis heute gesungen wird. Dass Gustaf Boberg die Botschaft des Evangeliums der Gnade im Herzen er- und begriffen hatte, beweisen seine Worte: „Wenn mir der Herr in seinem Wort begegnet ... “

   Boberg gehörte der Svenska Missionskyrkan (Mission Covenant Church of Sweden), einer reformierten Freikirche Schwedens an, die ihre Wurzeln im Pietismus und den christlichen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts hatte. Während die Svenska Missionskyrkan wie Presbyterianer, Baptisten, Pietisten, Methodisten oder die Brüderbewegung zu den vielen Nebenströmen des Protestantismus gehörte, waren es Reformierte und Lutheraner, die zum bedeutendsten Hauptstrom des Protestantismus zählten. Beim Protestantismus handelt es sich somit nicht um eine Kirche, sondern um eine christliche Strömung.

   Die Bezeichnung ”Protestant” geht auf das Protestschreiben, die Protestation, zurück, die 1529 auf dem Reichstag zu Speyer eingereicht wurde. Jene deutschen Fürsten, die der Lehre des Reformators Martin Luther folgten, wollten sich dem Reichstagsbeschluss nicht fügen, der eine Reichsacht gegen Martin Luther verhängt hatte. Zunächst wurde der Begriff ”Protestant” lediglich auf die Anhänger Luthers angewandt, doch bald wurde der Begriff auch auf die Gefährten Johannes Calvins, die Reformierten, und später auf alle Strömungen ausgedehnt, die aus der Reformation hervorgingen.

   Eine der Hauptfiguren der Reformation – für manche gar der ”Vater der Reformation” – war Martin Luther.

Ähnlich wie bei Gustaf Boberg war es ein Unwetter, das Martin Luthers Herz bewegte. Als ihn am 2. Juli 1505 ein schweres Gewitter überraschte und ein Blitz vor ihm erschien, fiel er vor Schrecken zu Boden und schrie: ”Hilf, liebe Sankt Anna, ich will ein Mönch werden.” Zurück in Erfurt wurde er kurz von Zweifeln geplagt, ob er dieses vorschnelle Gelübde einlösen solle, doch am 17. Juli stand sein Entschluss endgültig fest. Martin Luther klopfte an die Tore des Augustinerklosters, wo er bis zu seinem Lebensende bleiben wollte, so zumindest meinte er. Erst Jahre später erkannte Luther, dass ihm die Todesangst das Mönchsgelübde aufgezwungen hatte.

   Luther wuchs in Zeiten großen geschichtlichen Wandels auf. Um 1500 gab es in China und Zentralasien kaum noch christliche Kirchen. In Indien überlebte nur eine kleine christliche Minderheit, und in Kleinasien, einst ein Zentrum christlicher Frömmigkeit, war das Christentum im Niedergang begriffen. Konstantinopel, Sitz der Orthodoxen Kirche, war bereits 1453 in die Hände islamischer Eroberer gefallen, und die Hagia Sophia, auch Sophienkirche genannt, wurde in diesem Zuge in eine Moschee verwandelt. Der östliche Mittelmeerraum, ebenfalls ein Zentrum christlichen Denkens, stand unter moslemischer Herrschaft. Über Städten wie Jerusalem, Antiochien und Alexandrien, die einst unter katholischer Vorherrschaft standen, wehte nun die Flagge des Halbmondes.

   Der geistige Zustand der katholischen Kirche war ernüchternd. Klöster, Kleriker und das Papsttum waren korrupt. Die mittelalterliche Gesellschaftsordnung des Feudalismus, der Leibeigenschaft der meist adligen Großgrundbesitzer, begann brüchig zu werden. Die Städte wuchsen, und viele Menschen verließen die ländlichen Gebiete. Welche Rolle die Kirche in diesem gesellschaftlichen Wandel spielen würde, war in jener Zeit noch nicht absehbar.

   Luther selbst muss diese Zeit als eine Zeit des nahenden Endes begriffen haben. In Luthers persönlichem „Bekenntnis“ (Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis) schrieb er 1528 in einer Phase schwerer Krankheit und in Erwartung seines möglichen Todes: „Weil ich sehe, dass Aufruhr und Irrtum je länger je mehr werden und das Toben und Wüten des Satans nicht aufhören, ... will ich mit dieser Schrift vor Gott und aller Welt meinen Glauben Stück für Stück bekennen, bei dem ich gedenke zu bleiben bis in den Tod, um in ihm, wozu mir Gott helfe, von dieser Welt zu scheiden und vor unseres Herrn Jesu Christi Richterstuhl zu kommen.“ 1

Dies waren die Worte Luthers als Reformator, der 23 Jahre zuvor in ein katholisches Kloster eingetreten war, ohne auch nur zu ahnen, dass seine Person über die deutschen Grenzen hinweg den protestantischen Glauben beflügeln würde. Luther wollte im Grunde zunächst nur eine Reformation seiner Kirche, der katholischen Kirche. Doch als der Herr ihm in seinem Wort begegnete, konnte er nicht anders, als sich der Wahrheit zu beugen und seinem Herrn Jesus Christus zu folgen. Sein reformatorischer Eifer führte zur Kirchenspaltung und im Zuge dieser Ereignisse bedauerlicherweise zu Religionskriegen, einem düsteren Kapitel der Geschichte der Reformation.

   Während mancher Protestant den Reformator Martin Luther als Vater des Protestantismus verehrt, sieht mancher Katholik in ihm einen Spalter der Kirche. Und natürlich gibt es zwischen diesen beiden Polen der Beurteilung viele Nuancen und Stufen im ökumenischen Miteinander unserer Tage. Es lohnt sich jedenfalls, die Ereignisse in Luthers Leben nachzuzeichnen, die schließlich zum Bruch mit seiner Mutterkirche führten, um im Verlauf dieser Betrachtungen die Frage zu vergegenwärtigen, ob denn Luthers Schisma zu Recht oder zu Unrecht vollzogen wurde. Die Perspektive, aus welcher die folgenden Überlegungen angestellt werden, ist jene, die heute von der Mehrzahl der Christen zwar nicht mehr geteilt wird, die indessen von Luther selbst und wahren Christen über Jahrhunderte hinweg vertreten wurde. Es ist die Sichtweise aus dem Blickwinkel von dem, was Luther als das „Wort Gottes“ bezeichnete, jener Ausdruck Luthers, den er für den Anspruch der Heiligen Schrift verwendete, sowohl Offenbarung Gottes in Wort und Schrift als auch göttliche Gegenwart in Christus im Herzen des Gläubigen zu sein. Wahrer Glaube kommt aus dem Wort und war das Fundament der Theologie Luthers.

   Luther selbst wollte keineswegs, dass andere von lutherischer Theologie sprachen, konnte doch Lehre aus seiner Sicht nur immer das Prädikat „christlich“ tragen. Er schrieb 1522: „Ich bitte, man wollt meines Namens geschweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. So bin ich auch für niemand gekreuzigt. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? ... Liebe Freunde, lasst uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, des Lehre wir haben.“ 2 Der „arme Madensack“ Luther hatte zumindest mehr Demut als manche der heutigen Theologen – und mancher Denominationen –, die in dem Dünkel leben, die ganze Christenheit müsse ihren Lehren folgen. Wie Luther letztlich zu beurteilen ist, können wir getrost Gott überlassen, da er allein ein gerechtes Urteil fällen wird. Doch Gott ließ es sich nicht nehmen, einen „Madensack“ zu gebrauchen, um die theologische Welt zu verändern.

   Als Luther den Entschluss fasste, in das Erfurter Augustinerkloster einzutreten, handelte es sich um eine bewusste Entscheidung für das Klosterleben und eine mönchische Bewegung, denen Scheinheiligkeit und Lasterhaftigkeit in jener Zeit nicht vorgeworfen wurde. Die Augustiner Erfurts waren angesehen und widmeten sich in erster Linie dem Studium und der Verkündigung von Gottes Wort sowie der Seelsorge. Bereits im Kloster schrieb Luther seinem Vater einen Brief über seinen Entschluss, Mönch zu werden, was in ihm vorerst große Wut über den eigenmächtigen Schritt seines Sohnes aufkommen ließ. Erst später stimmt der Vater widerwillig der neuen Berufung seines Sohnes zu.

   In den Augustinerklöstern wurde in jener Zeit auf Anordnung des Ordensvicars Staupitz dazu ermuntert, die Heilige Schrift in der lateinischen Bibelübersetzung eifrig zu lesen und zu studieren. Luther hat davon regen Gebrauch gemacht. Der katholischen Tradition folgend erwählte sich Luther 21 Heilige, deren Schutz er anrief, darunter auch die Heilige Anna, die Schutzpatronin gegen Gewitter, die er bei seinem „Gewitter-Erlebnis“ angerufen hatte. Gebete, Almosen, Fasten, Kasteiungen, Bußübungen, Nachtwachen, das Umherziehen mit dem Bettelsack, die Beichte und ständige Selbstprüfung, die dem jungen Luther seine Sünden nur noch umso reichlicher vor Augen führten, füllten sein Mönchsleben aus. Aber Luther war von Anbeginn an ein fleißiger Schüler der Bibel und der theologischen Schriften seiner Zeit, der mittelalterlichen Scholastik.

   Schon früh muss Luther die Frage bewegt haben, wie der Sünder das ewige Heil erlangen könne. Die katholische Kirche lehrte – und lehrt es auch heute noch –, dass neben der Gnade die eigenen frommen Werke, der Ablasshandel und schließlich das Fegefeuer einen Anteil an der Erlangung des Heils haben. Luther zählte zu den eifrigsten unter den Mönchen. Es sollte etwa ein Jahrzehnt dauern, bis die Anstrengungen des frommen Fleisches Luthers durch die Erkenntnis der Wahrheit der Rechtfertigung aus Gnade allein endgültig erstarben. Dieses Ereignis ist bis heute als das Turmerlebnis Luthers bekannt, weil ihm das Licht der Wahrheit im Turm des Augustinerklosters geschenkt wurde. Die Lutherforschung streitet sich noch über den genauen Zeitpunkt. Dieses Ereignis muss sich zwischen 1513 und 1518 zugetragen haben. Entscheidend ist indessen nicht die Kenntnis des genauen Tages oder Jahres, denn es mag sich durchaus im Ratschluss Gottes so ereignet haben, dass Luther als Werkzeug in seiner Hand allmählich immer mehr Licht über das wahre Evangelium empfangen hatte.

   Ehe Luther die freimachende Botschaft des Evangeliums in seinem ganzen Reichtum innerlich erfasste und durch das neue Leben in Christus das Alte des frommen Ichmenschen hinter sich ließ, war sein Charakter von Eifer einerseits und Melancholie andererseits geprägt. Letztere übermannte ihn immer dann, wenn er auf seine Sünden und Verfehlungen blickte, auch auf die kleinsten seiner menschlichen Schwachheit. Rückblickend sagte Luther über seine Klosterjahre später, dass er sich als hoffärtiger Heiliger abmühte, Gott zu gefallen und es doch niemals vermochte.

   Luther wurde am 2. Mai 1507 zum Priester ordiniert, und im Oktober 1512 wurde er Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Wittenberg. Umgehend beginnt der Doktor der Theologie mit Vorlesungen über die Psalmen, um sich in den folgenden Jahren jenen neutestamentlichen Briefen zu widmen, die ihn zur rechten Erkenntnis der Wahrheiten des Evangeliums führten: dem Römerbrief und dem Galaterbrief.

   Während Luther sich im Südturm des Wittenberger Augustinerklosters in seinem Studierzimmer auf eine seiner Vorlesungen vorbereitete, lenkte der Heilige Geist seinen glühenden Eifer für den Römerbrief des Apostels Paulus auf das Wort „Gottes Gerechtigkeit“. Luther schreibt rückblickend über jenes denkwürdige Ereignis:

„Es war gewiss wunderbar, von welchem glühenden Eifer ich ergriffen worden war, Paulus im Brief an die Römer kennenzulernen, aber mir hatte bis dahin nicht die Kälte des Herzens im Wege gestanden, sondern ein einziges Wort, das im ersten Kapitel steht (1,17): Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (Evangelium) offenbar. Denn ich hasste dieses Wort „Gerechtigkeit Gottes“, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Doktoren gelehrt worden war, es von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit her zu verstehen, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und die Ungerechten straft.

   Ich aber, der ich fühlte, dass ich vor Gott ein Sünder mit unruhigem Gewissen sei, und nicht glauben konnte, dass ich durch meine Genugtuung versöhnt sei, (obgleich) ich wie immer ein untadeliger Mönch lebte, liebte den gerechten und die Sünder strafenden Gott nicht; ja, ich hasste ihn vielmehr und war unwillig gegen Gott, wenn nicht in unausgesprochener Lästerung, so doch mit mächtigem Murren, indem ich sagte: Als ob es wirklich nicht genug sei, dass die elenden und durch die Erbsünde ewiglich verdammten Sünder durch das Gesetz des Dekaloges mit jeder Art von Unheil bedrückt sind, wenn Gott nicht durch das Evangelium Leid an Leid füge und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhe. So raste ich mit meinem wütenden und verwirrten Gewissen, pochte aber dennoch ungestüm an dieser Stelle bei Paulus an, weil ich glühend danach dürstete, zu erfahren, was Sankt Paulus wolle.

   Tag und Nacht dachte ich unablässig darüber nach, bis Gott sich meiner erbarmte und ich auf den Zusammenhang der Worte achtete, nämlich: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbar, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als die Gerechtigkeit zu verstehen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus dem Glauben, und begriff, dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, und zwar die passive, durch die uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus (seinem) Glauben. Da fühlte ich, dass ich ganz und gar neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war. Ununterbrochen zeigte mir nun die ganze Heilige Schrift ein anderes Gesicht. Ich durchlief die Schriften, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Wörtern einen entsprechenden Sinn; so bedeutet das Werk Gottes das Werk, das Gott in uns wirkt, Kraft Gottes die Kraft, durch die er uns kräftig macht, Weisheit Gottes die Weisheit, durch die er uns weise macht. (Ebenso ist es) mit Stärke Gottes, Heil Gottes und Herrlichkeit Gottes.

   In dem gleichen Maße, in dem ich vorher das Wort Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, erhob ich mir nunmehr voller Liebe dieses allersüßeste Wort. So wurde mir diese Stelle des Paulus wahrlich zur Pforte des Paradieses.“ 3

Luthers Turmerlebnis veränderte nicht nur ihn sondern die Welt. Die Erleuchtung, die er empfing, prägte von nun an sein Schriftverständnis. Als er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, wusste er noch nicht, welche Folgen sein Handeln nach sich ziehen würden. In seinen 95 Thesen kritisierte er an der Kirche, der er noch selbst angehörte, vor allem den Ablasshandel, das falsche Verständnis der Buße und den Papst. Die neu gewonnene Einsicht, dass Gott die Gerechtigkeit allein aus Glauben zurechnet, wird in den 95 Thesen Luthers nicht dargelegt, aber die ersten Ansätze für Luthers Überzeugung, dass Schriftautorität – sola scriptura (allein die Schrift) – über Kirchenautorität stehe, sprechen deutlich aus seinen Thesen. Luther ging es mit seinem in Lateinisch verfassten Thesenanschlag, der ursprünglich für eine akademische Debatte bestimmt war, nicht um die Schaffung einer neuen Kirche, sondern um Reformation seiner eigenen Kirche.

   Schnell wurden Luthers Thesen ins Deutsche übersetzt und fanden dank der Erfindung des Buchdrucks in kürzester Zeit Verbreitung in ganz Deutschland. Die Auswirkungen dieser Vorgänge setzten etwas in Gang, was der angehende Reformator wohl niemals beabsichtigt hatte. Als Reformator der eigenen Kirche abgelehnt, wurde Luther zum Kirchenspalter. Und dies alles, weil Luther den Mut aufgebracht hatte, eine Diskussion über das zu beginnen, was unzählige Menschen gleich ihm bewegte: der Abfall der Kirche von ihrer eigentlichen Berufung. Luther selbst muss wohl von den zustimmenden Reaktionen des Volkes überrascht gewesen sein. Dies war der Anfang der deutschen Reformation.

   Der Dominikanermönch Silvester Prierias, päpstlicher Inquisitor, verfasste eine die Schrift Dialogus (Zwiegespräch) und legte sie im Dezember 1517 dem Papst vor. In dieser Schrift wurden nicht nur den Thesen Luthers aus katholischer Sicht widersprochen, sondern eine Reihe lutherischer Lehren wurden darin sogar als Häresie bezeichnet. Erst im Mai 1518 wurde Luther die gedruckte Version des Dialogus vorgelegt. Die kirchlichen Konzilien, der Papst und die römische Kirche als Gemeinschaft aller Heiligen könne sich nicht irren, und wer dem widerspricht, sei ein Häretiker, so das Dokument. Dies befeuerte den Kampfgeist Luthers, für die Wahrheit des Evangeliums einzutreten, erst recht umso mehr. Von nun an sollte Luther an der christlichen Heilswahrheit – an dem „edlen anvertrauten Gut“ (2Tim 1,14) – mit aller von Gott geschenkten Kraft festhalten. Würden wir eine Kirchengeschichte aus dem Blickwinkel der Wahrheit von Gottes Wort schreiben, müssten wir zu dem Schluss kommen, dass es im Grunde nicht Luther war, der die Kirche spaltete. Es war der katholische Dogmatismus, die Unwahrheit, die sich über Jahrhunderte den Deckmantel christlicher Frömmigkeit übergeworfen hatte, die die Kirchentrennung verursachte. Nicht Luther musste sich den menschlichen Traditionen des Katholizismus unterwerfen, sondern die katholische Kirche hätte sich im Grunde der ewigen Wahrheit des Evangeliums beugen müssen.

   Der endgültige Bruch Luthers mit der katholischen Kirche folgt der Bannandrohung von Papst Leo X. im Jahre 1520. Sollte Luther nicht innerhalb von 60 Tagen seine Thesen und Lehren widerrufen, würde er aus der Kirche ausgeschlossen werden. Luther war zu sehr ein Streiter für die Wahrheit, als dass er sich durch diese Androhung kirchlicher Macht hätte einschüchtern lassen. Nachdem die römische Kirche eine öffentliche Verbrennung seiner Schriften angeordnet hatte, antwortete er trotzig mit der Verbrennung der päpstlichen Bannandrohung.

   Am 17. April 1521 stand Luther vor dem deutschen Kaiser Karl V. Er wurde erneut vor ein Ultimatum gestellt: Entweder er widerrufe und beuge sich der römischen Kirche, oder der Kirchenbann würde aufrechterhalten. Die Entschlossenheit des Reformators wird daran deutlich, dass er nach nur einem Tag Bedenkzeit vor den Wormser Reichstag trat und vor Kaiser Karl V., der sich als Schutzherr der Christenheit bezeichnete, das Zeugnis ablegte, das sich dem heiligen Gotteswort „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5,29) stärker verpflichtet fühlte als menschlichen Einheitsbemühungen: „Wenn ich nicht überwunden werde durch Zeugnisse der Heiligen Schrift oder durch evidente Vernunftsgründe – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil feststeht, dass sie sich schon oft geirrt und sich selbst widersprochen haben –, bin ich durch die von mir angezogenen Schriftstellen besiegt, und das Gewissen ist in Gottes Wort gefangen, und ich kann und will nicht irgendetwas widerrufen, weil es weder gefahrlos noch heilsam ist, gegen das Gewissen zu handeln. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen.“ 4

   Als Kaiser Karl am 8. Mai 1521 das Wormser Edikt unterschrieb, das die Reichsacht über Luther verhängte, hatte die reformatorische Bewegung bereits so viel Zustimmung erfahren, dass das Feuer der Reformation nicht mehr zu löschen war. Hierin sehen wir gleichsam die Hand Gottes, des wahren Weltenherrschers, der sowohl der kaiserlichen Ordnungsmacht als auch der Macht der römischen Kirche gebührend Einhalt gebot als auch seine schützende Hand über den Reformator hielt, der noch eine beträchtliche Wegstrecke in seinem Glaubenskampf vor sich hatte.

   Vier Säulen der Reformation – auch als die „vier solas“ bekannt – sollten für Jahrhunderte nicht nur für den Protestantismus, sondern auch für die daraus entstehenden protestantischen Freikirchen, Denominationen und Strömungen zu den festen Fundamenten der christlichen Lehre gehören. Die Rechtfertigung allein aus Glauben, sola fide, allein aus Gnade, sola gratia, alleine durch Christus, solus Christus, war Gottes Handeln am Menschen, und dies alles alleine auf der Grundlage der Schrift, sola scriptura. Wer von nun an für die „vier solas“ stand, positionierte sich gegen Werksgerechtigkeit, gegen ein Evangelium, das neben der Erlösungstat Christi noch menschliche Verdienste forderte und gegen den Anspruch der römischen Kirche, dass die päpstliche Lehre ex cathedra oder kirchliche Konzile in gleicher Autorität neben der Schrift Geltung hatten.

   Menschen, die immer nur für etwas, indessen nie gegen etwas sein wollen, wird Gott niemals als Werkzeug gebrauchen können. In der Person Luthers vereinte sich aber mehr als die Fähigkeit und der Wille, Position für die Wahrheit zu beziehen. Luther war mit allen Konsequenzen bereit, für den ein für alle Mal überlieferten Glauben zu kämpfen, gegen alle Widerstände, die sich vor ihm auftaten. Die letzten schriftlichen Worte Luthers auf einem Zettel vom 16. Februar 1546 lauteten: „Die Heilige Schrift meine niemand genügsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler, das ist wahr.“ 5

   Im Angesicht der Ewigkeit empfand sich Luther als ein Bettler, obgleich sein reformatorisches Wirken beachtlich war und über Jahrhunderte einen reichen Schatz darstellte. Luther übersetzte das Alte und Neue Testament in die deutsche Sprache. Neben den reformatorischen Hauptschriften An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche und Von der Freiheit eines Christenmenschen verfasste er weitere Schriften und Kommentare zur Bibel. Überdies erkannte Luther die Notwendigkeit, den Kirchengesang zu reformieren, und er verfasste selbst zahlreiche Choräle und Kirchenlieder in deutscher Sprache.

   Für Luther war ein wahrhaft geistliches Kirchenlied nichts anderes als die gesungene Botschaft der Wahrheit des Evangeliums. Carl Gustaf Bobergs bekanntes Lied Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte ehrt den Schöpfer, Herrscher und Erlöser. Es steht in der Tradition des reformatorischen Liedgutes, das uns noch heute zuruft: soli Deo gloria – Gott allein die Ehre. Im Gegensatz zu manchem frommen Liedgut unserer heutigen Zeit, in der die Ehre und Herrlichkeit Gottes auf dem Altar von Kommerz, banalem Emotionalismus und frommem Ichmenschen geopfert wird, ertönen diese alten Liedtexte wie eine Mahnung und Herausforderung zugleich. Fehlt uns nicht das, was Boberg beschreibt: „Wenn mir der Herr in seinem Wort begegnet, ... Dann jauchzt mein Herz dir, großer Herrscher zu, Wie groß bist du, wie groß bist du!“

   Luther hatte wie Boberg sein „Gewittererlebnis“ und wurde in einem Augustinerkloster von Gott für seine Berufung zugerüstet. Doch erst als der Herr dem Reformator in seinem Wort begegnete, wurde der neue innere Mensch geboren, der Geschichte schreiben sollte. In einem seiner bekanntesten Lieder Eine feste Burg ist unser Gott ruft der Reformator uns gleichsam noch heute zu: Sie sollen lassen das Wort stahn! In jeder christlichen Bewegung, Kirche oder Gemeinschaft, in der die Schriftfrage nicht geklärt ist, in der kein uneingeschränktes Ja zur Schriftautorität – zu sola scriptura – uneingeschränkt Geltung hat, entfernt sich die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes. Zurück bleibt bestenfalls tote christliche Tradition, schlimmstenfalls der völlige Glaubensabfall.

   „Mit unserer Macht ist nichts getan“, dichtete Luther als jemand, der als „Madensack“ von seinem Herrn und Erlöser als einer der größten Reformatoren in die Kirchengeschichte einging. Als er an den Pforten der Ewigkeit stand, empfand sich der wortgewaltige Luther angesichts seines mächtigen Gottes als Bettler. Doch bis zu seinem letzten Atemzug war er sich gewiss: „Das Reich muss uns doch bleiben.“

 

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst
ers jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit' für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär,
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir und nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht':
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein' Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
sie habens kein' Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.


 

Anmerkungen

1. WA, 26, 499-500.
2. WA, 8, 637.
3. Martin Luthers Turmerlebnis.URL: http://www.gemeindehilfsbund.de/seelsorge-und-beratung/frieden-mit-gott-finden/64-turmerlebnis.html. Aufgerufen am 19.1.2015.  Martin Luther, Vorrede zum 1. Band der Gesamtausgabe seiner lateinischen Werke, Wittenberg 1545.
4. Klaus Rüdiger Mai, Der Vatikan: Geschichte einer Weltmacht im Zwielicht, Bastei Lübbe, Köln, S.362-363.
5. Dr. Volkmar Joestel, Luthers Tod. URL: http://www.luther.de/jlt.html. Aufgerufen am 19.1.2015.

 

© Georg Walter

 

 

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